Plakativ: “Die größere Hoffnung” im Akademietheater

23.10.2026 • 12:52 Uhr

Wer die Arbeiten der schwedischen Regisseurin Therese Willstedt am Burgtheater in den vergangenen zwei Jahren verfolgt hat, der kennt ihre Vorlieben: Romandramatisierungen und Vervielfachung der Figuren. Nach Virginia Woolfs “Orlando” und Thomas Bernhards “Auslöschung” stand am Donnerstag im Akademietheater nun die Premiere der Bühnenfassung von Ilse Aichingers einzigem Roman “Die größere Hoffnung” an: als düstere Versuchsanordnung über die Kindheit im Krieg.

Waren es 2024 noch sieben Orlandos und 2025 gleich acht Franz-Josef Muraus, sind es nun acht jüdische Kinder in jeweils doppelter Ausführung, die von der Gesellschaft ausgegrenzt in Ahnung der nahenden Katastrophe versuchen, trotzdem noch irgendwie Kinder zu sein. Gewissermaßen gibt es sieben davon sogar dreifach: Anders als die Protagonistin Ellen, die nur zwei “falsche” Großeltern hat, tragen sie alle einen Judenstern und am Ende werden die sieben quadratischen gemauerten Pfeiler, die Bühnenbildner Mårten K. Axelsson vor die kahle Feuerwand des Akademietheaters gesetzt hat, begleitet von sehr viel Theaternebel in den Schnürboden schweben. Es bleibt das stärkste Bild einer Inszenierung, die dort allzu konkrete Szenen erzwingt, die bei Aichinger von Sprache und Andeutung leben.

Suche nach Zugehörigkeit außerhalb der Gesellschaft

Im Zentrum des 90-minütigen Abends steht eine famose Nina Siewert, die gemeinsam mit ihrem kindlichen Alter Ego schüchtern durch eine Stadt irrlichtert, die sie nicht mehr wiedererkennt. Der Vater im Krieg, die Mutter nach Amerika geflüchtet, die suizidale Großmutter (Sabine Haupt) am Ende ihrer Hoffnung. In Aichingers 1948 erschienenem autofiktionalen Roman gehört Ellen nirgendwo mehr dazu. Als Halbjüdin wird sie von den anderen Kindern gemieden, also sucht sie Anschluss bei jenen einen Stern tragenden Altersgenossen, die das Flussufer und den Friedhof zu ihrem Spielplatz gemacht haben, weil sie an den gewohnten Orten nicht mehr toleriert werden.

Während Jörg Ratjen als naiver Georg, Itay Tiran als nachdenklicher Kurt und Maresi Riegner als quirlige Bibi in ihren unscheinbaren 30er-Jahre-Kleidern redlich versuchen, eine gewisse Kindlichkeit auszustrahlen, doppelt Willstedt sie mit jungen Statistinnen und Statisten, die auf der Bühne Fangen und Verstecken spielen, ein Geburtstagsständchen singen und schließlich einer nach dem anderen verschwinden – und nur ihre Schuhe zurücklassen.

Plakative Szene jenseits von tragischer Magie

Es sind plakative Szenen wie diese, die der sprachlichen Wucht der Vorlage die Magie entziehen. Hat Sara Ostertag in ihrer Dramatisierung am Landestheater Niederösterreich im Jahr 2023 gemeinsam mit der Musikerin Mira Lu Kovacs und Bühnenbildnerin Nanna Neudeck durch entrückte Überhöhung starke Metaphern gefunden und durch die Aufteilung auf mehrere Ellen-Figuren eine gewisse Allgemeingültigkeit geschaffen, setzt Willstedt hier auf bloße Bebilderung berühmter Szenen wie etwa jener am Fluss, wo die Kinder darauf hoffen, irgendwann ein hineingefallenes Kind zu retten und sich als Dank wieder in die Gesellschaft integrieren zu dürfen. Oder jener, wo Ellen den Konsul (Ratjen) bittet, ihr doch ein Visum auszustellen, um ihrer Mutter zu folgen, er ihr aber rät, sich ihr Visum doch selbst zu zeichnen.

Immer wieder setzt die Inszenierung auf das parallele Spiel von Ensemble und Kinderkomparserie, was zu anrührenden Momenten führt, deren Sinnhaftigkeit sich jedoch kaum erschließt. Hier wird auf Betroffenheit gesetzt, wo sie ohnehin bereits mitschwingt, auf Deutlichkeit, wo das Ungesagte bereits überdeutlich ist. Und so gerät “Die größere Hoffnung” zur bisher am Haus schwächsten Arbeit der Regisseurin und zeigt einmal mehr: Romane wurden geschrieben, um gelesen zu werden.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – “Die größere Hoffnung” von Ilse Aichinger in einer Bühnenfassung von Therese Willstedt und Jeroen Versteele im Akademietheater. Regie: Therese Willstedt, Bühne und Licht: Mårten K. Axelsson, Kostüme: Anna Heymowska, Musik: Ditlev Brinth. Mit Nina Siewert, Itay Tiran, Jörg Ratjen, Sabine Haupt, Hans Dieter Knebel, Enes Sahin und Ines Marie Westernströer. Kommende Termine: 24. Oktober, 1., 7., 17. und 27. November. )