Salzburg ist vom neuen “Saint François d’Assise” ergriffen

05.08.2026 • 05:00 Uhr
Salzburg ist vom neuen "Saint François d'Assise" ergriffen

Philippe Sly hat am Dienstag seine persönliche Passion durchlitten. Der Bassbariton bekommt in der Titelpartie des “Saint François d’Assise” bei den Salzburger Festspielen Matsch und Mehl ins Gesicht geschmiert, muss sich in Blut wälzen, blankziehen und nicht zuletzt einen gut sechsstündigen Abend bestreiten. Dafür durfte er sich am Ende im frenetischen Applaus des Publikums baden, was auch für Regisseur Romeo Castellucci galt, während Salzburgs Kirchenglocken läuteten.

Für Atheisten stellt der Abend einen Albtraum dar. Der tiefgläubige Katholik Messiaen war bereits 74 Jahre alt, als die spirituellen Impressionen des Lebens und Sterbens von Franz von Assisi als seine einzige Oper überhaupt Uraufführung feierte. Ihren internationalen Durchbruch erlebte sie dann in Salzburg 1992 unter der Intendanz von Gerard Mortier. Das Stück bringt den Aphorismus, dass das Publikum in die Oper geht wie in einen Gottesdienst, auf den Punkt wie sonst vielleicht nur Wagners “Parsifal”.

Acht Tableaus für Castellucci

In acht Tableaus beleuchtet Messiaen, der auch das Libretto verfasste, unterschiedliche Aspekte der Figur eines Menschen, der letztlich zum Heiligen wird. Diese in sich geschlossenen Bilder erzählen in Summe wie bei einem Mosaik das Gesamtbild einer Apotheose, was in der formalen Konstruktion dem Bildmystiker Romeo Castellucci perfekt entgegenkommt. Der 66-jährige Italiener müht sich nicht damit ab, die einzelnen Tableaus narrativ zu simplifizieren, sondern schafft innerhalb dieser acht Rahmen gewohnt starke Bilder, die mystisch aufgeladen, nicht immer einfach zu erklären sind.

Symbole wie Teig und Erde kneten, der Staub, aus dem der Mensch kommt und zu dem er wieder wird, ziehen sich durch den Abend, der sich über die Stunden hinweg in seiner Bildgewalt steigert. Mal fallen die Vögel vom Himmel oder symbolisiert Franz’ Aufstieg in den Himmel ein simpler Faden, der beleuchtet von der Decke hängt.

Ein Sinnsucher 800 Jahre nach seinem Tod

Genau 800 Jahre nach dem Tod des Heiligen 1226 zeigt Castellucci die Person Franz von Assisi als durchaus radikalen, konsequenten Sucher nicht der individuellen, romantischen Liebe, sondern der Liebe zur Schöpfung und zu Gott abseits verkitschter Tourismusklischees. Hier hat sich der richtige Regisseur des richtigen Stücks angenommen, auch wenn Castelluccis Bilder diesmal nicht die Urgewalt seiner legendären “Salome” aus 2018 bei den Festspielen erreichen.

Manches bleibt zu ephemer, wenn er etwa an einer Stelle Franz kurzzeitig in Filz gehüllt mit einem lebenden Kojoten auftreten lässt und dabei an Joseph Beuys’ legendäre Aktion “I like America and America likes me” erinnert oder am Ende eine kleine Schafherde zum Tod des Heiligen erstaunlich unberührt von der Musik über die Bühne trottet. Dass der von den Brüdern geknetete Teig als kleine Foltereinlage für hungrige Opernfreunde in Folge auf der Bühne in Backöfen inklusive entsprechendem Geruch gebacken wird, sei dem Regisseur hingegen verziehen.

Pascal beherrscht den gewaltigen Graben

Während auf der Bühne weitgehend kontemplative Spiritualität herrscht, stellt sich die Lage für Maxime Pascal im Graben unterdessen gänzlich anders dar. Der französische Dirigent, der zuletzt mit Peter Eötvös’ “Drei Schwestern” bei den Festspielen überzeugte, hat die gigantische, 120 Musiker umfassende Gruppe der Wiener Philharmoniker und die grandios disponierte Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, die aus dem Off die Stimme Gottes gibt, im Griff. Messiaens unruhige Polymetrik, in der das Schlagwerk in allen denkbaren Klangfarben und die Bläser mit ungemeiner Kraft dominieren, während die Streicher eher in dienender Funktion auftreten, hält der erst 40-jährige Pascal zusammen. Und auch die Aufgabe, dass der Vogelfreund Messiaen allzeit verschiedene Vogelstimmen durch das Orchester tirilieren lässt, bewältigt der Maestro bravourös.

Auf der Bühne indessen durchleidet Philippe Sly die Lebensstationen des Heiligen. Die stets deklamierte Freude an der Schöpfung findet bei Messiaens ekstatischer, düsterer Musik letztlich keinen Platz. Mit seinem schnörkellos intonierten, vibratoarmen Bassbariton ist der Kanadier somit das unbestrittene, stoische Zentrum des Abends. Und doch kann dieser mit einer zweiten großen Entdeckung aufwarten: Der erst 26-jährigen Sopranistin Lauranne Oliva gelingt als Engel mit einem satt-golden schimmernden Timbre, stilsicherem Vibrato und großem Volumen das riesige Rund der Felsenreitschule zu füllen. Wenn Gott das noch erlebt hätte!

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – “Saint François d’Assise” von Olivier Messiaen bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule. Musikalische Leitung der Wiener Philharmoniker: Maxime Pascal, Regie/Bühne/Kostüme/Licht: Romeo Castellucci. Mit Lauranne Oliva – L’Ange, Philippe Sly – Saint François, Sean Panikkar – Le Lépreux, Russell Braun – Frère Léon, Léo Vermot-Desroches – Frère Massée, Aaron-Casey Gould – Frère Élie, Willard White – Frère Bernard, Marius Aron – Frère Sylvestre, Ivan Lyvch – Frère Rufin, u.a. Weitere Aufführungen am 9., 12., 15., 19. und 23. August. )