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Weinen, ­spielen, lachen – so ­trauern Kinder

30.10.2026 • 15:53 Uhr
Asiatische Hornisse
Irene Christof und Sabine Mangeng von Hospiz Vorarlberg. caritas

Rund um Allerheiligen werden Erinnerungen an verstorbene Angehörige besonders lebendig. Sabine Mangeng und Irene Christof von Hospiz Vorarlberg erklären, warum Kinder und Jugendliche dabei oft ganz eigene Wege finden.

Während manche Menschen das Grab besuchen, erinnern sich andere bei Gesprächen, Fotos oder kleinen Ritualen an geliebte Menschen. Sabine Mangeng und Irene Christof von Hospiz Vorarlberg erklären, warum Kinder und Jugendliche oft eigene Wege finden, mit Verlust und Trauer umzugehen.

Vor kurzem begleitete Sabine Mangeng von Hoki, dem Hospiz für Kinder und Jugendliche, ein achtjähriges Mädchen, das um seinen geliebten „Göti“ trauerte. Gemeinsam machten sie ein Picknick im Grünen. Beim Jausnen erzählte das Mädchen, dass ihr Patenonkel besonders gerne Erdbeeren gegessen hatte. „So sind wir ins Reden gekommen und die Erinnerung an den Göte wurde wieder lebendig“, erzählt Mangeng.

Unterschiedliche Trauer

Kinder trauern anders als Erwachsene. Besonders bei kleinen Kindern wechseln sich unbeschwerte und traurige Momente oft rasch ab. „Eben noch weinen sie, weil sie einen geliebten Menschen vermissen, im nächsten Moment laufen sie zur Schaukel und spielen fröhlich mit einem Freund“, sagt Mangeng. Dass Kinder zwischendurch lachen und unbeschwert wirken, bedeute nicht, dass sie nicht traurig seien. Kinder könnten schwere Gefühle oft nur kurze Zeit aushalten und tauchten zwischen den Trauermomenten wieder ins Leben ein.

Sabine Mangeng, Irene Christof
Hoki-Leiterin Sabine Mangeng im Einsatz. Caritas

Auch im Spiel verarbeiten Kinder Erlebtes. Mangeng erinnert sich an ein Kind, das nach einem tödlichen Autounfall in der Familie immer wieder zwei Spielzeugautos gegeneinanderstieß und rief: „Bumm, jetzt sind alle tot.“ Für das Kind sei es wichtig gewesen, das Geschehene auf diese Weise nachzuspielen. „Erwachsene sollten solche Reaktionen nicht vorschnell bewerten oder unterbinden.“

Alter spielt eine Rolle. Wie Kinder Tod und Trauer verstehen, verändert sich mit dem Alter. Für Kindergartenkinder hat der Tod oft noch nichts Endgültiges. Sie brauchen vor allem verlässliche Alltagsroutinen. Volksschulkinder stellen zunehmend konkrete Fragen und wollen wissen, was beim Sterben passiert. Bei Kindern in der Mittelschule spielen das biologische Verständnis, Details und Rituale eine größere Rolle. Jugendliche möchten häufig ihren Alltag und den Kontakt zu Gleichaltrigen weiterführen können und zugleich eine vertraute Ansprechperson haben, wenn sie diese brauchen.

Respektieren

Auch Jugendliche finden rund um Allerheiligen und Allerseelen eigene Wege des Gedenkens. Irene Christof von der Kontaktstelle Trauer kennt junge Menschen, die lieber mit Freunden zusammensitzen, als mit der Familie ans Grab zu gehen. Für Eltern oder Großeltern sei das manchmal schwer zu verstehen. „Doch nur weil jemand mit dem Friedhofsbesuch nicht viel anfangen kann, vermisst er oder sie den verstorbenen Menschen nicht automatisch weniger“, betont Irene Christof. Entscheidend sei, einander nicht vorzuschreiben, wie Trauer auszusehen habe, sondern unterschiedliche Wege zu respektieren.

Sabine Mangeng, Irene Christof
Irene Christof und Sabine Mangeng. Caritas

Einbeziehen

Familien können Kinder rund um Allerheiligen einbeziehen, etwa beim Schmücken des Grabes, beim Anzünden einer Kerze oder beim gemeinsamen Erinnern. Wer nicht mit auf den Friedhof gehen möchte, kann trotzdem Teil des Gedenkens sein. „Derjenige, der lieber daheimbleibt, kann zum Beispiel in der Zwischenzeit eine Jause für die anderen vorbereiten“, so Christof.

Manche Kinder sprechen nicht von sich aus über einen Verlust. Das bedeute aber nicht automatisch, dass sie nicht reden wollten, erklärt Mangeng. Vielleicht fehle ihnen noch die Sprache für das, was sie beschäftigt, oder sie hätten den Eindruck, Fragen seien gerade nicht erwünscht. Oft komme man beim gemeinsamen Tun leichter ins Gespräch, etwa beim Basteln, Malen, Musizieren, Sport, Spazierengehen oder während einer Autofahrt. Ein zunächst beiläufiges Gespräch könne so unvermittelt zu einem tiefgründigen werden.

Begleitung

Hoki und die Kontaktstelle Trauer von Hospiz Vorarlberg begleiten Familien nach Todesfällen und bei schweren Erkrankungen. In der Trauer seien alle Gefühle erlaubt, auch Wut, Angst, Erleichterung oder Fröhlichkeit. „Es gibt kein Richtig oder Falsch und keinen Zeitplan, den man einhalten muss“, sagen beide engagierten Frauen. Familien kämen mit unterschiedlichen Anliegen: Manche hätten gerade einen Verlust erlebt, andere merkten erst Monate später, wie sehr sich ihr Leben dadurch verändert habe. Oft gehe es auch um die Frage, ob die eigenen Gefühle normal seien oder wie Kinder in die Erinnerung an einen verstorbenen Angehörigen einbezogen werden sollten.

Gefühle nicht verbergen

Verlässliche Bezugspersonen sind für Kinder in dieser Zeit besonders wichtig. Mangeng: „Die Wahrheit ist Kindern zumutbar.“ Kinder spürten genau, wenn etwas nicht stimme. Deshalb sollten Erwachsene ihre Gefühle nicht verbergen: „Auch Mama darf weinen, traurig oder wütend sein.“ Kinder bräuchten ehrliche, authentische und wachsame Erwachsene, die ihre Fragen und Gefühle aushielten.

Kinder merken Veränderung

Das gilt auch, wenn ein Angehöriger schwer krank ist, aber noch lebt. Kinder merkten, wenn sich etwas verändere, selbst wenn Erwachsene versuchten, sie zu schützen. Es sei deshalb wichtig, ehrlich und in einer Sprache zu sprechen, die sie verstehen. Eltern müssten nicht alles auf einmal erklären, sondern könnten auf die Fragen der Kinder eingehen und ihnen zugestehen, gerade nicht darüber reden zu wollen. Wenn ein Angehöriger sterben werde, dürfe man das auch sagen, ohne falsche Hoffnungen zu machen und ohne mehr zu erklären, als das Kind wissen möchte. Spielen und Lachen seien auch in einer solchen Situation erlaubt und kein Zeichen dafür, dass dem Kind der kranke Mensch nicht wichtig sei.

Weinen, ­spielen, lachen – so ­trauern Kinder
Rund um Allerheiligen werden Erinnerungen an verstorbene Angehörige besonders lebendig. Hartinger

„Wo ist Oma jetzt?“, „Kann Papa im Himmel Fußball spielen?“ oder „Wie kann man denn auf Wolken schlafen?“ Nach einem Verlust stellen Kinder oft Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Umso wichtiger sei es, authentisch zu bleiben. „Ein ehrliches: ‚Ich weiß es nicht‘ ist erlaubt“, weiß Mangeng. Hilfreich könne es sein, zurückzufragen: „Was glaubst denn du?“ So könnten Kinder eigene Vorstellungen entwickeln und mit Erwachsenen darüber ins Gespräch kommen.

Aufmerksam bleiben

Die meisten Kinder trauern mit Unterstützung ihrer Familie gesund, sagen Mangeng und Christof. Trotzdem sollten Erwachsene aufmerksam bleiben, wenn sich ein Kind über längere Zeit stark verändert. Zieht es sich dauerhaft zurück, verweigert es Schule oder Freundschaften oder möchte es nicht mehr zu Aktivitäten gehen, die ihm zuvor wichtig waren, sei sensibles Nachfragen angebracht. Auch anhaltende Schlafprobleme oder Rückschritte in der Entwicklung können Anlass sein, genauer hinzusehen. Bei Unsicherheit könne eine professionelle Begleitung hilfreich sein. Todeswünsche oder Suizidäußerungen seien ein Anlass, sofort Hilfe zu holen.

Angebote

Hoki richtet sich an Familien, in denen Kinder und Jugendliche von einer schweren Erkrankung, dem Sterben oder dem Tod eines nahestehenden Menschen betroffen sind. Die Kontaktstelle Trauer ist für Menschen da, die einen Verlust erlebt haben oder sich mit ihrer Trauer allein fühlen. Zum Angebot zählen unter anderem Einzelbegleitung, TrauerTreffs, Trauergruppen für Eltern und kreative Angebote. Die erste Kontaktaufnahme erfolgt telefonisch; gemeinsam wird überlegt, welche Unterstützung passen könnte. Die Angebote sind kostenlos.
Sabine Mangeng und Irene Christof ermutigen Familien, offen miteinander über Verlust und Trauer zu sprechen. Kinder orientieren sich daran, wie ihr Umfeld damit umgeht. „Sie lernen nicht nur durch Erklärungen, sondern durch das, was ihnen vorgelebt wird.“ Trauer verlaufe nicht nach einem festen Muster. „Jeder Weg ist unterschiedlich“, berichtet Christof. „Alles darf sein.“