Szalay liest beim Bachmann-Preis aus “Zwischenräumen”

Graz scheint ein fruchtbarer Boden für die Bühne in Klagenfurt zu sein: Zuletzt waren etwa Ulrike Haidacher, Max Höfler oder Natascha Gangl eingeladen, die den Bachmann-Preis im Vorjahr auch gewann. Mit dem Lyriker Christoph Szalay ist heuer erneut ein gebürtiger Grazer mit dabei; wie auch bei Gangl entziehen sich seine Texte nicht nur der herkömmlich erzählenden Prosa, sondern arbeiten konsequent dagegen. Doch Brüche sind Szalays Biografie seit jeher eingeschrieben.
Der 39-Jährige, der nach Studien in Graz und Berlin mittlerweile in der Obersteiermark lebt, begann seine Karriere einst im Sport: Jene extremen körperlichen Erfahrungen, die er in seiner Jugend als Nordischer Kombinierer gemacht hat, stehen mittlerweile auch im Fokus seines literarischen Schreibens. Doch das war nicht immer so, wie er im Gespräch mit der APA erzählt. Neben seinem Germanistikstudium in Graz traf er auf interessante Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen, von der Musik über die Performance bis hin zur bildenden Kunst. Seine Begeisterung für trans- und interdisziplinäres Arbeiten war geboren.
“Es wundert mich selbst, dass es so gut funktioniert hat”
Mit “stadt / land / fluss” erschien 2009 der erste, hoch gelobte Lyrikband des damals erst 22-Jährigen im Leykam Verlag, es folgten der Literaturförderpreis der Stadt Graz, ein start-Stipendium des Kulturministeriums, und 2012 mit “flimmern” gleich der nächste Gedichtband. “Es wundert mich selbst, dass es so gut funktioniert hat”, erinnert er sich rückblickend. Schließlich sei der Literaturbetrieb sehr stark auf Prosa – und dort auf den Roman – ausgerichtet. “Das meint eindeutig nicht all diese Zwischenformen, die sprachbewusst arbeiten, und wo es nicht darum geht, eine Geschichte zu erzählen.”
Doch der Erfolg gab ihm Recht, es folgte eine Nominierung für den renommierten Lyrikpreis Meran und 2015 schließlich der Feldkircher Lyrikpreis. “Ich war naiv genug zu glauben, dass es mit meiner inter- und transdisziplinären künstlerischen Praxis funktioniert”, so Szalay. Bis es irgendwann “nicht mehr funktioniert hat”. Ob sich die Strukturen im Literaturbetrieb, in der Förderlandschaft oder grundsätzlich das Leseverhalten des Publikums verändert haben, lasse sich nicht final beantworten.
Studium “Kunst im Kontext” war prägend
Prägend war für Szalay seine Zeit in Berlin, als er an der UdK das Masterstudium “Art in Context” absolviert hat. “Der letzte Ort, an dem ich mich gesehen hätte, war ein Schreib- oder Literaturinstitut.” Stattdessen wählte er ein Studium, in dem er nicht nur auf Menschen verschiedener Altersgruppen traf, sondern aus verschiedenen künstlerischen Praxen von der Kuratierung über die Performance bis hin zur Social Art Practice. Immer wieder arbeitete Szalay mit Künstlern und Künstlerinnen aus anderen Disziplinen zusammen, übte sich in der Kuratierung etwa am Forum Stadtpark oder gab Anthologien heraus. Für das Kinderbuch “Alex und der Mond” arbeitete er mit der Zeichnerin Lisa Maria Wagner zusammen, mit “SOFT (Acts of Tenderness)” gab er am Center for Social Vision in Sofia (Bulgarien) ein limitiertes Kartenset heraus.
Doch irgendwann zog es den Steirer wieder zurück in die Heimat im Ennstal. “Es ist mir einfach darum gegangen, einmal durchzuschnaufen, bevor es weitergeht – nach Athen oder Wien.” Zurück in der Obersteiermark begann er mit dem Laufen, die alpine Landschaft wurde immer relevanter. Die Natur hatte sich aber schon längst in seine Arbeit eingeschlichen, als er noch in Graz und Berlin lebte, wie im 2020 erschienenen Band “RÆNDERN” zu erleben ist: Es war der Versuch einer “zeitgemäßen dichterischen Auseinandersetzung mit überlieferten Bildern scheinbar unberührter Natur, die landläufig von sentimentalem Kitsch okkupiert sind”, wie der Ritter Verlag das Buch ankündigte.
Bewegung schrieb sich in die Texte ein
Dann kam Corona – und Szalay lebt immer noch in Haus im Ennstal. Ein Glücksfall für seine Leser:innen: Mit “HURT” erschien 2024 ein mit Zeichnungen von Sarah Sternat versehener Band, der sich in lyrischen Miniaturen dem unmittelbaren Erleben des Berglaufens widmete – mit allen körperlichen und sinnlichen Höhen und Tiefen. “In den Texten habe ich mich gefragt, wie man aus einer Bewegung heraus etwas formulieren kann, das nicht komplett trashig ist.”
“Die Orte, wo man Dinge findet, die einen interessieren, haben sich verschoben”, sagt Szalay. “HURT” sei “irgendwie passiert”. Auch ein weiteres Projekt widmete sich dem Laufen: Im Grazer Kunstverein erschien mit “imaginary runs” ein Print-on-Demand, das sich – ausgehend vom Laufen – poetisch jedem Grazer Bezirk annäherte. In der Literaturzeitschrift “Lichtungen” kuratierte er jüngst einen Schwerpunkt, in dem er Autorinnen und Autoren bat, sich mit den Alpen im weitesten Sinne auseinanderzusetzen.
Klagenfurt als “größtmögliche Öffentlichkeit”
Viel verraten darf er über seinen von Jurorin Brigitte Schwens-Harrant eingeladenen Bachmann-Text freilich nicht, aber man kann sicher sein, dass Landschaft, Körper und Sport eine große Rolle spielen werden. Die Teilnahme an den 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur empfindet er als “größtmögliche Öffentlichkeit für die eigene künstlerische Praxis”. Wie das mit seinem überspitzt formulierten Credo, dass “Netflix vielleicht das bessere Erzählen” ist, zusammenpasst? “Mich interessiert Form, mich interessieren Konzepte, Diskurs, poetisches Sprechen und Schreiben, Inter- und Transdisziplinarität. Daran hat mich das Arbeiten an dem Text schon auch wieder erinnert. Wenn man aus diesen Zwischenräumen kommt, vom lyrischen Schreiben her, ist es ein Umdenken, einen Text für ein Format wie der Bachmann-Preis es ist, zu schreiben.”
(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)