Texte über Suizid und Skispringen am Bachmann-Schlusstag

27.06.2026 • 12:08 Uhr
Texte über Suizid und Skispringen am Bachmann-Schlusstag

Mit der Lesung der jüngsten Teilnehmerin der 50. Tage der deutschsprachigen Literatur hat am Samstagvormittag in Klagenfurt der letzte Lesetag im Wettlesen um den Bachmann-Preis begonnen. Die von Mithu Sanyal eingeladene Newcomerin Derya Uzun, 1998 in Berlin geboren und bisher ohne literarische Veröffentlichung, las ihren Text “Fragmente eines Suizids”.

Doch zuvor musste ORF-Justitiar Andreas Sourij erneut ausrücken: Im Internet laut gewordene Vorwürfe, Caroline Rosales hätte Teile ihres gestern gelesenen Textes bereits veröffentlicht, hätten nicht erhärtet werden können. Sie bleibt – ebenso wie Slata Roschal, der dasselbe vorgeworfen wurde – im Bewerb.

Selbstmordversuche als Stilmittel

Uzuns Ich-Erzählerin, eine Literaturwissenschafterin an der Universität Bayreuth, die bei den Besuchen ihrer Mutter zum Putzlappen greift (“Das gehört sich für eine türkische Tochter.”), setzt sich mit den Mord- und Selbstmordversuchen ihrer manisch-depressiven Mutter auseinander. “Selbstmordversuche waren in meiner Familie ein beliebtes Stilmittel. Erfolgreiche Selbstmorde verstärkten die Wirkung. Ein Leitmotiv.”

Schon am Donnerstag war das Auftauchen von Flecken in den Texten als Leitmotiv des Jahrgangs 2026 ausgerufen worden – und erwartungsgemäß sorgte der auch in Uzuns Text beschriebene Fleck schon ab der ersten Wortmeldung für belustigte Jury-Kommentare. Ansonsten hielten sich positive wie kritische Kommentare die Waage. Mara Delius lobte die Beschäftigung mit “Herkunft und Zukunft” und fand ein Manko: Die Tonalität in den Dialogen bleibe letztlich dieselbe.

Thomas Strässle meinte: “Der Text hat auch Humor und interessante psychologische Spannungselemente (…) und ein wunderbares offenes Ende”. Auch Laura de Weck lobte nicht nur den Beginn, sondern vor allem den “grandiosen Schluss”, während Klaus Kastberger “Die Torte gab auf.” zum “besten Satz des ganzen Bewerbes” ausrief. Es gehe um die Alltagswelt und die akademische Welt, und “grandios wird der Text dort, wo er die Welten übereinander blendet.”

Mithu Sanyal sah “einen Text, der, obwohl es um große schwere Dinge geht, sich nicht zu ernst nimmt”, Philipp Tingler ortete Elemente des lakonischen Humors, aber auch “sprachliche Unbeholfenheiten” und “viele Mängel”: “Er scheint mir inkohärent zu sein.” Brigitte Schwens-Harrant lobte die Fragmentarik des Textes und positionierte sich “zwischen den Pros und den Kontras”.

Skisprungtext in der Sommerhitze

Der von Brigitte Schwens-Harrant eingeladene Grazer Lyriker Christoph Szalay entführte mit seinem Text “Amiata” an diesem heißen Sommertag in den Winter. Aus einer Naturbeschreibung in den italienischen Alpen wird ein Skisprungtext, in dem er viele Erfahrungen, die er in seiner Jugend als Nordischer Kombinierer gemacht hat, und viel Fachwissen einfließen ließ. Die Technik kontrastiert dabei mit existenziellen Erfahrungen, etwa in der Aufzählung von tödlichen Unfällen oder in seiner Anspannungs- und Absprungsmetaphorik.

Mara Delius zeigte sich überrascht, “wie körperlich dieser Text wirkt”, Tingler war begeistert vom Zusammenspiel von Technik und Lyrik (“Das funktioniert wunderbar.”), zeigte sich aber durch die Passagen dazwischen irritiert. Kastberger ortete “einen Text für Alpenvölker” mit “Relevanz, weit über das Skispringen hinaus”, während Laura de Weck “nicht so ganz einsteigen konnte”. “Es ist ein Text, der mich vom Thema überhaupt nicht interessiert, schlimmer ist nur noch ein Text über Fußball”, proklamierte Mithu Sanyal, die sich, da sie ihn aber ja lesen musste, dann doch recht angetan zeigte. Sie sei aber “ratlos, was mir dieser Text erzählen will”, eine Ratlosigkeit, die Thomas Strässle teilte. Schwens-Harrant freute sich: “Endlich ein Text, der ohne Moral auskommt!” Sie plädierte für mehr Lockerheit: “Abspringen und loslassen!”

Zwei Lesungen fehlen noch

Nach einer kurzen Mittagspause lesen der Wiener Wolfgang Popp und die gebürtige Kölnerin Gesche Heumann, die ebenfalls lange in Wien lebte. Dann ist das Tableau fertig und die Jury muss allmählich ans Werten und Vergleichen gehen. Die Preise werden am Sonntag ab 11 Uhr vergeben. Zu gewinnen gibt es den auf 30.000 Euro angehobenen Ingeborg-Bachmann-Preis, den mit 15.000 Euro dotierten Kelag-Preis, den Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), den 3sat-Preis (7.500 Euro) sowie den per Online-Abstimmung vergebenen BKS-Publikumspreis (7.000 Euro) und den mit ihm vergebenen Titel des/der Festival-Schreiber:in des Carinthischen Sommers 2027 (3.000 Euro).

Für zwei prägende Figuren der vergangenen Bewerbe wird es die letzte Preisvergabe in verantwortlicher Bachmann-Preis-Funktion: ORF-Redakteur Horst L. Ebner wird nach 14 Jahren seine Position als Chef-Organisator beenden, und auch Klaus Kastberger zieht sich nach zwölf Jahren als Juror und drei Jahren als Jury-Vorsitzender zurück.

(S E R V I C E – )