Resignierte Anklage: Streeruwitz’ “Sturm.” im Hamakom

33 Jahre nach ihrem Stück “New York. New York” hat Marlene Streeruwitz für das Theater Nestroyhof Hamakom ihre Protagonistin Frau Horvath wieder auferstehen lassen. Immer noch Klofrau, ist sie mit dem in der Bedürfnisanstalt eingesperrten Prometheus in einem unendlichen Loop der Gewalt gefangen. Und wartet auf den titelgebenden “Sturm.”, der die Verhältnisse einmal ordentlich durchlüftet. Hannes Hametner hat den hermetischen Monolog am Mittwoch zur Uraufführung gebracht.
War es einst ein ganzes Arsenal an gewaltbereiten Schaulustigen, die gegen ein Trinkgeld im öffentlichen WC an der Stadtbahnstation Burggasse ihren Trieben freien Lauf lassen durften, ist Frau Horvath nun ganz allein. Vor einer Papierwand mit aufgemalten Klotüren (Bühne: Christoff Wiesinger) balanciert Anne Bennent im Pelzmantel auf hochhackigen Schuhen auf einem Sprungbrett über dem Abgrund, der sich unter ihr auftut. Einst zum Museum umfunktioniert, ist die WC-Anlage nach Kürzungen im vom sozialdemokratischen Minister verantworteten Kulturbudget mittlerweile geschlossen.
Gefangen in der Rolle der Care-Arbeiterin
Aufopfernd pflegt Horvath den verletzten Prometheus, um ihn für seine Folterknechte “Bias” und “Krato” am Leben zu erhalten. Warum sie das tut? Weil sie als Frau in der stummen Rolle der Care-Arbeiterin gefangen ist. Als Mensch, der aufgrund von “Alter und Geschlecht und Herkunft” zu Unsichtbarkeit und Schweigen verurteilt ist, wie es an einer Stelle heißt. Dabei hat sie sich ja emporgearbeitet, ihre Kinder sind zu vorbildlichen Kapitalisten geworden. Aber die Welt wird von “Nachherdenkern” regiert, der “Vorausdenker” Prometheus wird in dieser Männerunterwelt gefangen gehalten. Ihn am Leben zu halten, ist Frau Horvaths Schicksal. Der Sturm wird nicht kommen. Die Geheimnisse bleiben ungelüftet.
“Sturm.” ist ein gewohnt wütender Streeruwitz-Text, in dem jedoch auch eine ordentliche Portion Resignation mitschwingt. Da Frau Horvath nur mit sich selbst sprechen kann – Prometheus ist als bald in ihre Einzelteile zerfallende Statue hinter dem von ihm in die Welt gebrachten Feuer nur stumm präsent -, ist sie vor Geschwätzigkeit nicht gefeit, die Gedanken wandern von der griechischen Mythologie über Jesus bis hin zu König Charles’ Bruder Andrew. Doch der Prometheus-Epimetheus-Vergleich hinkt nicht nur an dieser Stelle.
Rahmenprogramm mit Horvath-Kosmos
Anne Bennent, die sich den warmen Mantel bald ausziehen und auch in bequemere Schuhe schlüpfen darf, meistert den fast 90 Minuten dauernden Monolog mit Bravour und Gefühl für Nuancen. Regisseur Hametner inszeniert brav vom Blatt, Otto Lechner untermalt den Abend musikalisch. Auf den Sturm, das macht dieser Abend deutlich, wird man weiter warten müssen.
Wer tiefer in den Horvath-Kosmos eindringen will, hat dazu demnächst Gelegenheit: Am 3. Oktober gibt es im Nestroyhof einen Lesemarathon mit “New York. New York.” und den beiden unaufgeführten Stücken “Boccaleone.” (1999) und “Volkstheater.” (2012). Am 11. Oktober folgt die Präsentation von Streeruwitz’ neuem Buch “Warum Männer nicht lieben können dürfen.” (bahoe books). Abgeschlossen wird das Rahmenprogramm am 20. Oktober mit einem Gespräch zwischen Manfred Mittermayer und der Autorin.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – “Sturm.” von Marlene Streeruwitz, Uraufführung im Theater Nestroyhof Hamakom. Regie: Hannes Hametner, Bühne und Kostüm: Christoff Wiesinger, Musik: Otto Lechner. Mit Anne Bennent. Weitere Termine: 30. September sowie am 1., 2., 8., 9., 10., 14., 15., 16., 21., 22., 23. und 24. Oktober, jeweils um 20 Uhr. )