“Void” bei ImPulsTanz: Außenseiter im Zentrum

20.07.2026 • 12:30 Uhr

Wim Vandekeybus ist auch nach Jahrzehnten kreativer Tätigkeit nicht ausgelaugt. Das verdeutlicht sein jüngstes Werk “Void”, das am Sonntagabend im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals im Wiener Volkstheater begeistert aufgenommen wurde. Der belgische Starchoreograf beleuchtet darin die Welt der Ausgestoßenen, entführt gefühlvoll und gewitzt in ihr Inneres und hinterfragt, was schon normal ist.

An den beiden Vortagen war seine Compagnie Ultima Vez bereits mit Vandekeybus’ Debüt aus 1987 “What the Body Does not Remember”, das ihn in der Tanzwelt berühmt machte, beim Festival zu Gast. Auch fast 40 Jahre später berühren seine Ideen noch, wie das bereits 2024 zur Uraufführung gelangte “Void” beweist. “Die Gesellschaft bringt uns bei, uns auf einem schmalen Grat der Normalität zu bewegen, und markiert alles, was diesen verlässt, als abnormal”, hält Vandekeybus im Programmheft fest und weist darauf hin, dass alle Menschen etwas “Abnormales” in sich tragen würden.

Selbstkontrolle und Anpassung

Sein Werk kann als Aufforderung gelesen werden, sich den Outcasts neugierig zu nähern und sich für deren Eigenheiten zu öffnen. “Void” stellt eine Handvoll exemplarisch vor, ohne aber zu sehr ins Detail zu gehen. Es bleibt Interpretationsspielraum, was sie von den “Normalen”, die sie zum regelmäßigen Duschen, zum Kauen mit geschlossenem Mund, dem Tragen von Schuhen und ganz generell zur Selbstkontrolle und Anpassung aufrufen, unterscheidet.

Vandekeybus versteht es, mit einfachsten Mitteln ein Gefühl für deren Welt und die Stimmung darin zu vermitteln. Ein paar wenige große Tücher, mit denen gejagt, versteckt und die Bühne eingekleidet wird, eine Schachtel und eine billige Ikea-Lampe: Mehr braucht es nicht, um von der Saunawelt Finnlands in ein Wohnzimmer einer x-beliebigen Familie zu entführen, wo Zimmerpflanzen über die Bühne wackeln, ein TV-Gerät flimmert und eine verzweifelte Jugendliche wie auch das Publikum geblendet werden.

Akrobatik zu stampfenden Drums

Die Tänzerinnen und Tänzer verkörpern die Eigenartigen und teils Wahngebeutelten virtuos und holen alles aus ihren Körpern raus. An akrobatischen Einlagen wird nicht gegeizt, wobei stampfende Drums für ausgelassenere Momente sorgen, bevor der belgische Komponist Arthur Brouns wieder zu eindrücklichen sphärischen Klängen, die auch ins düster-gruslige kippen können, greift.

Die Spannung fällt im Verlauf des 90-minütigen Abends nur selten ab. Die Atempausen bieten Gelegenheit, sich von einer ins Publikum geschleuderten Banane, zerschmetterten Tellern und einem angedeuteten Messerangriff auf die erste Reihe zu erholen.

Für das atmosphärisch gelungene Finale zieht das Tempo ein letztes Mal gehörig an. Die Reaktion des Publikums fällt eindeutig aus: viel Jubel und Standing Ovations. Schade, dass nur eine Aufführung von “Void” bei ImPulsTanz eingeplant wurde.

(Von Lukas Wodicka/APA)

(S E R V I C E – “Void” von Wim Vandekeybus / Ultima Vez im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals im Volkstheater Wien. Mitarbeit und Performance: Iona Kewney, Lotta Sandborgh, Cola Ho Lok Yee, Paola Taddeo, Adrian Thömmes, Hakim Abdou Mlanao und Babette Verbeek. Künstlerische Assistenz und Dramaturgie: Margherita Scalise. Originalmusik und Sounddesign: Arthur Brouns. )