Operette mit Botschaft: “Boccaccio” beim Lehár Festival

12.07.2026 • 09:31 Uhr
Operette mit Botschaft: "Boccaccio" beim Lehár Festival

Die 65. Saison des Lehár Festivals soll “ein Festivalsommer im Zeichen des Humanismus” werden. Dieses Versprechen hat Intendant Thomas Enzinger am Samstag im Kongress & TheaterHaus Bad Ischl gegeben, wo vor der Eröffnungspremiere von Franz von Suppès “Boccaccio” Tradition und Aktualität gleichermaßen beschworen wurden. Die Operette sei ein “heiterer Botschafter humanistischer Werte”, gab Enzinger die Linie vor, für die auch Physiker Werner Gruber aufgeboten wurde.

Gruber demonstrierte in einer kleinen Wissenschaftsshoweinlage, wie bereits ein paar Tropfen einer anderen Flüssigkeit den Zusammenhalt der Wassermoleküle auflösen können. Was er mit einem Teesieb anschaulich machte, drohe dem sozialen Netz, zog er eine Analogie, die anschließend auch mit der im mittelalterlichen Florenz spielenden Operette unterstrichen werden sollte. Jenny W. Gregors starke Bearbeitung des Librettos von Friedrich Zell und Richard Genée zielte einerseits auf die Betonung gesellschaftspolitischer Akzente, andererseits auf die Stärkung des Bezugs zu dem titelgebenden Dichter Giovanni Boccaccio, der sich mit seiner vor fast 700 Jahren erschienenen Novellensammlung “Il Decamerone” unsterblich gemacht hat.

Lange Perlenschnur an Geschichten

Der von Christina Sidak gesungene Dichter, der sich mit seinen frivolen Geschichten zum Liebling der einfachen Menschen und zum Feind der mächtigen Kirche wie der gehörnten Ehemänner gemacht hat, lässt eingangs einen Aufruf ergehen, Freiwillige aus dem Publikum mögen selbst auf die Bühne kommen, um Geschichten zu erzählen. Regisseur Enzinger schlägt mit dem Auftritt vermeintlicher Zuschauer, Kellner und Kartenabreißer, die sich auf der von Stefan Wiel mit Zitaten der italienischen Kunstgeschichte ausgestatteten Bühne mittels prächtiger Kostüme von Sven Bindseil in historisches Personal verwandeln, eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit. Dort sind freilich die Probleme ähnlich: Die Florentiner Damenwelt ist mit ihren Angetrauten unzufrieden und findet junge Männer deutlich attraktiver.

Aus der nun über fast drei Stunden ausgebreiteten Perlenschnur an manchmal mehr, manchmal weniger pointierten amourösen Abenteuern einen so unterhaltsamen wie lehrreichen Abend zu machen, ist ein Unterfangen, das nicht zur Gänze aufgeht. Zum einen ist die vom Franz Lehár-Orchester unter der Leitung von Christoph Gruber solide dargebrachte Musik der erstmals in der Geschichte des 1961 gegründeten Festivals gespielten Operette mehr Hand- als Meisterwerk, andererseits verliert man zwischendurch schon mal den Überblick über das Treiben auf der kleinen Bühne, in deren Mitte der Orchestergraben so platziert ist, dass man gelegentlich um die Trittsicherheit des Ensembles bangt.

Suppè zwischen Goldoni und Nestroy

Der personelle Aufwand ist enorm. Der Chor und ein von Lukas Ruziczka ambitioniert choreografiertes sechsköpfiges Tanzensemble sorgen dafür, dass es immer wieder recht eng wird. Die Solistinnen und Solisten wissen, dass es in der Operette auf Schauspiel ebenso ankommt wie auf Gesang. Schon lange vor dem als Commedia dell’Arte ausgeführten Finale setzt Regisseur Enzinger auf die komödiantischen Aspekte und entdeckt in Suppè einen Goldoni-Nachfahren. Gerd Vogel und Hans Gröning als betrogene Ehemänner sowie Domenica Radlmaier und Miriam Portmann als ihre durchtriebenen Frauen kommt dies am meisten entgegen, während Christina Sidak als Dichter und Maria Ladurner als seine Angebetete auch gesanglich Akzente zu setzen wissen.

Nach der Pause startet man mit einer Couplet-Einlage Grönings und Anspielungen im Nestroy-Stil von Benko bis Infantino. Mit einem heftig akklamierten Aufruf, für Auseinandersetzungen nicht Waffen, sondern Worte zu wählen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen (“Bleibt nicht still!”), geht es in die Endrunde, die in ein aufmüpfiges Finale mündet. Boccaccio ruft alle dazu auf, sich nicht als bloße Zuhörer, sondern als Akteure zu begreifen und die eigene Geschichte zu schreiben. Und plötzlich kann sich jeder seine eigenen Lorbeerkranz, seine eigene Dichterkrone aufsetzen.

Die malerische Salzkammergut-Stadt, in der vor wenigen Jahren ein “Pudertanz” die Moralhüter auf den Plan gerufen hat, überrascht dieses Mal mit einer Operette mit Botschaft. Mal sehen, ob sich in “Gräfin Mariza” und “Der Göttergatte” ebenfalls umstürzlerisches Potenzial freilegen lässt. Bis 30. August ist Gelegenheit für einen Lokalaugenschein.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – “Boccaccio”, Operette von Franz von Suppè, Libretto von Friedrich Zell und Richard Genée, Spielfassung: Jenny W. Gregor, Inszenierung: Thomas Enzinger, Bühne: Stefan Wiel, Kostüme: Sven Bindseil, Choreographie: Lukas Ruziczka, Musikalische Leitung: Christoph Huber, Chor des Lehár Festivals Bad Ischl, Franz Lehár-Orchester. Mit: Maria Ladurner, Christina Sidak, Gerd Vogel, Domenica Radlmaier, Martin Lechleitner, Hans Gröning, Domenica Radlmaier, Miriam Portmann, Philip Guirola Paganini, Nikola Basta, Toma Ioan. Lehár Festival. Kongress & TheaterHaus Bad Ischl, Nächste Vorstellungen: 19., 23., 25., 30.7., Weitere Termine: )