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„Die Natur ist immer stärker als wir“

05.09.2026 • 11:00 Uhr
„Die Natur ist immer stärker als wir“
Klaus Drexel: „Die häufigste Unfallursach ist aus Sicht der Bergrettung die Selbstüberschätzung.“Hartinger

Der Herbst ist eine beliebte Wanderzeit, bringt aber auch besondere Herausforderungen mit sich. Klaus Drexel von der Bergrettung Vorarlberg erklärt, worauf es bei Touren in den Bergen jetzt ankommt und wie Einsätze ablaufen.

Der Herbst zählt zu den beliebtesten Jahreszeiten für Wanderungen in Vorarlberg. Bunte Wälder, klare Sicht und angenehmere Temperaturen als im Hochsommer locken viele Menschen in die Berge. Gleichzeitig können kürzere Tage, feuchte Wege und wechselhaftes Wetter das Unfallrisiko erhöhen. Klaus Drexel, Öffentlichkeitsreferent der Bergrettung Vorarlberg und Ortsstellenleiter der Bergrettung Dornbirn, appelliert deshalb an eine sorgfältige Tourenplanung, passende Ausrüstung und den nötigen Respekt vor der Natur.

Gefahren: Hitze und Wespen

Schon der heurige Sommer habe die Bergrettung Vorarlberg vor besondere Herausforderungen gestellt. Wegen der langanhaltenden Hitze kam es laut Klaus Drexel auffallend oft zu Einsätzen aufgrund von Herz-Kreislauf-Problemen. Beim Wandern und bei sportlicher Betätigung müsse der Körper nicht nur die körperliche Belastung, sondern zusätzlich auch die Hitze bewältigen. Vor allem ältere Menschen hätten damit zu kämpfen gehabt. Die Bergrettung wurde deshalb mehrfach wegen Kreislaufproblemen und Herzstillständen alarmiert.

„Die Natur ist immer stärker als wir“
Klaus Drexel, Öffentlichkeitsreferent der Bergrettung Vorarlberg und Ortsstellenleiter der Bergrettung Dornbirn.Hartinger

Auch Insektenstiche, insbesondere durch Wespen, beschäftigten die Einsatzkräfte in den Sommermonaten. Bei allergischen Reaktionen können Schwellungen und Atemnot auftreten. „Wenn ein Patient anschwillt, keine Luft mehr bekommt oder die Atemwege blockiert sind, ist ebenfalls der Notarzt gefragt“, erklärt der 52-Jährige. Er geht davon aus, dass solche Einsätze auch im September und Oktober noch vorkommen werden.

Bedingungen verändern sich im Herbst

Mit dem Herbst verändern sich nun die Bedingungen in den Bergen. Die Tage werden kürzer, Regen macht Wege rutschig, Laub verdeckt Hindernisse und Wurzeln. Dadurch steigt die Gefahr, zu stolpern, umzuknöcheln oder zu stürzen. Nebel sei hingegen nicht unbedingt das größte Problem. Häufig liege dieser im Tal, während in höheren Lagen die Sonne scheine. Viele Menschen würden deshalb als sogenannte „Nebelflüchter“ in die Berge fahren. „Dadurch ist in den Bergen gefühlt besonders viel los.“

Nenzinger Himmel, Pfälzer Hütte
Der Herbst zählt zu den beliebtesten Jahreszeiten für Wanderungen in Vorarlberg. Neue

Selbstüberschätzung

Die häufigste Unfallursache sei aus Sicht der Bergrettung die Selbstüberschätzung. Manche Wanderer würden sich zu lange Touren vornehmen und seien beim Rückweg erschöpft. Andere unterschätzten das Gelände und kämen in einen Bereich, den sie nicht mehr bewältigen könnten. Dann werde versucht, sich vor- oder zurückzuarbeiten – oft mit dem Ergebnis, dass die Bergrettung gerufen werden müsse.

Maurice Shourot
Der Notfallhubschrauber im Einsatz. neue

Richtige Planung

Die richtige Vorbereitung sei das „A und O“ und beginne bereits zu Hause. „Man sollte ehrlich einschätzen, was man sich zutrauen kann“, betont Drexel. Wer problemlos vier Stunden wandern könne, müsse anders planen als jemand, der nur zwei Stunden schaffe. Als Unterstützung verweist die Bergrettung unter anderem auf den PEAK-Bergcheck, der bei der Vorbereitung einer Tour hilft. Der Check, der auf der Homepage der Bergrettung nachzulesen ist, beinhaltet konkrete Handlungsempfehlungen und soll Wanderfreudige dafür sensibilisieren, wie sie eine passende Route auswählen, planen, sich richtig ausrüsten und sich im Gebirge sicher verhalten. PEAK steht für P wie Planung (Was habe ich vor?), E wie Einschätzung (Ist diese Wanderung für mich geeignet?), A wie Ausrüstung (Habe ich das Richtige dabei?) und K wie Kontrolle (Bin ich noch gut unterwegs?). Ins „Wandergepäck“ gehören unbedingt ein Handy, passende, rutschfeste und gut sitzende Schuhe, geeignete Kleidung, Wechselkleidung sowie Schutz vor Kälte. Ebenso wichtig seien eine Erste-Hilfe-Ausrüstung und ausreichend Verpflegung. Je nach Tour könne zusätzliche Spezialausrüstung notwendig sein. Entscheidend sei, sich vorab mit der Strecke und den aktuellen Bedingungen auseinanderzusetzen.

Maurice Shourot

Crocs völlig ungeeignet

Wenig Verständnis zeigt Drexel für den aktuellen Internet-Hype rund um Crocs. Manche würden die leichten Schuhe sogar auf Klettersteigen tragen. „Ich appelliere hier an den Hausverstand. Gerade auf einem Klettersteig sind Crocs völlig ungeeignet“, sagt der langjährige Bergretter. Das Verständnis für die Gefahren des Geländes sei bei manchen Menschen leider nicht besonders ausgeprägt.

Die vergangenen Wochen haben eindringlich gezeigt: In den Bergen kann ein Ausflug schnell tragisch enden – unter anderem im Bereich des Hohen Ifen und in Lech forderten Berg- und Wanderunfälle zwei Menschenleben.

Bergrettung vorarlberg

Die Bergrettung Vorarlberg ist eine gemeinnützige und freiwillige Rettungsorganisation für unwegsames und alpines Gelände. Ihre Einsatzkräfte helfen verunglückten, vermissten oder in Not geratenen Menschen – unabhängig von der Ursache der Notlage. Zu den Aufgaben zählen unter anderem Sucheinsätze, die Versorgung und Bergung von Personen, Einsätze bei Lawinenunfällen, die Rettung von Paragleitern und aus Seilbahnen sowie Pistenrettungs- und Assistenzeinsätze.
Rund 1400 ehrenamtliche Bergretterinnen und Bergretter sind in fünf Regionen mit 31 Ortsstellen organisiert. Die Mitglieder werden kontinuierlich und nach modernen Erkenntnissen aus- und weitergebildet. Neben der Rettung gehört auch die Vorbeugung von Bergunfällen durch Information und Ausbildung zu den Aufgaben der Organisation.
Im Auftrag des Landes Vorarlberg betreibt die Bergrettung außerdem die Flugrettung mit den Notarzthubschraubern im Land. Die Flugrettung ist von den Wetter- und Sichtverhältnissen abhängig und stellt daher eine Ergänzung zum bodengebundenen Notarztsystem des Roten Kreuzes dar.
Eine Spezialeinheit ist die der Landesleitung zugeordnete Hundestaffel. Die ausgebildeten Bergretterinnen und Bergretter sowie ihre Hunde sind ganzjährig im alpinen und unwegsamen Gelände einsatzfähig. Sie suchen nach Lawinenverschütteten sowie nach vermissten oder verunglückten Personen und werden je nach Einsatzbereich zur Lawinen-, Gebirgsflächen-, Flächen- oder Trümmersuche eingesetzt.
Darüber hinaus übernimmt die Bergrettung unter anderem Höhenrettungen, Tierrettungen, Krankentransporte, Dienste bei Veranstaltungen sowie technische Bergungen und Hilfeleistungen.

Ungewöhnlich

Für die Bergrettung Dornbirn, deren Ortsstellenleiter Klaus Drexel ist, verliefen die vergangenen Monate eher ungewöhnlich. Bis Juni habe es bereits zahlreiche Einsätze gegeben, danach sei eine längere ruhige Phase gefolgt. „Bis jetzt war es im Juli und August extrem ruhig. Das sind wir so nicht gewohnt, weil wir in den vergangenen Jahren in dieser Zeit sehr viele Einsätze hatten.“ Warum es heuer im Sommer in ihrem großen Einzugsgebiet so wenig Einsätze gab, könne man sich selbst nicht genau erklären.

„Die Natur ist immer stärker als wir“
Die richtige Ausrüstung steht immer bereit. Hartinger

Einsatzablauf

Wenn ein Notruf eingeht, werden die Einsatzkräfte meist während der Arbeitszeit alarmiert. Sie müssen so schnell wie möglich zum Stützpunkt kommen. Die erste eintreffende Person nimmt Kontakt mit der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle (RFL) auf und übernimmt zunächst die Einsatzleitung. Sobald ein Fahrzeug besetzt ist, fahren die Einsatzkräfte zum Einsatzort. Bei Herzstillständen oder schweren Kreislaufproblemen zählt jede Minute. In solchen Fällen können die ersten beiden Einsatzkräfte auch mit dem Quad vorausfahren. Für Bergungen im unwegsamen Gelände braucht es in der Regel aber eine größere Mannschaft. „Sobald ein Patient gelagert, getragen und gesichert werden muss, braucht man ein entsprechend großes Team.“ Je nach Lage wird zusätzlich ein Notarzt angefordert – bodengebunden oder mit dem Notarzthubschrauber.

Ehrenamtlich

In Vorarlberg sind rund 1400 ehrenamtliche Bergretter in fünf Regionen und 31 Ortsstellen organisiert. Mit dem Mitgliederstand ist Drexel grundsätzlich zufrieden. Gleichzeitig sei es nicht einfach, die Einsatzkräfte langfristig zu halten. Viele kommen jung und hochmotiviert zur Bergrettung. Mit der Familiengründung und steigendem beruflichem Druck verändern sich jedoch die Lebensumstände. „Familie und Bergrettung müssen dann parallel funktionieren.“

Bergrettung Vorarlberg
Die Hundestaffel ist eine Spezial­einheit der Bergrettung.hartinger

Auch die Ausbildungen würden komplexer, die technischen Geräte aufwendiger und die Anforderungen an die ehrenamtlichen Bergretter höher. Besonders für Schlüsselpositionen wie Einsatzstellenleiter oder technische Leiter sei es schwierig, geeignete Personen zu finden, die neben den Einsätzen auch organisatorische Aufgaben übernehmen. Ganz wichtig sind für Drexel die Bergretterinnen. „Frauen bewegen bei der Bergrettung sehr viel.“

Liebe zu den Bergen

Klaus Drexel selbst kam über seine Liebe zu den Bergen zur Bergrettung. Er sei sehr gerne am Berg unterwegs gewesen und habe dort auch viel Sport betrieben. Zudem kannte er mehrere Menschen, die bei der Bergrettung aktiv waren. Durch Gespräche mit ihnen habe er die Möglichkeit entdeckt, in seinem Lieblingsbereich etwas Sinnvolles zu tun. „Ich wäre selbst froh, wenn mir jemand helfen würde, wenn ich in den Bergen in Schwierigkeiten gerate“, führt er aus. Dieses Gefühl gebe er nun weiter.

„Die Natur ist immer stärker als wir“
Klaus Drexel im Gespräch mit der NEUE am Sonntag. Neue

Wanderern gibt Klaus Drexel für den Herbst drei Dinge mit: eine gute Vorbereitung, die passende Ausrüstung und Respekt vor den Bergen. Im Notfall müsse der Notruf gewählt werden. Weil es nicht überall Empfang gibt, sollten Bergsportler außerdem wissen, wie sie Erste Hilfe leisten können. „Die Berge sind keine Turnhalle und kein Trainingsraum. Sie sind ein alpiner Lebensraum, in dem jederzeit etwas passieren kann.“ Und: „Die Natur ist immer stärker als wir.“