“Tagebuch der Anne Frank”: Monumentale Monooper

17.10.2026 • 07:00 Uhr
"Tagebuch der Anne Frank": Monumentale Monooper

“Das Tagebuch der Anne Frank” ist einer der wichtigsten Texte des 20. Jahrhunderts – auch und gerade für junge Lesende. Dass dieses vieladaptierte Zeitdokument auch auf der Opernbühne erschüttern kann, stellt derzeit die Wiener Staatsopern-Dependance Nest unter Beweis, wo Grigori Frids 1972 uraufgeführte Monooper in einer bild- und ausdrucksstarken Fassung zu erleben ist. Eine moderne, jedoch nie modernistische Inszenierung, die sich vor allem an ein junges Publikum richtet.

Frid hatte seine erste und bis heute bekannteste Oper in den ebenfalls suppressiven Umständen der Sowjetunion verfasst und sich dabei eng an den Duktus und den Charakter des Tagebuchs gehalten. Auch die Opernfassung hat keine durchgängige Narration, sondern ist ein Konvolut aus privaten Sehnsüchten, alltäglichen Beobachtungen, Kriegsberichten und Reflexionen über das Leben. Es ist die Begleitung des Erwachsenwerdens unter widrigsten Umständen und in sich damit zugleich Zeitdokument.

Tonale Vielfalt

Diese tonale Vielfalt des Textes, das pubertär grundierte Impressionenfeuerwerk, spiegelt Frid in einer großen Variantenbreite des musikalischen Ausdrucks. So erinnert die Partitur je nach Lage mal an Kurt Weill, mal an Schönberg, setzt bisweilen auf Leitmotivik, streut dann wieder Jazz ein. Und in Phasen der Fatigue schweigt die Musik auch gänzlich, wohingegen immer wieder Textpassagen aus dem Off eingestreut sind.

Immer jedoch bleibt die Singstimme im Fokus – und hier kann die Inszenierung, wie schon bei der ursprünglichen Premiere an der Hamburgischen Staatsoper vor ziemlich genau drei Jahren, vor allem mit einem großen Pfund wuchern: Olivia Warburton. Die 34-jährige Sopranistin trägt den gesamten Abend nicht nur spielerisch alleine, sondern weiß auch stimmlich mit glasklarer, fließender Höhe und schnörkellosem Timbre zu überzeugen.

Zwischen Begrenzung und Erweiterung des Raums

Aber auch wenn sich Regisseur David Bösch auf seine Darstellerin verlassen kann, beschränkt sich die von ihm als “Graphic Opera” bezeichnete Inszenierung keineswegs auf deren interpretatorische Fähigkeiten. Bösch nutzt den begrenzten Raum, um mit Variationen von Papierwänden und einer als überdimensionales Klappbuch gehaltenen Spielfläche einerseits die Enge des Hinterhauses zu evozieren. Andererseits erweitert er diese mittels Videoeinspielungen und Animationen zu einem Assoziationsraum. Damit schafft er ein eigenständiges Werk, das aber zugleich in uneitler Manier den Zugang zum Text als auch der Partitur ermöglicht.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – “Das Tagebuch der Anne Frank” im Nest, Karlsplatz 5, 1010 Wien. Mit Anne Frank – Olivia Warburton, Musikalische Leitung – Jera Petriček, Inszenierung – David Bösch, Bühne – Patrick Bannwart, Kostüme – Falko Herold. Weitere Aufführungen am 18., 19., 21., 22. und 23. Oktober. )