steirischer herbst – Zwölf Interventionen im Ex-Wirtshaus

25.09.2026 • 11:43 Uhr
steirischer herbst - Zwölf Interventionen im Ex-Wirtshaus

Puppenheim (Dollhouse), so lautete die interne Arbeitsbezeichnung des “herbst”-Teams für den funktionalen Barockbau am Nordende des Griesplatzes, das in diesem Jahr dem steirischen herbst als Zentrale und als Ort der Hauptausstellung dient. Diese trägt keinen separaten Titel – das gesamte Festival steht bekanntermaßen unter dem Motto “Red Flags” – und erweist sich als im Vergleich zum Vorjahr deutlich kompakter. Herausgekommen ist am Ende mehr Spukschloss als Puppenheim.

“Bei der Gestaltung der Ausstellung haben wir uns gefragt, was hier hätte sein können, das erschien uns interessanter als die eigentliche Geschichte des Gebäudes, das zuletzt ein Schnitzelwirt war”, formulierte Festival-Intendantin Ekaterina Degot die Ausgangslage für das Kuratorenteam der Ausstellung um David Riff und Pieternel Vermoortel.

Zwölf Interventionen auf drei Ebenen

Der insgesamt zwölf künstlerische Interventionen auf drei Ebenen des Hauses umfassende Ausstellungsparcours beginnt im Schankraum des ehemaligen Wirtshauses im Bezirk Gries mit der auf fünf Gasthaustische verteilten Hörspiel-Installation von Andreas Unterweger und Max Höfler “Wenn wir und was zu sagen hätten”, in der die sozialen und intellektuellen Verwerfungen eines immer schon als Zwischenzone fungierenden Stadtbezirks Wortgestalt annehmen.

Ist das Unbehagen, das diese aus dem Leben gegriffenen und einer gewissen Komik nicht entbehrenden Stammhausdialoge auslösen, noch eher sublim, so stolpern die Besucher der Ausstellung im ersten Stock gleich in das nackte Grauen einer Folterkammer, in der offenbar ein anonymer Analyst des in Kriminalität und Krieg mündenden Zeitenwandels in Ost- und Südosteuropa zum Schweigen gebracht wurde. Der ukrainische Künstler Nikolay Karabinovych hat dazu eine detailreiche Messie-Landschaft in einen Wohnraum gebaut.

Berührende Alltagsskizzen aus dem Irak

Im gleichen Stockwerk finden sich eine überdimensionale, aus duftenden Blumen gestaltete, tote Ratte (in der Katerstimmung reflektierenden Installation mit dem Titel “The Quaking and the Shaking of Our Previous Making” der Britin Heather Philipson) sowie ein seltsam anmutender Fan-Schrein mit ultrakonservativen weiblichen Politikerikonen von Margaret Thatcher bis – echt jetzt? – Karin Kneissl.

Am berührendsten jedoch erscheint die schlichte Ausstellung gezeichneter Skizzen des irakischen Künstlers Rawan Almuktar, mit denen er während der zwölfjährigen US-Okkupation seines Landes den von Checkpoints und Stacheldrähten geprägten Alltag jener Zeit dokumentierte. Almuktar wählte die Zeichnung auf Transparentpapier als Dokumentationsmittel, nachdem seine Kamera von US-Soldaten beschlagnahmt wurde.

Nicht alles jugendfrei

Im zweiten Stock spukt unter anderem die legendäre US-russische Kunstfilmpionierin Maya Deren mit einem Ausschnitt aus ihrem beklemmenden Schwarz-Weiß-Klassiker “Meshes of the Afternoon”. Bei näherem Hinsehen nicht ganz, oder besser: überhaupt nicht jugendfrei ist die mit bunten Zeichnungen bemalte Tapete “Erected Family” der norwegischen Künstlerin Vanessa Baird, die mit einer gehörigen Portion politischen Holzhammer-Humors aufwartet.

Während die kontemplative Film-Installation “Ich gebe dir meine Hand” erst bei näherer Betrachtung unangenehme Gefühle aufkommen lässt, knallt die aus der kriegsgebeutelten Stadt Charkiw stammende Alina Kleytman ihrem Publikum die pornografische Qualität des Konsums von aus der Ferne rezipierten Kriegsbildern und Schreckensnachrichten in drastischen Bildern um die Ohren. Der Raum mit drei ihrer Videoinstallationen ist nichts für Zartbesaitete.

Vampir-Movie mit Florentina Holzinger

Mutmaßliche Hauptattraktion der namenlosen Ausstellung im Schnitzelhaus-Puppenheim ist vermutlich die Arbeit “Edge of Empire” der schwedischen Filmemacherin Josefin Arnell. Sie hat – nebst einer leicht verstörenden Ansammlung dunkler bäuerlicher Ornamentik und figürlicher Holzschnitzereien aus dem halbvergessenen Gruselroman aus dem 19. Jahrhundert um die in der Steiermark angesiedelte Vampirin Carmilla – eine mit kindlich-naiv gezimmerter Gesellschaftskritik garnierte Kurzfilm-Brettljause gedreht. Biennale-Star Florentina Holzinger überzeugt darin als leicht frustrierte lesbische Vampirin.

Zusammenfassend kann man die diesjährige Ausstellung trotz ihrer Reduziertheit als gelungen bezeichnen. Vielleicht fehlt es ein bisschen an jener Tiefe und Opulenz, die die Ausstellungen der beiden vergangenen Festivalausgaben kennzeichneten.

(Von Andreas Stangl/APA)

(S E R V I C E – Hauptausstellung des steirischen herbst 2026: Di-So 11-19 Uhr, Fr und Sa bis 22 Uhr; bis 18. Oktober, Griesplatz 34. Eintritt frei, einzelne Räume mit Altersbeschränkung. Infos: )