Tanzpremieren in Innsbruck: Bestimmung von Körperrealitäten

Der Doppel-Tanzabend “Bodies” mit Choreografien von Marcel Leemann und Caroline Finn hat Samstagabend im Großen Haus des Tiroler Landestheaters in Innsbruck seine Premiere gefeiert. In der österreichischen Erstaufführung von “Meat Market” von Leemann wurden Wert und Marktwert von Tanz-Körpern vermessen, in der Uraufführung von “Over My Dead Body” von Finn wiederum der Lauf der letzten Dinge tänzerisch virtuos und körperintensiv verhandelt. Das Publikum war begeistert.
Beide Tanzstücke wurden zwar nicht erzählerisch verwoben, allein die Gegenüberstellung der höchst unterschiedlichen Tanzwerke war aber äußerst erhellend. “Meat Market” – das Stück datiert aus dem Jahr 2007, wurde allerdings für Innsbruck neu bearbeitet – des Landestheater-Co-Tanzdirektors Leemann bearbeitete den Körperstoff, aus dem letztlich jedes Tanzstück gefertigt ist, auf überaus direkte und sinnliche Art und Weise. Selbstbestimmung, Fremdbild, Entscheidungsspielraum und nicht zuletzt das Spielen mit dem eigenen Marktwert kamen aufs Tanztapet.
Das alles passierte vor eigentlich kargem, aber absolut passendem und hochgradig effizientem Bühnenbild, für das der gebürtige Tiroler Josef Grill Junior verantwortlich zeichnete. Gemeinsam mit Videoarbeiten von Ayşe Gülsüm Özel entstand somit die perfekte Oberfläche für das stellenweise tatsächlich radikale Stück. Kaltes Licht dominierte, Konzentration auf die jeweilige Körperlichkeit stand im Zentrum. Untermalt mit treibender, elektronischer Musik von Michael Anklin wurden zudem die individuellen Körper-Biografien der Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles des Landestheaters eingearbeitet. Das waren disziplinierte Körper, aber auch Körper des Zitterns, der Unsicherheit mit Momenten zwischen Enthüllung, Offenbarung und Verschleierungen durch Inszenierung.
Kollision zweier Welten
Vor gänzlich anderem Bühnenbild, das ebenfalls von Josef Grill Junior gestaltet wurde, hob schließlich die Uraufführung von “Over My Dead Body” von Finn an. Bei dieser kollidierten zwei Welten: die Welt der Lebenden und die Welt der Toten. Verortet wurden die zu Beginn des Stücks strikt getrennten Wirklichkeiten einerseits in einem leicht aus der Zeit gefallenen, dezent historisch anmutenden Wohnraum und andererseits in einer nüchternen Leichenhalle. Dass beide Realitäten unmittelbar verbunden sind, war nur eine Erkenntnis, die das Werk nahelegte. Mit vielfältigster Musikbegleitung, etwa mit Kompositionen von Ryuichi Sakamoto, Ben Frost oder Arvo Pärt, pendelte das Werk meisterhaft zwischen Hoffnung und Trauer und dem impliziten, fast schon tröstlichen Versprechen, dass wir angesichts des Todes auch eine Art Erlösung und Ruhe verspüren werden und der Körper lediglich Hülle für das noch Kommende war.
Gelungene Zusammenschau, Begeisterung für “Bodies”
In der Zusammenschau von “Over My Dead Body” und “Meat Market” gelang damit ein überaus eindrucksvoller, knapp zweistündiger Tanzabend, der eine Vielzahl von Fragen aufwarf: Sind wir nur Haut, Knochen, Muskel und Atem? Welche gesellschaftlichen Machtmechanismen wirken auf unsere Körper ein und gibt es so etwas wie eine Seele und damit ein Mehr? All diese waren nur einige der angerissenen Themenkomplexe. Unabhängig von dieser diskursiven Komplexität beeindruckte aber vor allem auch die tänzerische Virtuosität des Tanzensembles.
Für die Tänzerinnen und Tänzer gab es im gut gefüllten Großen Haus folgerichtig auch heftigen Applaus, Bravorufe und vereinzelte Stehovationen. Euphorischen Publikumszuspruch durften sich zudem die Choreografen Leemann und Finn sowie der Dramaturg des Abends und Landestheater-Co-Tanzdirektor Stefan Späti abholen.
(Von Markus Stegmayr/APA)
(S E R V I C E – “Bodies” mit Choreografien von Marcel Leemann (Meat Market) und Caroline Finn (Over My Dead Body). Dramaturgie: Stefan Späti. Bühne und Kostüme: Josef Grill Junior. Video: Ayşe Gülsüm Özel. Mit dem Tanzensemble des Tiroler Landestheaters. Weitere Vorstellungen: 21. und 30. Oktober, 5., 6., 8., 13., 14. und 21. November, 17., 27. Dezember sowie 16. Jänner 2027)