Brustkrebs früher ertasten: Diese Methoden werden in Dornbirn vorgestellt

An der Fachhochschule Vorarlberg wurden neue Wege vorgestellt. Einer davon setzt auf eine Fähigkeit, die viele unterschätzen.
2024 erhielten in Österreich 6959 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Damit entfielen rund 31 Prozent aller Krebsneuerkrankungen bei Frauen auf diese Erkrankung. Im selben Jahr starben 1755 Frauen an Brustkrebs. Wie wichtig Früherkennung und ein guter Zugang zu Information ist, weiß Nadja Will aus eigener Erfahrung.

Am Freitag, dem 9. Oktober, stand Brustgesundheit beim MammAware-Aktionstag an der Fachhochschule Vorarlberg (FHV) im Mittelpunkt. In Workshops ging es um Früherkennung, Selbstuntersuchung und Gespräche mit Ärztinnen und Ärzten. Auch ein Virtual-Reality-Training zum Abtasten der Brust war Teil des Programms. Den Abschluss bildete eine Keynote von Will, Expertin für Brustgesundheit und Krebskommunikation.
Feiner Tastsinn
Einen praktischen Zugang zum Thema bot auch der Infostand von „Discovering Hands“. Das vom Gynäkologen Frank Hoffmann gegründete Projekt setzt bei Vorsorgeuntersuchungen auf den besonders ausgeprägten Tastsinn sehbehinderter Frauen. Sylwia Pietr, eine der Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen, erklärte an einer Perlenkette, welche Knoten sie ertasten können und ab welcher Größe sie bei herkömmlichen Untersuchungen meist entdeckt werden. „Wir von Discovering Hands arbeiten für gewöhnlich in Arztpraxen und Krankenhäusern“, sagte Pietr. Teilweise würden auch Unternehmen das Angebot für ihre Mitarbeiterinnen organisieren.


Frauen können zudem lernen, ihre Brust selbst regelmäßig abzutasten. Dass diese Untersuchung auch Sorgen auslösen kann, weiß Pietr aus Gesprächen: Manche Frauen hätten ihr erzählt, sie ließen das Abtasten ganz sein, weil sie dabei immer etwas bemerkten, das sie beunruhige. Umso wichtiger sei es, die eigene Brust kennenzulernen und Veränderungen medizinisch abklären zu lassen.

Pflegewissenschaftler Hubert Jocham von der FHV will das Lernen erleichtern. An der Hochschule wird ein VR-Programm entwickelt, das die Selbstuntersuchung möglichst anschaulich vermitteln soll. Besucherinnen und Besucher konnten es beim Aktionstag ausprobieren; ab 2027 soll es öffentlich zugänglich sein. Jocham beschäftigt das Thema seit seiner Zeit in der Pflege: „Ich habe sehr viele Frauen begleitet, die an terminalen Brustmetastasen infolge von Brustkrebs verstorben sind. Das war die Motivation für mich, dieses Projekt zu machen und etwas daran zu ändern.“


Brustkrebs mit 34
Für Nadja Will begann die Auseinandersetzung mit Brustgesundheit 2017 mit ihrer eigenen Diagnose. Sie war damals 34 Jahre alt und ausgebildete Anästhesie- und Intensivpflegekraft. Medizinisches Wissen gehörte zu ihrem Berufsalltag. Über die eigene Brustgesundheit wusste sie nach eigener Einschätzung dennoch viel zu wenig. „Ich bin einmal im Jahr zum Check-up gegangen, habe zwei Kinder auf die Welt gebracht und dachte: Was soll mir schon passieren?“ Als sie dann zufällig einen Knoten in der Brust feststellte, wurde sie anfänglich von Ärzten nicht einmal ernst genommen. “Ich verdanke es meiner eigenen Hartnäckigkeit, dass ich schlussendlich trotzdem auf Brustkrebs untersucht wurde,” erinnert sich Will.

Die Diagnose stellte ihr Leben auf den Kopf. Innerhalb einer Woche sei sie in die Behandlung gekommen, erzählt Will. In dieser Zeit habe sie sich wie ein Zebra gefühlt: „Ganz alleine auf dieser Welt“ mit einer Brustkrebsdiagnose in diesem Alter. Sie habe mit sich selbst eine Vereinbarung getroffen: Wenn sie die Erkrankung überlebe, wolle sie anderen Frauen etwas zurückgeben. Aus diesem Entschluss entstand zunächst ein Raum für Austausch unter jungen und betroffenen Frauen. Heute engagiert sich Will unter anderem im von ihr gegründeten „th!nk pink club“, einem Netzwerk für Betroffene.
Den eigenen Körper kennen
Auch ihre berufliche Arbeit entwickelte sich weiter. Neben ihrer ursprünglichen Tätigkeit setzt sie sich heute mit Gesundheitskommunikation auseinander, hält Vorträge und gibt Workshops. Ihr Anliegen: Wissen über Brustgesundheit soll nicht erst dann Thema werden, wenn eine Diagnose im Raum steht. „Für mich selbst habe ich mich aus der Verantwortung genommen“, sagt sie über die Zeit vor ihrer Erkrankung. Gerade Menschen in Gesundheitsberufen könnten zwar viel für andere tun, sollten dabei aber die eigene Gesundheit nicht aus dem Blick verlieren.
Aufklärung an Schulen
Will möchte das Thema deshalb früher in die Bildung bringen. Brustgesundheit und Gesundheitskompetenz sollten ihrer Meinung nach schon in der neunten oder zehnten Schulstufe behandelt werden. Jugendliche seien oft noch unbefangener und könnten lernen, Veränderungen wahrzunehmen und Fragen zu stellen, bevor Angst oder Scham den Zugang erschwerten. Auch angehende Beschäftigte im Gesundheitsbereich sollten während ihrer Ausbildung erfahren, was sie für die eigene Gesundheit tun können.

Bei der Früherkennung gehe es nicht darum, Brustkrebs sicher zu verhindern, sagt Will. Entscheidend sei, Veränderungen möglichst früh zu entdecken und passende Untersuchungen und Behandlungen zu erreichen. Dafür gebe es verschiedene Möglichkeiten; zugleich müsse der Zugang zu ihnen für alle Frauen fairer werden. „Die entscheidende Frage ist: Wie kriegen wir den Zugang hin, damit jede Frau chancengleich vorsorglich und frühzeitig unterwegs sein kann?“

In den vergangenen Jahren habe die Aufmerksamkeit zugenommen, auch jüngere Frauen fühlten sich stärker angesprochen. Doch Will reicht das nicht. „Man kann so viel pink färben, aber trotzdem sterben Frauen an Brustkrebs. Pink alleine reicht mir nicht mehr.“ Was sie sich stattdessen wünscht: mehr Aufklärung, mehr Gesundheitskompetenz und Angebote, die Frauen tatsächlich erreichen. Sie selbst betreibt dafür vor allem Aufklärung über soziale Medien und seit Kurzem auch im eigenen Podcast “Frauengesundheit – Der Realtalk” mit Ärztin Aylin Kümmel.
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)