Schnitzlers “Komödie der Verführung” als Selbstreflexion

Mit der Premiere von Arthur Schnitzlers “Komödie der Verführung” feiert Marie Rötzer am 3. September ihren Einstand als neue Direktorin des Theaters in der Josefstadt. Im APA-Gespräch gibt die ungarische Regisseurin Ildikó Gáspár Einblicke in ihren musikalischen und visuellen Zugang zum Stück, ihre feministische Perspektive auf den Stoff und zeigt sich optimistisch, dass in Ungarn nun auch für die Kulturszene neue Zeiten anbrechen.
APA: “Komödie der Verführung” ist ein eher unbekannter Schnitzler. Mit welchem Zugang begegnen Sie dem Werk?
Ildikó Gáspár: Als ich das Stück gelesen habe – es sind 300 Seiten, 25 Charaktere, ca. neun Stunden Spielzeit im Original – war meine erste Idee, es streng zu kürzen und musikalisch zu erweitern. Das Stück spielt 1914, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, und mir fiel sofort die “Csárdásfürstin” ein, die aus derselben Zeit und demselben Wiener Milieu kommt. Die Sprache, das Vokabular, die Themen – alles passt zusammen. Es geht um diese endlose Party, dieses Feiern im letzten Moment vor dem Weltkrieg. Aber auch darum, das Wertvolle im Leben zu schätzen.
Feministischer Zugang
Andererseits hat das Stück einen feministischen Zugang: Drei Frauen stehen im Mittelpunkt, die alle sehr selbstständige Wege gehen. Aber wie die Liebe bei Schnitzler angeschaut wird, würden wir heute nicht mehr Liebe nennen, sondern eher eine toxische Beziehung. Allerdings fand ich die Charaktere, die beschriebenen zwischenmenschlichen Beziehungen, sehr lebendig und anziehend sowohl für die Regie als auch für das reflektierte Schauspiel. Und wir können auch bestimmte Beziehungen in der Regie so umdeuten, dass sie aus einer heutigen feministischen Perspektive gültig sind und etwas Wichtiges aussagen.
APA: Wie kann man sich die Erweiterung durch die “Csárdásfürstin” vorstellen?
Gáspár: Ich verwende diese Lieder, um die Partystimmung zu finden und die Seelen für Gefühle und Humor zu öffnen – etwas, das aus der Zeit kommt, aber einen zeitgenössischen Zugang ermöglicht. Die Operette ist schon im Stück angelegt: Schnitzler bezeichnet es im Stück selbst als “Märchenposse”. Mir geht es um eine Selbstreflexion, dass man sein eigenes Leben als selbst inszeniertes, idealisiertes betrachtet. So ein Instagram-Leben, wo man sich in einer verschönerten Version herausstellt. Diese mondäne Welt, diese radikale Situation, wo man die letzten Tropfen aus dem Leben genießen möchte – das funktioniert gut mit dieser verspielten, selbstreflektierten, selbstironischen bis grotesken Ebene der Operette. Ich habe gleich auch Gedichte aus dem Wiener Kabarett derselben Zeit und Dialogfragmente von Karl Kraus verwendet.
“Es wird trotzdem drei Stunden dauern”
APA: Wie sind Sie mit der Länge des Stücks umgegangen?
Gáspár: Ich bin auf den Kern gegangen. Ich habe keine Stränge weggelassen, sondern Figuren zusammengezogen. Die ganze Geschichte ist da wie im Original. Es wird trotzdem drei Stunden dauern. Ich war ursprünglich Dramaturgin, habe Ende der 90er an der Theaterakademie in Budapest angefangen, als Frauen in die Regieklasse noch nicht aufgenommen wurden. Deshalb habe ich viel Erfahrung mit Roman-Adaptionen. Seit 15 Jahren inszeniere und mache ich meine Fassungen selbst – sehr detaillierte und musikalisch gebaute “Drehbücher”.
APA: Das Stück spielt vor dem Ersten Weltkrieg. Wie schätzen Sie die Gegenwart ein – diese Stimmung vor dem Abgrund? Gefühlt sprechen alle seit 20 Jahren davon, dass wir kurz vor dem nächsten großen Knall stehen.
Gáspár: Das ist sehr schwer einzuschätzen. Im Stück fühlt man das auch – man wankt zwischen Zweifeln: Wird es Krieg geben oder nicht? Während der Feier gibt es immer wieder kleine Gespräche, einige Figuren denken, es wird Krieg geben, andere nicht. Ich sehe, dass wir dieser heiklen Balance sehr ausgeliefert sind – wie die Geschichte sich entwickelt, die finanziellen Interessen, die geopolitischen Situationen. Mit Putin, Trump, diesen alten Diktatoren – werden sie Nachfolger haben? Wir haben Orbán in Ungarn abgewählt, aber wir wussten nicht, wie es sich weiter entwickeln würde.
“Haben wieder die Möglichkeit, unabhängig zu arbeiten”
APA: Wie erleben Sie die aktuelle Situation in Ungarn? Von einigen Seiten hieß es, dass es Jahre dauern könnte, zerstörte Strukturen etwa im Medien- und Kulturbereich wieder aufzubauen.
Gáspár: Ich bin nicht sicher, ob es Jahrzehnte dauern wird, alles wieder aufzubauen. Es hängt davon ab, welche Menschen in welche Positionen kommen. Ich war 22 Jahre am Örkény Theater in Budapest, das in der Opposition war. Wir hatten Jahr für Jahr weniger Geld, haben aber weitergemacht – es lag am Ethos des Ensembles. Diese Menschen hat es immer gegeben, die gibt es weiterhin. Jetzt haben sie wieder die Möglichkeit, unabhängig zu arbeiten.
Natürlich hat Fidesz in fast allen Theatern die Leitungen ausgetauscht. Diese haben teilweise noch Mandate bis 2028. Aber ich glaube, dass diese Menschen in vielen Städten abgewählt werden. Wenn demokratische Grundlagen wiederhergestellt werden, fühlt man sich schon besser. Die rechtsstaatliche Verfassungsordnung wird Schritt für Schritt wiederhergestellt.
Mischung aus Westen und Osten in Wien
APA: Sie leben jetzt in Berlin. Ist es anders, in Österreich zu arbeiten als in Deutschland?
Gáspár: Ja, schon. Hier herrscht eine interessante Mischung von Westen und Osten. Ich fühle Mechanismen, die ich aus Ungarn kenne – man ist flexibler in vielerlei Hinsicht, manchmal muss man Umwege finden. Aber es ist gleichzeitig sehr zuverlässig, was ich aus der deutschen oder skandinavischen Struktur kenne. Es ist das Beste aus beiden Welten. Ich mag dieses Ensemble mit viel Liebe und Zusammenhalt sehr. Das erinnert mich an Budapest.
APA: Was erwartet das Publikum in “Komödie der Verführung” formal?
Gáspár: Wir machen etwas sehr Besonderes: Livekino im Theater. Meine allererste Idee war, als ich dieses Gebäude sah, dass man kein Bühnenbild bauen soll – das ist schon da für Schnitzler. Im Stück geht es um eine Party, um Selbstrepräsentation – also Theater im Theater. Deshalb habe ich eine zeitgenössische Form gewählt. Wir haben vier Kameras, spielen im Zuschauerraum, in Logen, in Fluren, Vorräumen, im Foyer, in den Sträußelsälen und natürlich ein bisschen auch auf der Bühne. Die Zuschauer sitzen im Saal und sehen Projektionen – live, parallel zum Geschehen im Theaterraum. Man ist als Zuschauer gleichzeitig in mehreren Räumen des Theaters präsent, als hätte man die Macht, dem Leben dieser Menschen durch die Kameras beliebig zu folgen. Durch die Videos haben wir einen schönen Blick auf die originalen alten Schauplätze – so ist es auch eine Zeitreise.
Und die wunderbare ungarische Musikerin Flora Lili Matisz macht die Musik live, sie spielt Geige und arbeitet mit einer Loop-Station und elektronischen Instrumenten. Ich arbeite mit meinem super ungarischen Team. Diese Form, die “Csárdásfürstin”-Melodien aus der Vergangenheit und die zeitgenössische musikalische Bearbeitung – das führt in die Gegenwart. Man hat eine Spanne von über 100 Jahren.
Alle sollen einbezogen werden
APA: Singen die Schauspieler selbst?
Gáspár: Ja. Es gibt großartige Sänger im Ensemble: Martin Niedermair, Susa Meyer, Johanna Mahaffy, Michaela Klamminger … Wir haben auch einen Gastschauspieler, Matthias Luckey, der ein professioneller Sänger ist – Countertenor und Bariton. Die Musikerin ist auch Jazzsängerin.
Ich bin sehr neugierig, wie offen die Menschen das aufnehmen. Meine Absicht ist, dass niemand ausgeschlossen, sondern alle einbezogen werden. Die Älteren müssen offen sein für die Form, die Jüngeren können Inhalte kennenlernen, die für sie neu sind. Und trotz der schweren Themen gibt es durchgehend auch viel Humor.
(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – “Komödie der Verführung” von Arthur Schnitzler in einer Bearbeitung von Ildikó Gáspár (auch Regie) im Theater in der Josefstadt. Premiere am 3. September, 19.30 Uhr. Mit Alexander Absenger, Nils Arztmann, Robert Joseph Bartl, Michaela Klamminger, Joseph Lorenz, Matthias Luckey, Johanna Mahaffy, Ulli Maier, Silvia Meisterle, Susa Meyer, Martin Niedermair, Roman Schmelzer, Lili Winderlich. Live-Musik: Flora Lili Matisz, Bühne: Lili Izsák, Kostüm:Luca Szabados. Weitere Termine: 4., 7., 10., 11., 16., 18., 19., 20., 26. und 27. September. )