Regisseur Max Koller hatte “Sehnsucht nach Ruhe”

31.10.2026 • 06:00 Uhr
Regisseur Max Koller hatte "Sehnsucht nach Ruhe"

Der österreichische Regisseur Max Koller nimmt mit seinem semi-dokumentarischen Film “Der Tag vor dem Abend” das Kinopublikum auf eine Reise in den Alltag seiner Oma mit. Er begleitet die beim Dreh 92-Jährige vom Frühstück bis zum abendlichen Fernsehen und driftet auch ins Poetische ab. Mit der APA sprach Koller, geboren 1999, vor den Screenings seines Films bei der Viennale über den Wert der sprachlosen Beobachtung, seine Idealvorstellung vom Tod und eine steile Lernkurve.

APA: Vielleicht eine Frage, die wir ganz am Anfang klären sollten: Geht es Ihrer Oma gut? Immerhin ist sie im Film “Der Tag vor dem Abend” im hohen Alter von über 90 Jahren zu sehen.

Max Koller: Jetzt ist sie 94 Jahre alt, zum Drehzeitpunkt war sie 92 Jahre alt. Ja, ihr geht es gut. Sie macht mit mir gemeinsam auch das Publikumsgespräch bei der Viennale. “Da habe ich keinen Genierer, ich werde alle Fragen beantworten, kein Problem!”, hat sie gesagt.

APA: Wie hat sie reagiert, als Sie an sie herangetreten sind, um einen Film über sie zu machen?

Koller: Zuerst war sie etwas unsicher, ob sie es machen soll und hat gemeint, dass es da gar nichts Interessantes zu sehen gebe. Dann war sie aber bald sehr motiviert und der Prozess ist immer kollaborativer geworden. Aber sie hat nach mehreren Takes auch klar gesagt, wenn es für sie reicht. Ursprünglich sollte der Film aber aus mehreren Teilen bestehen, die sich etwa auch mit dem Ort, in dem sie wohnt, und dem Bach dort befassen. Aber ich habe sehr schnell festgestellt, dass sich das alles allein schon aus Zeitgründen nicht ausgeht. Und dann habe ich mich auf die Oma fokussiert. Ich habe viel Zeit mit ihr verbracht und dabei bemerkt, dass mich nicht nur interessiert, was sie macht, sondern auch die Art, wie ich es sehe.

APA: Hat sie den fertigen Film schon gesehen?

Koller: Ja, zweimal. Sie erinnert sich an die Szene, in der sie ihre Zähne rein gibt. Sie hofft, dass das nicht peinlich ist. Sie hat den Film aber noch nie im Kino gesehen. Dort wird es hoffentlich nochmal eindrücklicher für sie sein.

Ein Haus als Labyrinth

APA: Handelt es sich bei Ihrem Film um eine nüchterne Analyse, die zärtliche Verewigung einer nahen Verwandten, eine Verneigung vor dem Alltäglichen oder sinnieren Sie damit über Einsamkeit?

Koller: Alles davon und nichts. Es ist schon ein Porträt einer fiktionalisierten Version von ihr. Im echten Leben ist sie aber sehr gut vernetzt im Ort. Mich hat interessiert, was sie macht, wenn sie alleine ist. Daher war zu einem gewissen Teil auch die Intention, etwas über Alltag und Einsamkeit zu erzählen. Es ging mir auch darum, einen filmischen Raum zu bauen, dieses Haus und die Abläufe darin festzuhalten. Ursprünglich sollte man sich danach im Haus auskennen, es ist aber mehr zu einem Labyrinth geworden.

APA: Einen so – zumindest auf den ersten Blick – radikal-einfachen Film zu machen, ist mutig und bricht mit Sehgewohnheiten der heutigen Zeit. Ist er auch als Gegenreaktion auf eine zusehends beschleunigte Gesellschaft zu verstehen?

Koller: Ja, auch das. Ich habe Instagram mit 16 Jahren gelöscht, bevor es noch so verrückt algorithmisch geworden ist, weil ich mich schon damals unglücklich bis in den Abgrund gescrollt habe. Ich hatte Sehnsucht nach einer gewissen Konzentriertheit und Ruhe und einem Gewicht der Dinge.

APA: Ihr Film gleitet immer mal wieder ins Poetische ab, wenn die Oma fernsieht oder sich faszinierende Schattenmuster auf ihrem Gesicht bilden. Was steckt da dahinter?

Koller: Im Laufe des Films kommt es immer mehr zu einer Auflösung seiner rigiden Form, was vielleicht mit meinen Gedanken über das Altern, Vergänglichkeit und das Sterben zu tun hat. Meine Idealvorstellung vom Tod ist, dass man sich in der Welt verliert, als würde man wie die Kamera abdriften und plötzlich nicht mehr existieren. Und im Laufe des Films wollte ich auch etwas von Oma ablassen – mit der Ameisen-Sequenz zum Beispiel.

Naturdoku trifft experimentellen Flickerfilm

APA: Dabei begleiten Sie die Ameisen auf ihrem täglichen Weg durch den Garten. Da geht es im Untergrund auch an einer Spinne vorbei. Die Aufnahmen erinnern an eine Naturdoku …

Koller: Ich mag es gerne, wenn unterschiedliche Arten der Filmproduktion aufeinandertreffen – wie eben eine Naturdoku oder eine Zeit lang ein experimenteller Flickerfilm.

APA: Zu hören gibt es von der Oma nicht viel, einmal ein fragendes “Hallooo?” am Telefon. Warum haben Sie sich dazu entschieden? Steht die Oma für mehr als sich selbst?

Koller: Auf gewisse Art, ja. Eigentlich gab es zwei unterschiedliche Gespräche, die gedreht wurden und auch im Film sein sollten. Im Schnittprozess habe ich sie wegreduziert, weil ich das Gefühl hatte, dass es sonst die Art verändert, wie man sich auf den Film einlässt. Es kommen sonst sofort weitere Aspekte ins Spiel. Man hört den Dialekt, analysiert das Gespräch. In der sprachlosen Beobachtung lässt man sich anders auf den Film ein. Aber es war das letzte Material, das ich aus dem Film rausgenommen habe. Ich habe mir gedacht, ich kann ihr doch nicht die Sprache wegnehmen, weil sie normalerweise eben auch viel redet.

Auszeichnungen in Deutschland und Japan

APA: Ihr Film wurde bereits in Deutschland bei der Duisburger Filmwoche und in Japan beim Nara International Film Festival mit Auszeichnungen versehen. Nun wird er auch bei der Viennale gezeigt. Haben Sie damit gerechnet, dass er so gut ankommt?

Koller: Nein, gar nicht. Ich wusste nichts über die Festivalwelt und wie man Filme einreicht. Das war jetzt eine extrem steile Lernkurve für mich im vergangenen Dreivierteljahr. Teil des Preises in Japan ist auch, dass ich ein Drehkonzept einreichen darf. Wenn es sich gegen andere durchsetzen sollte, drehe ich 2028 einen Film in Japan. Ich bin aber noch auf der Suche nach einer guten Idee.

APA: Der Film müsste in Japan spielen?

Koller: Der müsste in einem spezifischen Dorf in Japan gedreht werden und ich müsste mit den Leuten dort arbeiten. Das Dorf stellt das Geld dafür auf. Eine coole Herausforderung. Aber schauen wir mal, ob das was wird.

APA: Wird “Der Tag vor dem Abend” einen regulären Kinostart in Österreich haben?

Koller: Bisher hat sich leider noch nichts ergeben. Aber es gab ja auch keine Produktionsfirma. Es ist daher schon absurd, dass er auf mehreren Festivals gezeigt wurde und wird.

(Das Gespräch führte Lukas Wodicka/APA)

(S E R V I C E – ; Am Samstag, 19 Uhr, im Filmmuseum und am Sonntag, 18 Uhr, im Metro-Kinokulturhaus im Rahmen der Viennale zu sehen)