Steve Reich: “Stolz, Teil der Veränderung gewesen zu sein”

02.10.2026 • 08:32 Uhr
Steve Reich: "Stolz, Teil der Veränderung gewesen zu sein"

Am Samstag (3. Oktober) feiert Steve Reich, einer der größten lebenden Komponisten, seinen 90. Geburtstag, was unter anderem in Graz mit einem ganzen Reich-Marathon gefeiert wird. Der bei New York lebende Tonsetzer sprach aus diesem Anlass mit der APA über sein Interesse an seinem Vermächtnis, die Gefahr von Antisemitismus und KI, seine Bewunderung für HK Gruber und die Frage, wann auch mal ein Cupcake reicht.

APA: Mit die größten Feierlichkeiten zu Ihrem runden Geburtstag finden heuer in Graz und kommendes Jahr beim Grafenegg Festival statt. Können Sie mir etwas über Ihre Beziehung zur österreichischen Musikszene erzählen?

Steve Reich: Es gibt vor allem einen Komponisten, der einen großartigen Sinn für Humor hat, aber mir fällt der Name gerade nicht ein. Ich bin 90 Jahre alt, und mein Gedächtnis gleicht einem Schweizer Käse voller Löcher. (lacht)

“HK Gruber ist großartig”

APA: Vielleicht HK Gruber?

Reich: Genau! Gruber ist großartig. Er ist ein sehr guter Musiker, hat seinen eigenen Stil. Ich bewundere Gruber wirklich. Der ist einfach ein Original, eine sehr, sehr authentische musikalische Persönlichkeit.

APA: Und es ist ansonsten ja nicht gerade einfach, Humor in der zeitgenössischen Musik zu finden …

Reich: Sie lachen nicht über Pierre Boulez? Was ist los mit Ihnen?! (lacht) Aber im Ernst: Ich persönlich hatte Glück. Ich habe bei Luciano Berio studiert, und der hatte einen sehr guten Sinn für Humor.

“Hier tue ich etwas, was ich noch nie zuvor gemacht habe!”

APA: Gut lachen hat auch das Grafenegg-Festival, wo kommendes Jahr Ihr neues Werk “In All Your Ways” Österreich-Premiere feiert. Können Sie mir ein bisschen über Ihre Motivation für das Stück erzählen?

Reich: Der Titel bezieht sich auf einen Spruch Salomos “Erkenne ihn auf allen deinen Wegen”. Der Auftrag für das Stück lautete aber ausdrücklich “Ohne Gesang”, weshalb “In All Your Ways” ein Instrumentalstück ist. Man kann einen Text im Kopf haben und ihn vertonen, aber er muss nicht gesungen werden. Der Satz “In all your ways” bildet dabei ein sehr einfaches musikalisches, rhythmisches Modul, das sich für alle möglichen Variationen eignet. Ich hatte bei der Komposition dieses Stücks viel mehr Freiheit als bei vielen anderen. Ich habe ein Jahr lang Dinge verworfen. Dann hatte ich den größten Teil des Stücks fertig, bis mir auffiel: Das wird nie langsamer! Und ich bin es leid, mir das anzuhören. Ich musste also ein paar langsame Sätze einbauen, um eine Verschnaufpause, Raum zum Nachdenken zu schaffen. Ich bin dann wie ein Chirurg vorgegangen und habe in einen fertigen Teil etwas Neues eingebaut – was ich zuvor noch nie getan hatte. Es war eine Herausforderung, aber es hat geklappt. Stellen Sie sich vor: Ich werde 90 Jahre alt, und hier tue ich etwas, was ich noch nie zuvor gemacht habe!

“Ich bin nicht mehr so auf Zack.”

APA: Haben Sie denn noch eine tägliche Kompositionsroutine?

Reich: Ich hatte nie wirklich eine tägliche Kompositionsroutine, aber in der Regel habe ich von mittags bis 2 Uhr morgens komponiert, wenn auch nicht durchgehend. Aber je älter ich werde, umso später fange ich an und früher höre ich auf. Ich komme einfach nicht richtig in Schwung. Und wenn es erst einmal nach Mitternacht ist, habe ich keine große Lust mehr. Ich bin nicht mehr so auf Zack. So ist es nun mal. Aber das Leben geht weiter, und man muss die trivialen Dinge erledigen wie einzukaufen.

APA: Wenn Sie ein Stück komponieren, was steht am Anfang? Eine konzeptionelle Idee, ein rhythmisches Muster, oder ist es jedes Mal anders?

Reich: Das variiert tatsächlich. Bei den frühen Tonbandstücken war es die Melodie der Sprache, die mich faszinierte. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, ich will nicht den Rest meines Lebens Werke mit Tonband machen. So kam es zu “Piano Phase” als meinem ersten Instrumentalstück 1967. Danach entwickelt sich meine Musik bis hin zu “Drumming” 1971 eher durch melodische und rhythmische Entwicklung, harmonisch gesehen bewegt sie sich nicht weiter. Dann habe ich mir irgendwann gedacht: Basta. Ich habe viele Jahre damit verbracht, Harmonielehre zu studieren. Warum entdecke ich nicht meine eigene? Und ich begann, Musik für Schlaginstrumente, Stimmen und Orgel zu schreiben. Und jetzt verfüge ich über ein persönliches harmonisches Vokabular.

“Ich bin sehr selbstkritisch.”

APA: Wie ist denn Ihre Beziehung zu älteren Stücken? Sind das für Sie Tempi passati, oder sind die immer noch ein geschätztes Mitglied Ihrer Familie?

Reich: Das hängt vom jeweiligen Stück ab. Ich werfe im Prozess eine Menge Musik weg, ich bin sehr selbstkritisch. Aber zugleich ist mir klar, dass es unter dem, was ich geschaffen habe, einige wirklich großartige Stücke gibt, einige gute und einige, die ganz okay sind. Ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber, aber gelegentlich möchte ich meine Sichtweise auf Stücke auffrischen. Beim einen oder anderen habe ich wirklich gute Arbeit geleistet, also schaue ich mir das noch mal an, um mir Dinge in Erinnerung zu rufen, aus denen ich selbst lernen kann – ebenso wie ich mir andere Komponisten anhöre, die sich mit demselben Problem beschäftigt haben.

APA: Können Sie Ihren Werken ein Eigenleben gönnen und sie loslassen?

Reich: Ich bin daran interessiert, ungewöhnliche Interpreten bei der Aufführung meiner Stücke zu hören. Das ist lehrreich, denn wenn ein Stück ein Eigenleben führen soll, muss es in vielen verschiedenen Kontexten funktionieren. Wenn ein Komponist nicht damit einverstanden ist, dass seine Stücke von anderen gespielt werden, sollte er besser vorhaben, 1.000 Jahre zu leben.

APA: Wie blicken Sie heute auf den Bruch mit der musikalischen Moderne zurück, den Sie und Zeitgenossen wie Philip Glass oder La Monte Young vollzogen haben?

Reich: Meine Generation hatte unabhängig voneinander das Gefühl: Wir können Pierre Boulez verstehen, wir können Karlheinz Stockhausen verstehen und respektieren sie. Aber auf einer intuitiven, persönlichen Ebene war uns klar: Es reicht, wir wollen diese Musik nicht mehr hören. Während ich also tagsüber bei Berio studierte, ging ich abends in die Jazzclubs, hörte ghanaische oder balinesische Musik. Und unsere Musik spiegelt diese Einflüsse wider, was einen drastischen Wandel in der Musikgeschichte bedeutete. Das war das erste Mal, dass Amerika den Wandel in der westlichen Musik einleitet, der zuvor immer in Europa initiiert wurde. Das beste Beispiel, das kurz nach uns auftauchte, war Arvo Pärt, der neben mir selbst mein Lieblingskomponist ist. Ich habe unendliche Bewunderung für Pärt. Ich bin sehr stolz darauf, ein Teil dieser Veränderung gewesen zu sein. Und nun ist es schön und aufschlussreich zu sehen, was jüngere Menschen daraus machen.

APA: Machen Sie sich Gedanken über Ihr Vermächtnis und was künftige Generationen darüber denken?

Reich: Auf jeden Fall! Ich kenne keinen Komponisten, den ich respektiere, der das nicht tut – vielleicht sprechen sie nur nicht darüber. Man versucht, jedes Mal, wenn man komponiert, die bestmögliche Musik zu schreiben. Wenn man das nicht tut, verschwendet man seine eigene Zeit und die aller anderen. Ich werde die Musikwelt nicht verändern können, und sie wird sich weiterentwickeln. Und ich erwarte auch nicht, dass meine Werke so oft gespielt werden wie die von Haydn oder Beethoven. Aber ich hoffe, dass mein Tod nicht den Tod dessen bedeutet, was ich geschaffen habe. So einfach ist das.

“Dass KI ihren Platz in der Musik finden wird, steht außer Frage.”

APA: Sie haben früh Technologie in Ihre Arbeit integriert. Haben Sie Bedenken hinsichtlich der Künstlichen Intelligenz bei der Musikproduktion oder überwiegen hier die Möglichkeiten?

Reich: Die KI ist offensichtlich leistungsstark. Tatsächlich könnte sie sich als fast schon zu leistungsstark erweisen. Ich persönlich versuche, sie zu vermeiden. Musikalisch setze ich keine Elektronik ein, und schon gar keine künstliche Intelligenz. Dass sie ihren Platz in der Musik finden wird, steht außer Frage. Wie das aussehen wird, weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es da draußen viele Menschen gibt, die ich kennenlernen werde, wenn ich lange genug lebe, um zu erfahren, was sie tun. Aber für mich ist es eine potenziell gefährliche Entwicklung – eine Gefahr, wie sie die Menschheit noch nie erlebt hat.

“Ich denke, jeder sollte sich Sorgen machen”

APA: Ihre jüdische Identität ist im Laufe der Jahrzehnte für Ihre Arbeit immer wichtig geworden und ich nehme an, auch in Ihrem Privatleben. Machen Sie sich Sorgen wegen des zunehmenden Antisemitismus, den wir in den letzten Jahren in der westlichen Welt beobachten?

Reich: Die einfache Antwort lautet: Ja. Natürlich mache ich mir Sorgen. Und ich denke, jeder sollte sich Sorgen machen, ob Jude oder Nichtjude, denn wann immer so etwas geschieht, werden auch viele andere böse Kräfte entfesselt. Hitler war Hitler, aber er war nicht allein. Deshalb halte ich das und die KI gleichsam für gefährlichen Sprengstoff. Die Menschheit hat einen beunruhigenden Mangel an Fähigkeit, das zu kontrollieren, was sie erschaffen hat. Die Vorstellung, etwas zu beenden, ist schwieriger als die, es zu beginnen.

APA: Darf ich Ihnen zum Abschluss noch die einfache Frage stellen, wie Sie Ihren Geburtstag feiern werden?

Reich: Auch wenn ich körperlich nicht in der Lage bin, außerhalb von New York zu reisen, passiert gerade sehr viel. Also habe ich zu meiner Frau gesagt: Lass uns einen ruhigen Abend zu zweit verbringen. Vielleicht gehen wir in unser Lieblingsrestaurant, und du kannst den Kuchen kaufen oder backen, und es kann auch einfach nur ein Cupcake sein.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(ZUR PERSON: Steve Reich, geboren am 3. Oktober 1936 in New York, zählt zu den einflussreichsten Komponisten der Gegenwart und zu den Wegbereitern der musikalischen Minimal Music. Seit den 1960er-Jahren entwickelte er eine unverwechselbare Klangsprache, geprägt von Wiederholungen, rhythmischen Verschiebungen und allmählichen Veränderungen musikalischer Strukturen. Reichs Musik verbindet Einflüsse aus westlicher Kunstmusik mit Jazz sowie afrikanischen und jüdischen Musiktraditionen. Zu seinen bekanntesten Werken gehören “The Desert Music”, “Music for 18 Musicians”, “Different Trains” und “The Cave”.)