Reisetagebuch anno 1823: “Der Wanderer im Waldviertel”

05.08.2026 • 07:11 Uhr
Reisetagebuch anno 1823: "Der Wanderer im Waldviertel"

Im Zeichen des Klimawandels werden Reisen mit Flugzeugen rund um die Welt bereits hinterfragt. Geradezu unschuldig muten da die Zeiten an, als allein Ausflüge von Wien ins Waldviertel Stoff für die Publikation eines Reisetagebuchs hergaben. Hofschauspieler Johann Anton Friedrich Reil veröffentlichte seinen Bericht “Der Wanderer im Waldviertel” anno 1823. Er wurde nun vom pensionierten AHS-Lehrer Martin Prinz, der selbst aus dem Waldviertler Bezirk Gmünd stammt, neu aufgelegt.

Dieses historische Dokument gibt Einblicke in eine Zeit, in der die Mobilität vor allem von Schusters und anderen Rappen dominiert wurde. In 29 Tageskapiteln schildert Reil (1773 – 1843) seine Eindrücke aus Sommeraufenthalten von 1815 bis 1822, die ihn durch den Nordwesten des heutigen Niederösterreichs führten. Allein das Anfangskapitel, das die Ab- und Ausfahrt aus der damals noch von dicken Bastionen umgebenden Stadt Wien von der Alservorstadt über die Taborbrücke im Gesellschaftswagen schildert, lässt einen in längst vergangene Reisedimensionen eintauchen.

So schrieb Reil: “In die Angelegenheiten einer gemischten Reisegesellschaft wird man nach und nach eingeweiht, je nachdem das Thema im Wechselgespräch den einen oder den andern berührt, und dann gewöhnlich auch sogleich das Band der Brust und Zunge löst. So erklärte sich auch hier im Wagen bald, dass die beiden jungen geistvollen Geistlichen ihre Freunde auf dem Land heimsuchten, ein Kaufmann auf die Brautschau reiste, eine Schullehrerswitwe endlich einmal ihre kleine Pension ausgemittelt hatte, eine Offiziersfrau mit vielen Schachteln von ihrem Sohn in Wienerisch-Neustadt kam, ein alter baumstarker Manharter Landmann mit einem Laib Käse auf dem Schoß froh war, dass er die Stadt wieder im Rücken hatte und ich nach alten Ruinen und mir neuen Gegenden im Waldviertel wandere.”

“Bauerndirnen mit schöner Gesichtsfarbe”

Hotels, Pensionen oder einfach Gästezimmer mit ökonomischem Background gab es damals nicht. Der Wanderer übernachtete bei Bekannten, die ihm weitere Personen als Gastgeber empfahlen, oder meist bei Geistlichen in Klöstern sowie Pfarreien. Daher musste der Autor auch die eine oder andere Heilige Messe besuchen, wo er sich offenbar nicht nur auf die Liturgie konzentrierte: “Die Predigt fing an, darauf wurde die Messe gelesen. Die große Kirche war ganz angefüllt mit Landvolk. (…) Lauter gesundes Volk sah ich, besonders haben die Bauerndirnen eine schöne Gesichtsfarbe und Augen wie der klare Spiegel des heiligen Brünnleins. Den Umriss ihres Gesichtes pflegen sie mit weißen Tüchern über die hohen breiten Hauben zu vermummen, selbst im Haus und bei der Schnitterarbeit auf dem heißen Feld.”

Allerdings fand der Hofschauspieler nicht nur an den “Bauerndirnen” Gefallen. Ganz im Stil des Biedermeiers neigte er zum Schwärmen, weil das an sich wohl eher karge Leben in der Provinz etwa bei Hochzeiten durchaus genussträchtig war: “Alle Augenblicke wurde Bescheid getrunken, die lärmenden Musikanten schmetterten dazu. Die Kinder jauchzten; das war ein Geschrei in dem niederen dünstenden Zimmer, dass einem das Gehör verging. Aber alle Gäste waren so kreuzwohl-auf und im Entzücken, als ob sie in ihrem Leben bei solchen Lustbarkeiten noch nie gewesen wären. Wo die Leute die Speisen alle hingegessen haben, begreife ich noch nicht; denn niemand ließ eine Schüssel unberührt vorübergehen.”

Mitunter war er wirklich beeindruckt: “Auf der letzten Höhe des Molder Berges sah ich weit, weit über der Donau ein Gebäude, fast am Himmel hängen. Es ist das Kloster Göttweig (Dei Vicus). Ja wohl, dachte ich, bist du Gott geweiht; denn du stehst da, als wolltest du deinen Segen zunächst vom Himmel nehmen.”

“Halt, liebliche Gegend!”

Doch erging sich der Wanderer um frühen 19. Jahrhundert nicht nur in Gottgefälligkeit. Er legte sich auch ins Gras und zeigte, dass sich eine meditativ und yogaähnliche Einkehr schon damals ganz einfach und alleine bewerkstelligen ließ: “Heute lag ich an einem ganz anderen Plätzchen, so hell, so freundlich, so heiter; so mochten die Alten sich auch eines im Elysium gedacht haben. Halt, liebliche Gegend! Indem ich dich so betrachte, schwebt meiner Phantasie ein Bild auf einmal vor. – Ja! es wird gehen, da die Stirne – hier die Nase – dort der Mund. Ich glaube, ich werde mit den Deutungen auslangen, denn das Lebensgepräge in allen Teilen der Natur lässt sich am würdigsten mit dem schönsten Lebendigen, mit dem Menschenantlitz vergleichen.” Das waren eben noch Zeiten, als das Waldviertel seine Besucher derart inspirierte …

(Von Edgar Schütz/APA)

(S E R V I C E – Martin Hubert Prinz (Hg)/Johann Anton Friedrich Reil (Autor): Der Wanderer im Waldviertel: Ein Tagebuch für Freunde österreichischer Gegenden. Selbstverlag Wien/Kindle Direct Publishing Amazon 2026. 284 Seiten; 23,10 Euro (gebunden)/17,60 Euro (Taschenbuch).)