Salzburger “Menschenfeind” wird zum Triptychon

So wird man Molières “Menschenfeind” wohl noch nie gesehen haben: Jette Steckel setzt bei ihrer Neuinszenierung des 360 Jahre alten Stückes zwar auf die den klassischen Alexandriner-Vers verwendende Übersetzung ihres Vaters, des Regisseurs Frank-Patrick Steckel, ansonsten wird die Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, die am Samstag (15.8.) im Landestheater Salzburg als vorletzte große Festspiel-Neuproduktion dieses Jahres Premiere haben wird, ein Triptychon.
Sie wolle damit “eine Art zeitgeistigen Horizont aufbauen”, in dem sie die alten Themen (“Wie kommunizieren wir miteinander? Wie verlogen sind wir? Ist alles nur getrieben von unserer Eigenliebe?”) in einem heutigen Rahmen verhandeln könne, sagte die 1982 geborene Berlinerin, die 2009 beim Young Directors Project mit einer Bühnenadaptation des Romans “Die Welt ist groß und Rettung lauert überall” von Ilija Trojanow ihr Festspiel-Debüt gab, am Dienstag bei einem Terrassen-Talk in Salzburg. Die Zusammenhänge der Teile seien so “wie bei einer thematisch kuratierten Ausstellung”.
Hip-Hop als Antwort auf die Alexandriner-Verse
Sie sei mehr eine “Freundin von komplizierter, genussvoller Sprache denn von Vereinfachung”, bekannte Steckel und berichtete von einem Pariser Hip-Hop-Battle mit Molière-Texten, der sie auf die Idee gebracht habe, den Abend mit einem Hip-Hop-Konzert zu beginnen. “Hip-Hop ist eine gegenwärtige Antwort auf die Alexandriner.”
Auf der Bühne, um die die Zuschauer wie um einen Boxring sitzen, bestreitet der Dichter Oronte, der zum Rivalen der Hauptfigur Alceste wird, dieses Konzert, zu dem sich der Komponist und Musiker Matthias Jakisic Unterstützung des Deichkind-Texters Uwe Hartmann geholt hat. “Ich fand interessant, diese Figur zu stärken”, meinte Steckel. Darauf folge ein musikunterstütztes Video, “das sich mit Kommunikationsformen der Gegenwart beschäftigt”: “In dem Film treten keine Menschen auf.”
“Sind noch immer am Ausbalancieren”
Erst dann wird die eigentliche Bühnenhandlung anheben, in der es neben Wahrhaftigkeit und Verlogenheit der Kommunikation um die Möglichkeiten der Liebe und des menschlichen Miteinanders geht. Steckel versprach “ein Prisma unterschiedlicher Beziehungskonstellationen”. Alceste-Darsteller André Szymanski versicherte, auch der Humor werde nicht zu kurz kommen: “Es kann sehr lustig sein, ist aber eigentlich ein sehr ernstes Stück. Da sind wir noch immer am Ausbalancieren.”
Angefreundet scheint sich das Team mit der Sprache zu haben: “Anfangs hat man das Gefühl, man ist einem untrainierten Pferd aufgesessen. Es ist gar nicht so einfach, macht aber einen Heidenspaß, wenn man das einmal draufhat”, sagte Szymanski. Maja Schöne (Célimène) sprach von einer großen Herausforderung, die aber erfüllend werde, wenn man sich dem Rhythmus hingeben könne. Und auch das Spielen im Zentrum hat man mittlerweile im Griff. “Die Grundannahme ist, dass wir permanent beobachtet werden. Man tritt auf und ist sich ständig bewusst: Ich mach das für alle. Das Private wird ständig veröffentlicht”, sagte Lisa Hagmeister (Arsinoe). “Und das gelingt besser, als ich befürchtet habe.”
(S E R V I C E – “Der Menschenfeind” von Molière, aus dem Französischen von Frank-Patrick Steckel in einer Fassung von Jette Steckel und David Heiligers, Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Komposition und Musik: Matthias Jakisic. Mit André Szymanski – Alceste, Barbara Nüsse – Philinte, Ole Lagerpusch – Oronte, Maja Schöne – Célimène, Cathérine Seifert – Éliante, Lisa Hagmeister – Arsinoé, Cino Djavid – Acaste, Camill Jammal – Clitandre. Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Thalia Theater Hamburg im Salzburger Landestheater, Premiere: 15.8., 19 Uhr. Weitere Vorstellungen: 17., 20., 23., 25., 27., 28.8., )