Einen Nieser von der Privatinsolvenz entfernt

Mit zwei Vorarlberger Künstlern streifte die NEUE durch die Art Basel und sammelte Überlebenstipps für die größte Kunstmesse der Welt.
Ein falscher Nieser und man ist finanziell ruiniert. Wer schon einmal auf der Art Basel war, kennt diese Angst. Was in einem vorgeht, wenn hinter jeder Ecke ein unverglaster Picasso lauern könnte – etwa das für 35 Millionen US-Dollar angebotene Gemälde „Le peintre et son modèle dans un paysage“ – lässt sich zuvor nicht einmal erahnen.

Die bedeutendste Kunstmesse der Welt wurde am Montag eröffnet. Bis Sonntag lädt sie dazu ein, in die unverschämte Welt des globalen Kunstmarkts einzutauchen.

Bevor die Messe am Donnerstag für private Besucher öffnete, begab ich mich mit den Vorarlberger Künstlern Domingo Mattle und Marco Spritzar auf Erkundungstour.

Meine Fremdenführer
Die zwei Kreativen könnten unterschiedlicher kaum sein. Spitzar markiert als Designer und studierter Bildhauer (Akademie der Bildenden Künste, in der Meisterklasse von Gironcoli) den klassischen Pol.

Der aus dem Hip-Hop kommende Autodidakt Mattle ist hingegen ein Geschöpf des Internets. Sein eigentliches Medium ist die Viralität, Instagram-Videos mit über 75 Millionen Views zeugen davon. Gerade deshalb eignen sich die beiden hervorragend als Fremdenführer durch die seltsame Parallelgesellschaft namens Art Basel.

Der unerfahrene Besucher verliert bereits binnen Minuten jedes Gefühl für Maßstäbe. So hängen in den Hallen der Messe Basel auf wenige Quadratmeter Werke, für deren Preis man ein kleines Dorf kaufen könnte. Doch bereits nach wenigen Stunden beginnt sich das Gehirn an die schrille Welt anzupassen und sei es in Form mildernder Abstumpfung.

„Ich glaube, das Erschlagenwerden ist bei so einer Messe der Punkt“ bekräftigt die seit Jahrzehnten in Basel lebende Vorarlbergerin Andrea Oehry. Gerade deshalb lautet der erste und wichtigste Tipp für Besucher: Nicht versuchen, alles zu sehen. Dieser Kampf ist verloren, bevor er begonnen hat.

Der zweite Tipp ist profaner Natur: Nehmen Sie eine Wasserflasche, einen Zusatzakku fürs Handy und bequeme Schuhe mit. Mattle empfiehlt darüber hinaus Kopfhörer. Denn wer seine eigene Musik hört, könne die Bilderflut besser filtern.

Netzwerker erster Güte
Während Spitzar mit minutiösem Blick über Material und Motiv meditiert, erweist sich Mattle als Netzwerker erster Güte. Koryphäen der digitalen Kunst wie Miltos Manetas kennen ihn aus dem Internet. Sätze wie „Hi Domingo, wie geht es dir mein Freund?“, wiederholen sich am laufenden Band. Mattle wirkt wie ein goldenes Ticket in Gestalt einer Person, das uns ohne Trubel in VIP-Bereiche wie die Collector’s Lounge eintreten lässt. Dieser vermeintlich geschützte Raum der Reichen und Schönen ist genauso langweilig, wie der Kinderbereich leer und leblos wirkt.

Counter-Strike und Toast Hawaii
Der dritte Tipp lautet: Verlassen Sie auch mal das Messegelände. Speziell der Art Basel Social Club auf der anderen Seite des Rheins ist ein Muss. Das einstige Verwaltungsgebäude einer Bank ist blitzeblank herausgeputzt und wirkt wie die ordentlichste Hausbesetzung der Welt.

Die meisten der hier ausstellenden Künstler sind frühestens in den 1980er-Jahren geboren und stammen primär, aber nicht nur, aus der Schweiz.
Beim in der Tiefgarage beginnenden Aufstieg durch die Stockwerke wussten wir nie, was uns erwartet.

Von klassisch behängten Ausstellungsräumen führen die Türen mal in ein Fitness-Studio und immer wieder zu einer der unzähligen Bars und Tanzflächen.
Die Gruppe Tick Tack performt eine Counter-Strike LAN-Party, während Freiwillige in einem anderen Raum mit Drinks aus tausende Euro teuren Designerschuhen demonstrativ abgefüllt wurden.


Hier lauert eine Party hinter jedem Eck. Während die Kulinarik auf dem Messegelände sich primär um helvetische Klassiker wie Bratwürste oder Kartoffeln mit Raclette dreht, gibt es hier klassischen Toast Hawaii, Ceviche und andere Kreationen.

Die Pop-Up-Lokale sind im ganzen Haus verstreut und erstrecken sich von handwerklichem Fastfood bis Fine Dinining. „Ich mag die Vibes“, strahlt Mattle.

Tipp Nummer vier: Das Gespräch mit Künstlern, Galeristen und Besuchern suchen und hie und da die Ohren offen halten. So hört man wie ein Verkäufer ins Telefon donnert: „Wenn ich sage, die UBS soll jetzt zwei Millionen überweisen, dann haben die keine Fragen zu stellen, sondern zwei Millionen zu überweisen.“ Während am Kunstmarkt wie eh und je Millionen verschoben werden, ist die Vermarktung „Neuer Medien“ ein großes Thema.
Kanye West
So erzählt der Italiener Manetas von den Klagen eines Galeristen: „Erst mussten sie ihre Kunden überzeugen, dass sie Videos kaufen sollen. Jetzt kämpfen sie damit, ihnen Homepages schmackhaft zu machen.“ Niemand geringeres als der berüchtigte US-Rapper Kanye West soll sich laut einem Galeristen für die von Miltos 2001 erstelle Homepage „jesusswimming.com“ interessieren.
Mit Verweis aus Mattel schildert der Italiener: „Mich interessiert, wie das, was noch keine Kunst ist, zu Kunst wird. Und was Domingo macht, ist vielleicht noch keine Kunst, könnte aber die Kunst der Zukunft werden.“

Der Abendhimmel ist kostenlos
Auf der Heimfahrt nach Vorarlberg werden wir von Manetas begleitet. Im rückblickenden Gespräch zeigt sich Spitzar von einer Renaissance des Haptischen, also nicht-digitalen, in der Kunst überzeugt. Unser Mitfahrer widerspricht nicht. Sein Interesse gilt jedoch einem anderen Problem. Die Kunstwelt habe digitale Formate bis heute nicht wirklich integriert. Sie werden zwar gesammelt, aber immer in ein gesondertes Eck bugsiert.

Am Bodensee angekommen machen wir halt und ergötzen uns an der Pracht des abendlichen Himmels. Sie ist kostenlos, aber von unermesslichem Wert.