steirischer herbst – Und ewig droht das Exil

18.10.2026 • 10:17 Uhr
steirischer herbst - Und ewig droht das Exil

Wann kippt eine immer autoritärer geführte Gesellschaft ins Unerträgliche? Was sind die Warnsignale? Diese ganz im Zeichen des diesjährigen Festivalmottos “Red Flags” stehenden Fragen standen im Zentrum der Österreichpremiere der französisch-deutschen Produktion “Four Walls and a Roof”, gleichzeitig der letzten und einmaligen Performance beim steirischen herbst in der Grazer Helmut List-Halle.

Am 30. Oktober 1947, am Ende seines über 14 Jahre währenden, ihn durch halb Europa und schließlich in die USA führenden Exilweges, musste sich Bertolt Brecht – gemeinsam mit 18 Künstlerpersönlichkeiten aus der Filmbranche – vor einem “Ausschuss für unamerikanische Tätigkeiten” (HUAC) verantworten. Das Protokoll des Verhörs bildet den Ausgangspunkt für die knapp zweistündige Lecture-Performance des libanesisch-deutschen Künstlerduos Lina Majadalanie und Rabih Mroué.

Brecht kommt mit Hilfe von KI zu Wort

Unterstützt von Bühnenmusikprofi Henrik Kairies, der etliche der einschlägigen Lieder von Brecht und Hanns Eisler stilecht intonierte und eigene Instrumentalkompositionen beisteuerte, stellen Majadalanie und Mroué zuerst jenes Verhör Brechts nach, wobei nur die absurden Fragen an ihn verlesen werden. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz kommt anschließend Bertolt Brecht selbst zu Wort, und zwar genau mit jenem Statement über die Zerstörung der Demokratie in Deutschland, das er bei seinem Verhör in Washington 1947 nicht halten durfte und dessen Text er erst später bei einer Pressekonferenz publik machte.

Majadalanie und Mroué lassen die Gedanken in ihrer im Stil einer multimedialen Vorlesung gehaltenen Performance um zwei Fotos kreisen, die Brecht jeweils unmittelbar vor dem Verlassen Deutschlands nach dem Reichstagsbrand 1933 und vor seiner Abreise aus den USA nach dem Ausschussverhör in einer offensichtlich arrangierten, beinahe deckungsgleichen Pose zeigen: Was wollte Brecht mit diesen beiden Fotos sagen, wollte er überhaupt etwas damit sagen, was sagen die beiden Fotos uns in jedem Fall?

Eigene Fluchtgeschichte verarbeitet

Den Umstand, dass sie die Rechte, das zweite Foto im Rahmen ihrer Performance zeigen zu dürfen, nicht erhielten, nutzen die beiden Künstler für einen geschickten Trick, mit dem die Absurdität des digitalen Rechtedschungels bloßgestellt wird.

Geschickt weben Majadalanie und Mroué ihre eigene Flucht- und Exilgeschichte zwischen dem Nahen Osten und Berlin in den Gedankenfluss und oszillieren immer wieder zwischen Poesie und Lehrtätigkeit. Am Ende des langen Abends steht die optische Inszenierung eines Traums, in dem die beiden in einem nicht identifizierbaren Land landen. Als sie im Traum die Menschen fragen, in welcher Zeit sie sich befänden, kommt die Antwort: “Zu allen Zeiten.”

Zwingt zum Nachdenken

Trotz der Länge und einiger kleinerer Brüche im Erzählfluss versteht die Performance zu fesseln, das Publikum zum Nachdenken über jene anscheinend ewig wirksamen Mechanismen zu zwingen, mit denen Gesellschaften immer wieder von der Liberalität in die Unterdrückung geraten. Die Hauptausstellung des steirischen herbst ’26 bleibt auch nach dem Ende des Festivals am heutigen Sonntag noch bis 15. November im Festivalzentrum auf dem Grazer Griesplatz für Besucher geöffnet.

(Von Andreas Stangl/APA)

(S E R V I C E – )