Therapeutin Muse: “Hoffmanns Erzählungen” an der Volksoper

Die Frauen machen Hoffmann wahnsinnig! Olympia, Antonia und Giulietta gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf – und dann rebelliert auch noch seine Muse: “Die Rolle, die du mir zuschreibst, passt mir nicht. Dieser Typ Muse, der deine erotomanischen Fantasien befriedigt. Es gibt keine Frau, die in diese Rolle passt. Nicht im Leben und auch nicht in der Kunst.” Das sind neue Töne für den Dichter, aber auch für Besucher von “Hoffmanns Erzählungen”. Zu hören sind sie in der Volksoper.
Dort hatte Lotte de Beers Neuinszenierung von Jacques Offenbachs bekannter Oper am Sonntag Premiere. Ihr Dramaturg Peter te Nuyl hat dafür eine neue Spielfassung erstellt und die Dialoge komplett neu geschrieben. Das Schwergewicht liegt dabei in der Auseinandersetzung zwischen dem an Schreibhemmung leidenden Dichter und seiner Muse, die nun inhaltlich mehr seine Therapeutin ist, optisch aber an eine Regieassistentin erinnert, die, ständig im Textbuch blätternd, an den entscheidenden Stellen die Handlung unterbricht und vor dem Vorhang mit dem Autor Werkstattgespräche führt.
“Phantasmagorischer Realismus”
Sie nimmt dabei den “Phantasmagorischen Realismus”, auf den sich Hoffmann immer wieder beruft, als narzisstische Störung und künstlerische Einfallslosigkeit gehörig auseinander (“Immer, wenn es Dir schwerfällt, der Realität ins Auge zu sehen, kommst Du mit einer Chorszene!”), hält ihm seine Selbstverliebtheit und sein Frauenbild vor, und versucht ihn dadurch auch zu einem besseren Literaten zu machen. Das ist ein legitimer, zeitgemäßer, feministischer Ansatz, der bloß zwei Fehler hat: Er entzaubert die magische, rätselhafte Poesie der Oper und wirkt in seiner Didaktik mitunter wie ein Einführungsabend für jugendliches Publikum.
Dabei ist diese Dekonstruktion immer wieder auch witzig gemacht. “Und wie war’s für dich bis jetzt?”, fragt die Muse den Dichter, als es nach der Pause mit dem vierten Akt weitergeht. “Ich war gut!”, antwortet dieser. Und hat auch absolut recht damit. Der deutsche Tenor Attilio Glaser absolviert sein Hausdebüt im Dichterschal mit selbstbewusster Stimme und selbstironischem Spiel. Die Kanadierin Wallis Giunta legt in ihre Quasi-Sprechrolle als Muse viel pädagogischen Eifer, kann aber wie ihre Kolleginnen Anna Simińska (Olympia), Axelle Fanyo (Antonia) und Hedwig Ritter (Giulietta) auch stimmlich überzeugen. Die Koloraturen und die hohen Töne sitzen – während man das Gefühl hat, dass zwischen Emmanuel Villaume und dem Volksopernorchester die Freundschaft noch Ausbaupotenzial hat.
“Ein Narzisst ohne Spiegelbild”
Als Szenikerin setzt Hausherrin Lotte de Beer im Bühnenbild von Christof Hetzer auf viel Konvention, manche überraschende Dimensionenwechsel und gegen Ende, als es an die wenig schmeichelhafte Analyse Hoffmanns geht (“Ein Narzisst ohne Spiegelbild”) auf einige originelle Lösungen. Überraschend unoriginell ist dann das Ende der drei Therapiestunden: Hoffmann versucht seinen als Teufel diffamierten ewigen Rivalen (Josef Wagner) niederzuringen, erkennt ihn endlich als Teil seines Ichs, versöhnt sich (mit sich selbst) – und sofort beginnt es in der Dichter-Ader wieder produktiv zu pochen …
Viel Premierenapplaus gab es für diese internationale Koproduktion am Wiener Gürtel. Und viele strahlende Gesichter, als die Drehbühne beim Verbeugen nicht nur den Chor, sondern auch die Angehörigen der hinter den Kulissen tätigen Gewerke ins Scheinwerferlicht beförderte. Unmissverständliche Botschaft: Bühnenkunst ist Teamwork und kein Egotrip.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – “Hoffmanns Erzählungen” von Jacques Offenbach, Libretto von Jules Barbier, Spielfassung und Neufassung der Dialoge von Peter te Nuyl. Regie: Lotte de Beer, Bühnenbild: Christof Hetzer, Kostüme: Jorine van Beek, Musikalische Leitung: Emmanuel Villaume. Mit u.a. Attilio Glaser – Hoffmann, Wallis Giunta – Die Muse / Nicklausse, Anna Simińska – Olympia, Axelle Fanyo – Antonia, Hedwig Ritter – Giulietta. Volksoper Wien, Koproduktion mit der Opéra National du Rhin, dem Théâtre National de l’Opéra-Comique und der Opéra de Reims. Weitere Vorstellungen: 11., 14., 22., 27.6. , )