Philosophin Lisz Hirn: “Plötzlich geht es wieder um Gewalt”

10.09.2026 • 05:30 Uhr
Philosophin Lisz Hirn: "Plötzlich geht es wieder um Gewalt"

Die 1984 geborene österreichische Philosophin Lisz Hirn hält am 18. September in Ramsau die Eröffnungsrede der Dachstein Dialoge 2026. Drei Tage später diskutiert sie auf einer Veranstaltung des Internationalen Forums für Wirtschaftskommunikation in Wien über “KI und die Frage nach der Verantwortung”. Am 22. September präsentiert sie im Wien Museum ihr neues Buch “Gehorchen. Über das Wesen der Autorität”. Viele Gründe und viele Themen für ein Gespräch mit der APA.

APA: Frau Hirn, Sie halten heuer die Eröffnungsrede der Dachstein Dialoge. Diese haben eine Frage als Motto gewählt: “Worauf kann ich vertrauen?” Was ist Ihre Antwort darauf?

Lisz Hirn: Da lohnt es sich, zunächst zu schauen: Welchen Dingen trauen wir im Moment nachweislich am meisten? Für mich war überraschend zu sehen, dass wir großes Vertrauen in Maschinen setzen, etwa in Form von KI-Antworten. Sind also diese neuen technologischen “Errungenschaften” vielleicht in die Bresche gesprungen für das Vertrauen in Autoritäten, das jetzt nicht mehr besteht? Wir verstehen Autorität immer nur im Sinn von autoritär und im Zusammenhang mit autokratischen Führungspersönlichkeiten. Aber im philosophischen Verständnis handelt es sich nur dann um Autorität, wenn sie keiner Gewalt und keines Zwanges bedarf. Und das wirkt für uns heute fast wie ein Widerspruch. In Autoritätsbeziehungen gibt man freiwillig Vertrauen auf Vorschuss.

APA: Künftige Entscheidungen drohen aber nicht mehr von Menschen, die man kennt, ob man deren Autorität nun anerkennt oder nicht, getroffen zu werden, sondern von Algorithmen, die man ebenso wenig kennt wie deren Programmierer. Ist das nicht ein Paradigmenwechsel?

Hirn: Das ist tatsächlich ein Paradigmenwechsel, vor allem, weil wir dieses Vertrauen auch gar nicht mehr entziehen können, selbst wenn wir es wollten.

Der Paradigmenwechsel unserer Zeit: Technik statt Ethik

APA: Bei der KI kann man nur noch den Stecker ziehen …

Hirn: Als Einzelner vielleicht, es wird Ihnen nur nichts nützen, weil ja alles online organisiert ist. Die Frage ist nicht mehr: Kriegen wir das wieder los? Da bin ich tatsächlich pessimistisch. Die Frage ist eher: Wie sichern wir noch eine Art von analogem Austausch? Wir haben diese ganzen unsichtbaren Autoritäten wie Gott oder andere religiöse oder ideologische Überzeugungen abgelegt, und nun tritt uns etwas entgegen, was uns durch Effizienz und Funktionalität berauscht. Die neue technologische Autorität gibt vor, die leidigen sozialen und ethischen Debatten und Dilemmata zu lösen, indem sie diese zu einem Ingenieursproblem ummodelt. Also salopp gesagt: Technik statt Ethik. Aber das hapert natürlich an allen Ecken und Enden, denn ethische Fragen sind eben keine Wahr- und Falsch-Fragen. Aus den heute verfügbaren Datenmengen lässt sich zwar im Einzelfall mehr rausholen als früher bei jeder Beichte und jedem Verhör – aber Gerechtigkeit lässt sich nicht durch einen Rechenvorgang herstellen.

APA: In Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich mit dem “Wesen der Autorität”. Es ist erstaunlich, wie sehr dieses Thema in der Luft liegt. Das kommende Philosophicum Lech beschäftigt sich mit der neuen Lust an der Unmündigkeit, Peter Sloterdijks neues Buch heißt “Der Fürst und seine Erben”. Die Philosophie scheint ein gutes Sensorium dafür zu haben, wie sehr sich die gesellschaftliche Stimmung gerade wandelt.

Hirn: Ich glaube tatsächlich, dass dieses Sensorium sehr fein ist, auch deshalb, weil Philosophie im rein akademischen Kontext immer schlechter funktioniert und sie daher interdisziplinär arbeiten muss.

APA: Politiker erleben derzeit in vielen europäischen Staaten einen eklatanten Autoritätsverlust. Bruno Kreisky oder Angela Merkel waren zu ihren Zeiten Persönlichkeiten, deren Autorität man anerkannt hat. Haben Sie selbst positive Beispiele – Politiker oder Politikerinnen, denen Sie vertrauen oder vertraut haben?

Hirn: Auf Bezirks- oder Landesebene habe ich immer wieder Persönlichkeiten getroffen, denen ich beim Lösen von Sachproblemen vertraue. Je höher es hinaufgeht in den Ebenen, desto weniger Vertrauen scheint vorhanden. Johanna Dohnal hat mich beeindruckt in ihrem ständigen Bestreben, überall den direkten Austausch zu suchen. Das ist für das Aufbauen von Glaubwürdigkeit und Vertrauensprozess essenziell. Auch Hertha Firnberg fällt mir dazu ein. Bei Bruno Kreisky gab es dagegen schon Tendenzen, diese Autorität auch wirklich festzuschreiben – Stichwort “Sonnenkönig”.

“Wenn Reibungsflächen verschwinden, kann auch Ungehorsam nicht gelernt werden.”

APA: Alles hat seine guten und schlechten Seiten?

Hirn: Slavoj Žižek schreibt in seinem Buch “Freedom as a Disease”: Autorität ist niemals wahr, aber notwendig. Dieser Satz hat mich wirklich beschäftigt. Es gibt keinen Wahrheitsanspruch, aber die Notwendigkeit, sich zu etwas Vorgegebenem zu verhalten, sich daran zu reiben, in Opposition zu treten. Das gilt auch für den Erziehungsbereich. Dieses Problem behandle ich auch in meinem Buch: Was ist, wenn Erwachsene diese Funktion nicht mehr übernehmen wollen und sich stattdessen lieber mit den Kindern “verbrüdern”? Wenn diese Reibungsflächen verschwinden, dann kann auch Ungehorsam nicht gelernt werden.

APA: Der Danksagung in Ihrem Buch habe ich entnommen, dass Sie diese Reibungsfläche zu Hause bekommen haben.

Hirn: (lacht) Oh ja, die bekomme ich auch weiter. Als Millennial bin ich Anfang der 2000er erwachsen geworden. Als meine Mutter mir damals vorschlug, sie wolle meine beste Freundin sein, habe ich gesagt: “Ich will das nicht. Freunde habe ich genug. Es ist doch viel wichtiger, dass Du meine Mutter bist. Davon hab ich nur eine.” Davon abgesehen, waren beide Eltern Reibungspunkte für mich, ja, und natürlich nicht immer nur im Positiven. Aber etwas steht auch drinnen in der Danksagung: In manchen Punkten kann ich Ihnen jetzt recht geben.

Der Autorität lässt sich nicht entkommen

APA: Fällt uns die antiautoritäre Erziehung von einst heute, mit ein, zwei Generationen Abstand, auf den Kopf?

Hirn: Ein Stück weit ja und ein Stück weit nein. Es war wesentlich, dass man gewisse Autoritäten hinterfragt hat – Gott, Kirche, Staat, Patriarchat und so weiter -, um Emanzipation und Mündigkeit voranzutreiben. Aber wir gehorchen ja immer irgendeiner Sache – sei es dem eigenen Gewissen oder seien es gewisse Grundsätze, die sich ein Kollektiv gibt. Gerade auch die 68er-Generation hatte sehr wohl Grundsätze. Auch bei Adornos “Erziehung zur Mündigkeit” war klar, dass das nicht im luftleeren Raum passieren kann, sondern dass es Eckpfeiler gibt. Diese Eckpfeiler bedürfen der Autorität. Wir können ihr nicht entkommen. Aber wir können sie hinterfragen, wenn wir sie uns bewusst machen.

APA: Jahrzehntelang hatte Politik mit Philosophie kaum etwas zu tun. Die aus Amerika kommende ultrakonservative Welle beruft sich dagegen wieder auf einen philosophischen Unterbau. Freut das die Philosophin, oder wird hier Ihre Disziplin für Machtinteressen missbraucht?

Hirn: Missbrauch gab es ja immer, wenn man nur daran denkt, wie etwa Karl Marx’ Werk verwendet wurde. Ich habe mir schon immer gedacht, dass uns einmal das 19. Jahrhundert böse einholen könnte. Schon Carl Schmitt war wesentlich inspiriert von Denkern wie Schopenhauer und Nietzsche. Aber, dass jetzt über Peter Thiel und Curtis Yarvin auch die deutsche Philosophie plötzlich so populär ist in der US-Politik, hat mich tatsächlich verwundert. Und dabei sieht man genau, welche philosophischen Positionen wiederbelebt werden – jedenfalls nicht die gemäßigten liberalen. Wenn man sich dann die Widersprüchlichkeiten dabei anschaut und das, worauf sie hinauswollen, sieht man, dass das weniger mit Philosophie zu tun hat als mit Ideologie.

“Gesunder Hausverstand” und “Bauchgefühl”

APA: Da kommen plötzlich auch Begriffe ins Spiel, die man längst in der Mottenkiste der Geschichte versperrt geglaubt hatte, wie etwa “Antichrist”.

Hirn: Ja, und plötzlich geht es auch wieder um Gewalt. Autorität im Politischen oder im Erzieherischen wäre ja dazu da, Gewalt zu verhindern oder ihr entgegenzustehen. Das Schockierende ist die Selbstverständlichkeit, mit der Gewalt heute wieder politisch eingesetzt und legitimiert wird. Ich glaube nicht, dass es dafür eine Notwendigkeit gibt. Dass dies ohne große Proteste hingenommen wird, beschäftigt mich sehr. Damit sind wir aber auch bei der gegenwärtigen Krise der Politik. In dem Moment, wo ich sage, ich kann jetzt nur mit Zwang, Strafe und Gewalt reagieren, werde ich als Autorität unglaubwürdig. Das war auch in der Pandemie der Punkt: Am Anfang war die staatliche Autorität durchaus anerkannt – bis man es überspannt hat. Damit hat man die Autorität selbst sabotiert.

APA: Sie verbinden in Ihrem Buch immer wieder Geist und Körper: Mündigkeit und Mund, Gehorchen und Horchen, also das Ohr. Und dann gibt’s ja noch das “Bauchgefühl”. Das kann doch nur bedeuten: mehr fühlen und weniger denken! Was uns zu einem in der politischen Debatte in Österreich zuletzt gerne verwendeten Begriff führt, den “Hausverstand”.

Hirn: Noch schöner wird es, wenn der “gesunde Hausverstand” angerufen wird, weil dann gibt es wohl den kranken auch. Das Heftige ist, dass es wirklich etwas auslöst bei den meisten: So eine gesunde, starke Überzeugung zu haben, das reicht schon. Das halte ich für ganz gefährlich. Mit Verstand hat das wenig zu tun. Es gibt dieses schöne Zitat von Nietzsche: “Nur weil etwas überzeugt, ist es noch lange nicht wahr. Es ist nur überzeugend.” Gerade Politiker, die ein Gespür für Stimmungen haben, sollten Argumente einsetzen, um zu zeigen, dass solche Überzeugungen möglicherweise auf sehr wackeligen Beinen gebaut sind. Das angemessene Misstrauen gegenüber dem eigenen Bauchgefühl – das fehlt mir in den Diskussionen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Lisz Hirn: “Gehorchen. Über das Wesen der Autorität”, Zsolnay Verlag, 174 Seiten, 24,70 Euro, ISBN 978-3-552-07610-5. Erstpräsentation des Buches am 22.9. um 18.30 Uhr im Wien Museum: , Podiumsdiskussion “Vom Werkzeug zum Urteil: KI und die Frage nach der Verantwortung” am 21.9., 18 Uhr, beim IFWK-Talk im APA-Pressezentrum, Wien 6, Laimgrubengasse 10. Lisz Hirn hält am 18.9. um 18 Uhr in der Evangelischen Kirche in Ramsau am Dachstein die Eröffnungsrede der bis 24.9. in Filzmoos und Ramsau stattfindenden Dachstein Dialoge 2026, )