Starke Ansage: Brechts “Arturo UI” am Landestheater NÖ

Am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten hat Patricia Nickel-Dönicke gemeinsam mit dem neuen Ensemble und elf Regisseurinnen und Regisseuren am Samstagabend einen spektakulären Start hingelegt. Bertolt Brechts Lehrstück über die Entstehung des Faschismus, “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui”, an den Beginn einer neuen Intendanz zu setzen, bedeutet eine starke Ansage. Ein spannend irrlichternder Abend ist es geworden.
Das Bonmot von den breiverderbenden Köchen muss nicht strapaziert werden, wiewohl es sehr abwechslungsreich zugeht in dieser Geschichte vom maliziösen Gemüsemafioso, der es zum politischen Führer bringt. Die Bühne zeigt ein großes Kruzifix, ein Autowrack mit St. Pöltner Kennzeichen, einen Wurlitzer, eine senkrechte Reihung von Signallichtern, an einer Wand rot-weiß-rote Fahnen. Wer mag, kann daraus Symbolik ersehen oder Assoziationen knüpfen.
Das elfköpfige Ensemble wirkt schon sehr präsent. In der Titelrolle wird Bettina Kerl im Verlauf des Stücks von Max Kurth abgelöst, gleichsam von ihrem Spiegelbild, beide auf ihre Weise überzeugend: Kerl als androgyner Aufsteiger mit harter Konsequenz, Kurth als anfangs freundlicher Verführer, der populistisch durch die Reihen wandert, Hände schüttelt, Verbindlichkeit signalisiert. Eine der besten Szenen: Beide tanzen unter der Disco-Kugel zu hämmernden Techno-Rhythmen, ihre Bewegungen entgleisen immer wieder zu faschistischen Zeichen und Posen. Schließlich nimmt Kurth die zum Tanzautomaten mutierte Kerl unter den Arm, trägt sie von der Bühne und übernimmt von da an die Rolle.
Karfiol-Trust im Nadelstreif
Wie Kerl stammt auch Michael Scherff aus dem alten Ensemble. Als Dogsborough gestaltet er einen dem neuen Regime machtlos gegenüberstehenden, seiner Würde beraubten Altgangster und Systemerhalter. Warum er gerade Konstantin Weckers “Willy” vortragen muss (was er gut macht), erschließt sich nicht wirklich, es sei denn, um seine Resignation zu illustrieren. Notwendig wär’s nicht, Scherff ist ohnehin überzeugend, wunderbar old-fashioned, postdramatisches Theater hin oder her.
Seinen Sohn Mulberry gibt Mika Pavle Kuruc als Ja-Sager und Echo-Geber. Emma Bahlmann, Philippe Thelen (spielt auch den Journalisten Dullfeed und den Richter) und Caroline Baas verkörpern im Nadelstreif die Mitglieder des Karfiol-Trusts, somit die Großindustriellen. Felix Thewanger ist als sonnenbebrillter, schwergewichtiger Ernesto Roma der ideale Mann fürs Grobe.
Pop-Zitate, Brecht als Puppe und die “Stille Mitte”
Musikalisch geht es oft recht pop-mäßig zu, da erklingen u.a. “Drive” von The Cars, “I Don’t Want To Set The World on Fire” oder – besonders passend – die Stalking-Hymne “Every Breath You Take” von The Police. Viele akustische Einsprengsel und optische Effekte samt Video-Einspielungen aus den Logen (ach ja, eine Prise Pollesch muss auch sein, aber schon Piscator verwendete seinerzeit filmische Sequenzen) sorgen immer wieder für anhaltende Aufmerksamkeit.
Brecht selbst taucht ebenfalls auf: Als Puppe, geradezu rührend in seinem Versuch, das Stück in den USA aufzuführen und am Telefon zu erfahren, dass es ja in Amerika gar keinen Faschismus gebe. Eine von vielen sarkastischen Pointen dieser Inszenierung, die allzu didaktischem Eifer meist entgeht, aber in ihrer Eindringlichkeit dennoch immer wieder beklemmend wirkt. Und das Publikum erfährt sich als ohnmächtige Zuseherschaft, die auf der Bühne von Mitgliedern des “Stadtensembles” als “Stille Mitte” repräsentiert wird.
Ein mutiger Einstieg, der nicht allen gefallen wird, aber das muss auch nicht sein, kann und soll es auch nicht. Die wesentliche Message steht im Epilogsatz des Stücks: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch. Das lässt sich leider nicht entkräften.
(Von Ewald Baringer/APA)
(S E R V I C E – St. Pölten, Landestheater Niederösterreich: “Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” von Bertolt Brecht, Regie: Simon Hastreiter, Julia Hölscher, Leo Kees, Wolfgang Menardi, Michael Pietsch, Ilario Beniamino Rascher, Leonie Rohlfing, Christina Tscharyiski, Lars-Ole Walburg, Anja Michaela Wohlfahrt, Bert Zander. Bühne: Wolfgang Menardi. Kostüme: Michael Sieberock. Musik: Tobias Schwencke. Video: Bert Zander. Mit: Emma Bahlmann, Caroline Baas, Lisa Freiberger, Bettina Kerl, Max Kurth, Mika Pavle Kuruc, Michael Scherff, Ines Schiller, Philippe Thelen, Felix Thewanger, Susi Wirth und Mitwirkenden des Stadtensembles. Weitere Aufführungen bis 27. Jänner 2027. Information: )