Visualisierte Klangwolke brachte Linz den Weltuntergang

13.09.2026 • 00:28 Uhr
Visualisierte Klangwolke brachte Linz den Weltuntergang

In Linz ist am Samstagabend die Welt untergegangen. Die visualisierte Klangwolke “ATTheENDLinz” von Regisseur Felix Breisach ließ höchst spektakulär die menschengemachte Apokalypse herauf- und durchziehen. Ob wir sie überstanden haben oder nicht, bleibt dem Publikum selbst zu entscheiden. Entlassen wurde man jedenfalls mit der Aufforderung zur Demut: “Sage einmal nichts.”

Die Klangwolke ist den Linzern eine liebe Tradition. Tausende – heuer waren es laut Veranstalter rund 90.000 – kommen am Vorabend der Eröffnung des Brucknerfestes in den Donaupark, viele beziehen schon am frühen Abend Stellung an Plätzen mit guter Sicht, etliche haben Klappstühle oder eine Decke dabei, aus dem Picknickkorb lugt ein Prosecco oder eine Flasche Wein. Wenn so wie Samstagabend das Wetter mitspielt, dann ist es Idylle pur. Aber an diesem Abend sollte die Apokalypse in die Spätsommer-Beschaulichkeit krachen. Eine Stunde, die dem Nachdenken gewidmet ist, hat Breisach den Linzern versprochen. Und das hat er gehalten.

KI-generierte Apokalypse

Es fängt harmlos an, die Florianer Sängerknaben eröffnen am Dach des Brucknerhauses, auf einem Schiff ist zu lesen “Ein Geheimnis, dieser Ort, Fehl ist an ihm”. Das lässt Übles erwarten – und schon läuten Kirchenglocken die Endzeit ein. Das Bühnenschiff mit dem Brucknerorchester schwimmt den Fluss auf und ab, auf einer 42 Meter breiten und acht Meter hohen LED-Wand sind Bilder von Linz zu sehen – zuerst wie aus dem Tourismuskatalog, dann bei Unwetter, Sandsturm, Tsunami, allerorts Explosionen, Brände, Zerstörung, eine KI-generierte Apokalypse in der Stahlstadt, kein Stein bleibt auf dem anderen.

Breisach greift gleich zu Beginn in die Vollen. Im Gegensatz zu manchen Klangwolkengestaltern in früheren Jahren nutzt er die sich ihm bietende Landschaftsbühne maximal aus. Der Stadtteil Urfahr am nördlichen Donauufer wird bis zum flirrenden Ars Electronica Center einbezogen. Zur Musik von Flora Marlene Geißelbrecht und Sounddesigner Arthur Fussy geht ein Lasergewitter nieder.

Wortmalereien führen Menschen Verfehlungen vor Augen

Wenn man derart bombastisch startet, ergibt es sich von selbst, dass sich zwischendurch ein paar Längen hineinschwindeln – aber diese Phase ist schnell überwunden. Immer wieder wechseln sich Zerstörung und Wiedererwachen ab. Gemeinsam mit Autorin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Natascha Gangl hat Breisach Texte ausgesucht. Es sind Wortmalereien, die uns unsere Verfehlungen vor Augen führen, Missachtung der Natur, Klimawandel, Krieg.

Plötzlich sprießen auf der Videoleinwand wieder Blumen, Bariton Rafael Fingerlos verbreitet auf einer hoch über dem Fluss aufragenden Hebebühne nicht nur Wohlklang, sondern auch Hoffnung bevor wieder Zerstörung regiert. Ist die Welt nun untergegangen oder nicht? Man weiß es nicht. Es werde keine Moral von der Geschichte geben und er biete keine Lösung an, hatte Breisach im Vorfeld gesagt. Die liegt nämlich im Auge des Betrachters. Und der hat nach diesem Abend Gelegenheit, über diese Frage nachzudenken, denn: “Sage einmal nichts”.

Wer danach den Kopf freibekommen wollte, konnte bei der Nachklangwolke zu Musik von Tasheeno abtanzen. Geht auch schweigend und denkend.

(Von Verena Leiss/APA)

(S E R V I C E – )