“Tree Of Codes” in Wien: Ein philosophischer Wundergarten

Ein Tag außerhalb unseres Seins, unserer Zeit – dieses Gedankenexperiment nimmt sich “Tree of Codes” der australischen Komponistin Liza Lim zum philosophischen Rahmen. Die Produktion der Neuen Oper Wien gliedert dieses Spiel mit Regelbrechungen in Kooperation mit dem laufenden Festival Wien Modern nahtlos in dessen heurigen Fokus der Ökologie ein. So entsteht im patinaüberwucherten Reaktor ein poetischer Garten – physisch wie symbolisch.
Regisseurin Emily Hehl positioniert das Geschehen mittig im Kreis des Publikums zwischen Pflanzen und (Kunst-)Rasen. Kunstvoll verstrickt ist dabei auch die Handlung. Ein Sohn (Felix Heuser), eine Frau (die Koloratursopranistin Amber Norelai als herausragende Neuentdeckung), ein Mutantenvogel (Oliver Shermacher) und weitere fantastische Kreaturen bevölkern eine Welt außerhalb vertrauter Regeln. Es gibt keine Linearität, sondern lyrische Schlaglichter, poetische Zwischenräume, deren Gehalt sich aber beständig wandelt. Die Artenapartheid zwischen Mensch und Tier verschwimmt, die zwischen Realität und Surrealismus ebenso.
Safran Foer und weiteres Found Footage
Die Oper basiert auf Jonathan Safran Foers gleichnamigem Roman, bei dem der US-Autor sich Bruno Schulz’ Erzählband “Die Zimtläden” als Ausgangspunkt nahm und mittels Löchern im Text aus dem vorhandenen eine gänzlich neue Bedeutung herausschnitt. Mit dieser besonderen Form des “Found Footage” arbeitet letztlich auch Lim, die vorhandene Klänge wie Motoren- oder Kometengeräusche und Vogelstimmen in ihre Arbeit integriert und damit neu kontextualisiert. Das hochpoetische Libretto ist dabei nie leicht zu entschlüsseln, erinnert eher an ein Traumprotokoll, in dem sich assoziative Bilder und Mehrdeutigkeiten aneinanderreihen.
In diesem musikalischen Rohrschachtest zwischen Lautmalerei, Melismen und Geräuschen übernimmt das Klangforum Wien unter Anna Sushon die Federführung und ist dabei auch im körperlichen Volleinsatz zu erleben. Neben herkömmlichem Instrumentarium finden ungewöhnliche Instrumente wie Doppeltrichter-Blechblasinstrumente Verwendung oder – Olivier Messiaens charakteristische Vogelstimmvariationen nochmals steigernd – gar Vogelpfeifen. Aber auch als aktive Darsteller bringen sich die Musizierenden ein, setzen mal zu choreutischen Kommentaren an oder bilden mit den Hauptdarstellenden Menschenknäuel. Auch hier reißt Liza Lim vermeintliche eherne Barrieren ein, mischt Rollen in ihrem philosophischen “Day after” ohne Defätismus.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – Liza Lims “Tree of Codes” der Neuen Oper Wien in Kooperation mit Wien Modern im Reaktor, Geblergasse 40, 1170 Wien. Musikalische Leitung des Klangforums: Anna Sushon, Regie: Emily Hehl, Bühne/Kostüme: Emma Sophie Gaudiano. Mit Amber Norelai – Adela, Felix Heuser – Son/Doctor, Oliver Shermacher – Mutant Bird, Nikola Majtanová – Performance. Weitere Aufführungen am 5., 6. und 8. November. )