Philipp Ther schrieb über seine böhmische Familiengeschichte

Am 17. November wird der Historiker Philipp Ther für sein Buch “Der Klang der Monarchie. Eine musikalische Geschichte des Habsburgerreichs” mit dem Staatspreis für Geschichtswissenschaften geehrt. “Ich freue mich sehr, denn es war ein Kraftakt”, sagt der 59-Jährige. Soeben hat er schon sein nächstes Buch herausgebracht und dafür Termine bei der Frankfurter Buchmesse absolviert. “Der Schatz. Eine böhmische Familiengeschichte” passt ideal zum Gastlandauftritt Tschechiens.
Ther, geboren im Kleinwalsertal und aufgewachsen in Bayern und Istanbul und seit 2010 Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, erhielt 2019 für seine Forschungen über die Umbrüche in Ostmitteleuropa den mit 1,5 Mio. Euro dotierten Wittgenstein-Preis und gründete im Jahr darauf das Research Center for the History of Transformations (RECET). Doch mit dem Buch, das am 21. Oktober in der Wiener Buchhandlung Erlkönig und am 4. November im Wien Museum präsentiert wird, betrete er gleich zweifach Neuland, erzählt Ther im Gespräch mit der APA. “Sowohl meine Familiengeschichte als auch die Geschichte der Tschechoslowakei habe ich bisher gemieden und sozusagen mit spitzen Fingern angefasst. Aber dann kamen mehrere Impulse.”
Der Schatz: Drei verstaubte Archivkisten
Einer davon ist der titelgebende “Schatz”, der Ther und seinem damals 81-jährigen Vater bei einem der vielen Besuche im Riesengebirgsmuseum von Hohenelbe von einem Museumsmitarbeiter übergeben wurde: drei verstaubte Kisten, die das gesamte, seit dem Krieg verloren geglaubte Familienarchiv der seit langem im Riesengebirge am oberen Elblauf ansässigen und 1945 vertriebenen deutschsprachigen Familie Ther enthielten.
Fachliches Vorbild für das Wagnis, die professionelle Distanz zu verlassen und sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen, sei der von ihm sehr geschätzte britische Historiker Mark Mazower gewesen, der in “What You Did Not Tell: A Russian Past and the Journey Home” die Geschichte seiner jüdisch-russischen Vorfahren, die in der Russischen Revolution nach London flüchteten, behandelt hatte. “Insofern wusste ich: Wenn man so etwas gut macht, kann man sich das trauen”, so Ther. Und schließlich hätten, nachdem vor Ort die zerstörte Familiengruft endlich wieder instand gesetzt und damit quasi eine sichtbare Wunde geschlossen wurde, sowohl Thers damals noch lebende Mutter als auch gute tschechische Freunde unisono gesagt: “Schreib das auf.”
Eine Parabel für die Gegenwart
Zur Buchmesse sind – wie etwa Alice Horáčkovás “Geteiltes Haus” – auch einige Romane erschienen, die die wechselhaften und mitunter schmerzvollen Kapitel des deutsch-tschechischen Zusammenlebens schildern. Tschechische Romane über diese Zeit zu lesen, sei eine weitere Inspirationsquelle für ihn gewesen, betont Ther. “Insofern ist mein Buch eigentlich auch eine Art Antwort auf diese sehr reichhaltige Literatur.” Dass er diese Bücher in Originalsprache lesen kann, ist nicht seiner umfassenden Vorbereitung auf “Der Schatz” geschuldet, sondern einigen Monaten, die er 1989 bei der “samtenen Revolution” in Prag verbrachte und er als Korrespondent arbeitete.
Journalistische Recherche und Oral History – beides gehe eben besser, wenn man die Landessprache beherrsche, sagt Ther und bedauert, dass es in den Schulen kaum Sprachkurse für die Sprachen der Nachbarn angeboten werden. “Ich hätte es begrüßt, wenn meine Kinder die Chance gehabt hätten, Tschechisch oder Slowakisch zu lernen. Da herrscht aber in Österreich noch ein bisschen eine postimperiale Attitüde.”
Über Generationen war Zweisprachigkeit im Sudetenland eine Selbstverständlichkeit – doch in der Zwischenkriegszeit gerieten die selbstbewusste junge tschechische Demokratie und die aus dem “Reich” aufgehetzte deutschsprachige Bevölkerungsgruppe immer heftiger aneinander. In seiner “böhmischen Familiengeschichte” zeichnet Ther die politische Entwicklung nach, in der das Pendel zunächst in die eine, dann in die andere Richtung ausschlug. “Diese Radikalisierung in den 1930er-Jahren führte rasch in Rechtsnationalismus und Nationalsozialismus. Ich finde immer noch bestürzend, wie schnell das gehen konnte und wie viele Menschen das erfasst hat. Auch deswegen wollte ich das Buch schreiben – gewissermaßen als Parabel für die Gegenwart. Es ist an der Zeit, zu erinnern, in welche Abgründe Europa damals gestürzt ist.”
Das Trauma wirkte weiter
Nach Kriegsende wurden rund drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben, mit dem “Brünner Todesmarsch” als grausamen Höhepunkt. Dass auch das besetzte Österreich unter einem kommunistischen Innenminister dabei eine unrühmliche Rolle spielte, indem es seine Grenzen schloss und den Vertriebenen zunächst die Aufnahme verweigerte, auch das kommt in dem Buch zur Sprache.
Das Trauma wirkte weiter. In den folgenden Jahrzehnten wurde wenig, und dann nicht selten voll Hass und Ressentiments, darüber gesprochen. “Für die Zeitzeugengeneration war es wahnsinnig schwer, darüber zu reden und damit zurechtzukommen. Auch meine Oma sprach nicht gut über die Tschechen, weil sie im Juni ’45 an der Grenze komplett ausgeplündert wurde und es zu scheußlichen Szenen kam. Bei uns war aber das Glück, dass wir auch tschechische Verwandte hatten. Sobald es möglich war, wurde der Kontakt auch wieder gesucht, und sie hatten dann ein herzliches und gutes Verhältnis.”
Bereitschaft zur Versöhnung
Die Verstrickung der eigenen Vorfahren “auf der braunen Rutsche abwärts” in die NS-Ideologie zählte zu den unangenehmen Erkenntnissen von Thers Recherchen in eigener Sache. “Aber mein Vater hat verstanden, dass die Verführung durch den Nationalsozialismus ein großer Fehler war, ein Irrweg.” Bei vielen Besuchen der alten Heimat, die in einem Empfang durch den Bürgermeister gipfelten, habe er letztlich seinen Frieden mit der Geschichte gemacht. “Die Erfahrung meines Vaters war eigentlich positiv, weil viele Menschen wissen, was passiert ist. Sie haben nichts gegen Deutsche oder sogar ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Ich glaube, er war dann damit ausgesöhnt.”
Jahrzehntelang war die Bekämpfung der Beneš-Dekrete, die die rechtliche Grundlage für die Enteignung und Vertreibung der deutschen Volksgruppe bildete, das politische Hauptziel der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Heute spiele das Thema kaum mehr eine Rolle, sagt Ther. Dass ihr traditionelles Pfingsttreffen heuer in Brünn und damit erstmals auf tschechischem Boden stattfand, war zwar von Protesten überschattet, “aber letztlich haben sich in Tschechien die versöhnungsbereiten Politiker und Bürger durchgesetzt”, zieht der Sozial- und Kulturhistoriker ein positives Resümee.
Die alte Heimat als künftige Sommerfrische
Er selbst hat auch schon ein nächstes Projekt im Auge: Falls sich kein tschechischer Verlag findet, der für “Der Schatz” eine Übersetzung beauftrage, kann er sich vorstellen, diese selbst zu übernehmen. “Kurze Fachtexte hab ich schon auf Tschechisch geschrieben. Lesungen aus dem Buch könnte ich auf jeden Fall bereits auf Tschechisch machen. Mal sehen, wie sich alles noch ergibt.”
Dass er selbst der alten Heimat seiner Vorfahren durch die Arbeit an dem Buch näher gekommen ist, als er je gedacht hat, wird auch sonst seinen Niederschlag finden. In dem 300 Kilometer nördlich von Wien gelegenen Städtchen Vrchlabí, wie Hohenelbe heute heißt, gibt es zwar keinen Immobilienbesitz der Familie mehr, aber in einem nahen Ort eine in einem schlossähnlichen Anwesen im Tudor-Stil etablierte einfache Pension, in der er sich sehr wohl fühlt. Auch im vergangenen Sommer hat er hier in der sanft hügeligen Landschaft einige schöne Tage verbracht. “Es ist ideal für eine klassische Sommerfrische. Man kann wunderbar wandern, Schwammerl suchen, Heidelbeeren brocken und gut essen. Das Beste ist: Dort oben hat es in den Hitzewellen so sieben bis zehn Grad weniger als in Wien gehabt. Der Klimawandel wird mich wohl noch oft dorthin treiben.”
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – Philipp Ther: “Der Schatz. Eine böhmische Familiengeschichte”, Suhrkamp Verlag, 272 Seiten, 28,70 Euro; Buchpräsentationen am 21.10., 19.30 Uhr, Buchhandlung Erlkönig, Wien 8, Strozzigasse 19, sowie am 4.11., 18.30 Uhr, im Wien Museum)