Salzburger Festspielintendantin: “Es ist nicht meine Schuld”

Im Winter war die frühere Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann lange als mögliche künftige Schauspielleiterin der Salzburger Festspiele unter Markus Hinterhäuser gehandelt worden. Am Ende turbulenter Wochen, in denen ihre Bewerbung oder Nicht-Bewerbung öffentlich diskutiert wurde, war Hinterhäuser nicht mehr Intendant und die 72-jährige Theaterfachfrau seine Nachfolgerin. Wenige Wochen vor dem Festspielstart am 17. Juli gab sie nun erste Interviews in ihrer neuen Funktion.
APA: Frau Bergmann, Sie wurden vor zwei Monaten als Festspielintendantin präsentiert. Mittlerweile sind manche Proben schon gestartet. Wie läuft’s? Wie sieht derzeit Ihr Arbeitsalltag aus?
Karin Bergmann: Intensiv. Die Tage sind lang. Ich gehe jeden Morgen aufs neue mit größtem Respekt ins Festspielhaus, arbeite und lerne wahnsinnig viel und hab’ dabei eine Riesenfreude. Natürlich ist es für mich Neuland, dass ich plötzlich auch für Musiktheater und Konzert verantwortlich bin. Aber es gibt in Salzburg ein großartiges Team, angefangen von Axel Hiller fürs Konzert bis zu Petra Gaich für die Oper und Andreas Zechner als Technischer Direktor … Und natürlich ist der Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz für mich ein wichtiger Partner. Wir kannten uns schon vorher, sonst hätte ich mich auf das Ganze nicht eingelassen. Das sind Menschen, die das Haus und den ganzen Betrieb gut kennen und mich unterstützen. Ich hatte einen herrlichen Einstand, das waren die Pfingstfestspiele, die ja von Cecilia Bartoli künstlerisch geleitet werden und innerhalb der Salzburger Festspiele ein ganz eigener Bereich sind. Das waren wunderbare Proben und vier Tage hintereinander von morgens bis abends eine breite Palette von Vorstellungen. Davor, dazwischen und danach muss man als Intendantin auftreten, repräsentieren, Reden halten, Interviews geben … Ich hab’s genossen, aber es ist auch harte Arbeit.
“Ich empfinde mich nicht als zweite oder dritte Wahl”
APA: Bartoli hatte in einem Statement wissen lassen, sie sei als Erste gefragt worden, habe aber abgelehnt. Manche haben das als unnötiges Foul qualifiziert. Fühlen Sie sich als zweite Wahl?
Bergmann: Ich weiß ja, dass vor mir mit anderen gesprochen wurde. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Ich empfinde mich nicht als zweite oder dritte Wahl, sondern bin eben diejenige, die entweder tollkühn genug ist, es zu machen, oder die sich getraut hat, in einer schweren Krise Verantwortung zu übernehmen.
APA: Zu welcher der beiden Zuschreibungen neigen Sie mehr?
Bergmann: Mein langjähriger beruflicher Erfolg zeigt doch, dass ich offensichtlich immer einen ganz guten Mittelweg gefunden habe.
APA: Kürzlich mussten die Salzburger Festspiele bekanntgeben, dass Elīna Garanča ihre Mitwirkung an der Neuproduktion der “Ariadne auf Naxos” zurückgelegt hat. Wie sehr waren Sie da involviert?
Bergmann: Ich habe mich von Anfang an mit dem Team beraten und konnte sicher sein, dass wir alles sorgfältig mit dem zuständigen Dirigenten und dem Regisseur abstimmen und klären würden. Christina Nilsson ist nicht einfach nur ein Ersatz, sondern eine großartige Künstlerin, auf die ich mich sehr freue.
“Wenn man auf alles Munkeln hören würde, würde man gar nicht schlafen”
APA: Man munkelt, dass die Absage auch daran liegen könnte, dass der sehr konzeptorientierte Ersan Mondtag Regie führt …
Bergmann: Wenn man auf alles Munkeln hören würde, würde man gar nicht schlafen. (lacht)
APA: Ich weiß ja nicht, wie viel Sie derzeit schlafen …
Bergmann: Zu wenig! Aber das gehört zum Job dazu. Es ist ja bekannt, dass Ersan Mondtag eine stark konzeptionelle Herangehensweise hat, aber ich glaube nicht, dass Elīna Garanča sich so schnell ins Bockshorn jagen lässt. Als Intendantin bin ich Partnerin der mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler. Ich mische mich aber nicht ein und hoffe auf gute Kommunikation in den Produktionsteams.
APA: Wie ist die derzeitige Stimmung in Salzburg? Die dort arbeitenden Menschen sind ja ohne eigene Schuld in den vergangenen Monaten in stürmisches Fahrwasser geraten. Müssen Sie für gute Stimmung sorgen oder vielleicht sogar Skepsis Ihnen gegenüber überwinden?
Bergmann: Das Prinzip, mit allen in einem Betrieb arbeitenden Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren, hat, glaube ich, meine Zeit im Burgtheater ausgemacht. Genauso mache ich es jetzt auch in Salzburg. Darauf habe ich in den vergangenen Wochen sehr positive Resonanz bekommen, und das bestärkt mich. Aber natürlich gibt es bei den Festspielen viele Menschen, die mit Markus Hinterhäuser eng verbunden sind und mir vielleicht zunächst skeptisch gegenüberstanden. Ich kann nur versuchen, durch meine Art und meine Arbeit Vertrauen aufzubauen. Wenn es mir gelingt, ist es gut. Manchmal muss man aber Distanz auch akzeptieren. Niemand kann die Zeit zurückdrehen, aber mir ist wichtig, Markus Hinterhäuser doch noch zu überzeugen, dass mein Schritt, in Salzburg anzutreten, kein Schritt gegen ihn war. Und natürlich versuche ich ihn dafür zu gewinnen, seine beiden Konzerte im Sommer zu spielen.
APA: Gibt es dafür schon einen Plan B – oder sagt man dann einfach ab, wenn es soweit ist?
Bergmann: Wir werden sicher nicht das Publikum nach Hause schicken. Das kann auch Markus Hinterhäuser nicht wollen.
“Es ist nicht meine Schuld, dass sein Vertrag nicht mehr existiert”
APA: Ehe Sie als Hinterhäusers Nachfolgerin vorgestellt wurden, waren Sie lange als seine Schauspielchefin im Gespräch. Die näheren Umstände sorgten für heftige Diskussionen …
Bergmann: Eines ist klar: Es ist nicht meine Schuld, dass sein Vertrag nicht mehr existiert und zwei Parteien einen Auflösungsvertrag unterschrieben haben, in dem beiderseitiges Stillschweigen vereinbart wurde.
APA: Die Öffentlichkeit rätselt aber noch immer: Was war der Auslöser? Haben Sie darüber Klarheit bekommen?
Bergmann: Nein. Ich weiß darüber nichts. Und weil beide Seiten sich auf Stillschweigen verständigt haben, ist es auch vollkommen sinnlos, da nachzubohren.
“Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich gegen ihn versündigt hätte”
APA: Aufgrund welcher Loyalität haben Sie in dieser heiklen Situation zugesagt? Anders als damals im Burgtheater haben Sie mit den Salzburger Festspielen ja keine Vorgeschichte, die Sie der Institution verbunden hätte. Hingegen hätten Sie sich jedoch fragen müssen, ob Sie Hinterhäuser mit Ihrer Zusage nicht in den Rücken fallen?
Bergmann: Es stimmt nicht, dass ich Markus Hinterhäuser in den Rücken gefallen bin, denn nach der Vertragsauflösung war klar: Die Festspiele werden sicher nicht zugesperrt oder abgesagt, sondern sie müssen eine Lösung finden. Für mich war klar: Ich möchte das in seinem Sinne fortführen und umsetzen, was vorbereitet ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich gegen ihn versündigt hätte.
APA: Er schon.
Bergmann: Mit dieser Reaktion habe ich wirklich nicht gerechnet. Und dass er nun die Unwahrheit verbreitet, ich hätte das von langer Hand vorbereitet, macht mich wirklich betroffen.
APA: Wie war denn Ihre Zusammenarbeit beim Schauspielprogramm? Kann man sagen, dass es Ihre Handschrift trägt?
Bergmann: Markus Hinterhäuser hat wunderbare Kontakte, seit vielen Jahren eine schöne Verbindung zu Peter Handke, und Ulrich Rasche beispielsweise hat in Salzburg im Schauspiel und in der Oper schon großartig gearbeitet, ebenso wie Jossi Wieler. Meine Handschrift sieht man vielleicht daran, dass mit Jette Steckel auch eine Frau inszeniert, die zwei großartige Arbeiten am Burgtheater gemacht hat. Markus Hinterhäuser und ich hatten immer sehr gute Gespräche.
“Ich plane auch das Gesamtprogramm für 2028”
APA: Wie weit wird man im künftigen Programm Ihre Handschrift registrieren? Gibt’s in der Oper für 2027 überhaupt noch was zu planen?
Bergmann: Manches muss noch ins richtige Fahrwasser. Es gibt sehr wohl zu tun. Und das sind keine einfachen Gespräche.
APA: Ich vermute mal, dass dabei die finanziellen Rahmenbedingungen keine unwesentliche Rolle spielen. Es gibt das riesige Bauvorhaben der Festspiele, andererseits die Angst, dass die öffentlichen Mittel reduziert werden könnten. Was davon trifft Sie nun als Intendantin für 2026 und 2027?
Bergmann: Viel! Es gibt kontinuierlich Sitzungen, die mit dem Umbau, den vorübergehenden Umzügen und der Erweiterung zu tun haben. Das wird eine große Herausforderung für den Betrieb – und auch für die Stadt! Noch dazu plane ich ja nicht nur das Schauspiel für 2027, sondern auch das Gesamtprogramm für 2028. Alles andere wäre fahrlässig. Und da gibt es natürlich Imponderabilien wegen des Bauvorhabens.
Keine Bewerbung für danach abgegeben
APA: Sie planen also über Ihr Vertragsende hinaus. Beworben für die Intendanz ab Herbst 2027 haben Sie sich aber nicht?
Bergmann: Natürlich nicht.
APA: Gehen Sie davon aus, dass es Ihnen gelingen wird, die Umbauvorhaben auf Schiene zu halten, oder werden Sie möglicherweise als jene Intendantin in die Festspiel-Annalen eingehen, unter der die Politik diese Vorhaben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben hat?
Bergmann: Das ist politisch alles akkordiert. Und eines ist auch klar: Die Salzburger Festspiele sind die größte Wirtschaftsmaschine im ganzen Bundesland. Alles, was man jetzt investiert, wird sich schon in wenigen Jahren amortisieren.
APA: Auf Ihrer Antrittspressekonferenz in Salzburg am 8. April sagten Sie: “Dass ich hier sitze, ist natürlich eigentlich eine Ungeheuerlichkeit.” Wie fühlt sich diese Ungeheuerlichkeit heute an?
Bergmann: Jetzt mache ich die Arbeit, die zu tun ist. Denn ich hab damals auch gesagt: Es muss wieder um die Kunst gehen! Aber ich möchte zum Abschluss noch etwas in Richtung Markus Hinterhäuser anmerken: Ich weiß, dass es schwer für ihn ist. Aber das müsste gar nicht so sein.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)