Volkstheater feiert Vielstimmigkeit mit “Gemma, Kollektiv!”

Es war eine Ironie des Schicksals: Die Theaterzettel im Foyer des Volkstheaters kündigten am Dienstag die Festwochen-Koproduktion “Mythen des Alltags” an. Auf dem Programm stand jedoch “Gemma, Kollektiv!”, die Stückentwicklung des aus Laien bestehenden Volkstheater Kollektivs. Ein Schelm, wer Böses dabei enkt, etwa: Hauptsache Alltagsgeschichten! Was hier aber gezeigt wurde, war weit mehr als ein Community-Projekt. Gelungen ist ein erfrischender, tiefgründiger Theaterabend.
Genau vor einem Monat hat der schwedische Regisseur Mattias Andersson auf Basis von Interviews, die vorab vom Institut für Soziologie der Universität Wien geführt worden waren, “besondere Momente” im Leben von Wiener:innen auf die Volkstheaterbühne gebracht – prominent besetzt mit u.a. Johanna Wokalek und Bernardo Arias Porras. Herausgekommen war ein verkrampfter Versuch, näher an die Stadtbevölkerung heranzurücken. Wie spannend die Einbeziehung derselben tatsächlich sein kann, zeigte Anja Sczilinski, die seit Beginn der Intendanz von Jan Philipp Gloger gemeinsam mit Julia Engelmayer für die Bezirke und diverse Outreach-Programme zuständig ist, nun mit “Gemma, Kollektiv! 1010-1230”.
Der Gemeindebau als Anker
Zu Saisonbeginn hatten sich rund 80 theaterbegeisterte Menschen zwischen 16 und 85 Jahren aus verschiedenen Wiener Bezirken zusammengefunden, um das Volkstheater Kollektiv zu gründen. In Gesprächen, Diskussionen und Schreibworkshops, die von Leo Lorena Wyss, Susanne Gregor und Thomas Perle geleitet wurden, entstand im Laufe der Monate ein Theaterstück. In dessen Zentrum steht nun die Gemeinschaft selbst – vor dem Hintergrund von “100 Jahre Gemeindebau”. Weil – Hand aufs Herz – wo kommen sonst so unterschiedliche Menschen zusammen wie dort? Im Theater üblicherweise eher nicht.
In 36 lose miteinander verbundenen Szenen werden hier Geschichten von Hoffnung auf ein besseres Leben, vom Ankommen und Einfinden, von Konflikten und deren Lösung erzählt. Die Prämisse: Das Wienerische ist eine alte Dame, die einmal sehr elegant war, nun aber mit ihrem angeheirateten Hofratstitel in einer viel zu großen Wohnung sitzt, die sie nicht mehr heizen kann. Aus dem Chor der nun über 30 Personen, die in diesen vergnüglichen 90 Minuten auf der Bühne stehen, lösen sich immer wieder Einzelne heraus, um hinreißende Miniaturen auszuspielen. Etwa jenen Moment, als eine achtköpfige Familie in der Zwischenkriegszeit von einer beengten Einzimmerwohnung die Schlüssel für die Gemeindebauwohnung bekommt und sich ehrlich über den Platz, das fließende Wasser oder die Gasetagenheizung freut.
Jeder Gemeinschaft eine gute Seele
Oder die Vorstellung der Hausmeisterin Frau Bednarek, die jahrzehntelang als gute Seele des Gemeindebaus fungiert hat, und immer wieder im Stück auftaucht, bis die Bewohner eines Tages die Polizei holen müssen, um die Wohnung der mittlerweile greisen Frau aufzubrechen und sich nun fragen müssen: Wie funktioniert das Zusammenleben ohne diese Instanz? Überhaupt das Zusammenleben, vor allem im Sprachengewirr. Völlig selbstverständlich werden die Herkunftssprachen der Spieler:innen eingeflochten, die nicht nur auf derbes Wienerisch treffen, sondern auch auf die Jugendsprache, die eigentlich auch niemand versteht.
Zu den Höhepunkten des Abends zählt jene Szene, in der sich mit Sissy und Ilse zwei der ältesten Kollektivmitglieder unterhalten: “Hey Bro, was geht?”, fragt Sissy. “Deine Aura ist voll minus”, antwortet Ilse. “Ich bin grad a bissl lost”, gibt Sissy zu. Die anderen wollen wissen, was “cringe” bedeutet, worauf Sissy an die Bühnenrampe tritt, kokett ins Publikum schaut und tönt: “Ha, das seid ihr, ihr Alten, die auf die Bühne kommen und unsere Sprache sprechen wollt.” Mehr Selbstironie geht nicht.
Im Schwimmbad im Flow, im Rap vereint
Bewegend sind auch durchchoreografierte Szenen im Schwimmbad oder in der U-Bahn, in der sich die Einzelnen zu einer sich homogen bewegenden Masse verbinden, begleitet vom live fabrizierten Sound von Phil Köll, Anna Sandhofer, Johnny Schrammel, Lara Karaagac und Mkrtich Mkrtchyan. Es ist eine kunterbunte Mischung aus Walzerklängen, Rap, Pop und “O, du lieber Augustin”, die da mit viel Verve in den Saal geblasen wird.
Und so sind es nicht die “besonderen Momente”, mithilfe derer hier auf der großen Bühne ein erzwungener Blick auf die Welt da draußen geworfen wird, sondern es sind die beiläufigen Momente im Alltag, die zwischen Menschen und in Gruppen überhaupt erst zu etwas Besonderem werden. Hier geht es nicht um die künstliche Herstellung von Authentizität, sondern die Suche nach Poesie im Alltäglichen. Herzlicher Jubel für ein Experiment, von dem zu hoffen bleibt, dass es auch in der nächsten Saison fortgesetzt wird.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – “Gemma, Kollektiv! 1010 – 1023”, Stückentwicklung des Volkstheater Kollektivs. Regie: Anja Sczilinski gemeinsam mit dem Kollektiv. Ausstattung: Laura Schroeder. Auf der Bühne: Mitglieder des Volkstheater Kollektivs. )