Wahl-Berlinerin Magdalena Schrefel liest beim Bachmann-Preis

Bei den 50. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt geht Magdalena Schrefel als eine von drei Teilnehmenden aus Österreich in das Wettlesen um den Bachmann-Preis. “Es war nicht meine Idee, die Idee kam zu mir”, sagt sie im Gespräch mit der APA. “Ich wurde von der Jurorin Laura de Weck angefragt. Sie hatte meinen Roman ‘Das Blaue vom Himmel’ gelesen. So wurde ich ein bisschen bei meiner Eitelkeit gepackt. Von selbst hätte ich mich wahrscheinlich nicht beworben.”
Ihr Anfang dieses Jahres bei Suhrkamp erschienenes Romandebüt beschreibt die schwierige Beziehung von zwei Schwestern zu ihrem Vater vor dem Hintergrund großer Menschheitsprobleme: Geoengineering-Maßnahmen sollen für Abkühlung der Atmosphäre sorgen, werden aber die Farbe des Himmels dauerhaft verändern. Eine Großausstellung möchte die Erinnerung der Menschheit an den bisher bekannten Himmel festhalten.
Erfolg mit “Die vielen Stimmen meines Bruders”
Ihren bisher größten Erfolg verzeichnete Schrefel, die bisher vor allem Theaterstücke und Hörspiele geschrieben hat, aber mit “Die vielen Stimmen meines Bruders”. Das 2023 in Weimar uraufgeführte und von Schauspielhaus Wien und KosmosTheater koproduzierte Stück erzählt ausgehend vom Bruder der Autorin, dem ein Gendefekt seine Motorik einschränkt und ihm mit der Zeit komplett seine Stimme rauben wird, eine inklusive und empathische Geschwistergeschichte. Diese wurde 2024 sowohl mit dem Nestroy-Preis als Bestes Stück wie in seiner Umsetzung als Hörspiel als bestes Originalhörspiel des Jahres ausgezeichnet.
Seither wurde es ins Französische und Englische übersetzt und wird im Sommer von “France Culture” ebenfalls als Hörspiel produziert. “Das war ein totaler Überraschungserfolg, der vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass er eine universelle Geschichte erzählt: Wir Menschen wollen alle gerne gehört werden. Und das hängt wesentlich davon ab, wie man seine Stimme erheben kann.”
Europäische Ethnologie und Literarisches Schreiben
Die 1984 in Korneuburg geborene, in Wien aufgewachsene und seit langem in Berlin Lebende hört den Menschen gerne zu und macht sich dann ihren eigenen Reim. Auch deshalb hat sie Europäische Ethnologie studiert, “ein fantastisches Fach, das Wert darauf legt, erst einmal alles, was uns als selbstverständlich erscheint, infrage zu stellen und gleichzeitig den eigenen Beobachtungssinn zu schärfen”. Soziale Kontexte erkennen und sie beschreiben können – das sei auch für literarisches Schreiben wichtig. Ihr späteres Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig war “eine total gute Erfahrung”, erzählt sie: “Drei Jahre so viel Zeit und Raum für die Entwicklung des eigenen Schreibens im Austausch mit anderen zu haben”, sei für sie buchstäblich lebensverändernd gewesen.
Zweieinhalb Monate Arbeit für zehn Seiten
Nicht, dass sie mit ähnlichen Erwartungen nach Klagenfurt fahren würde, dessen berühmten Literatur-Wettbewerb sie bisher nur aus dem Fernsehen kennt – aber die Veranstaltung habe doch eine Schaufensterfunktion: “Sie kann Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für einen literarischen Text herstellen.” Im konkreten Fall habe sie dafür einem Stoff, der ihr sehr am Herzen liege und an dem sie seit letztem Jahr arbeite, eine Form gegeben. “Es waren zweieinhalb Monate Arbeit für zehn Seiten, von denen ich jetzt hoffe, dass jeder Satz und jedes Wort stimmt. Ob das so ist, wird man natürlich erst bei der Lesung erfahren”, schmunzelt sie.
“Das Blaue vom Himmel” wurde verschiedentlich als einer der vielen literarischen Warnrufe vor den Auswirkungen der Klimakrise verstanden. “Literatur hat keine Aufgabe, aber sie ist eine Möglichkeit – indem sie ein Detail so lange dehnt und weitet, bis daraus ein Raum entsteht, in den man andere einladen kann. Das kann Literatur anders als die Wissenschaft oder die öffentliche Debatte”, hält Schrefel fest. Auf Einladung des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (ifk) hat die Wahl-Berlinerin, die sich an dem seit einiger Zeit beliebten “Downwriting” der deutschen Hauptstadt (“eine Stadt, die einem nicht abverlangt, sich dort zu Hause fühlen zu müssen”) nicht beteiligen möchte, soeben wieder ein Semester in Wien verbracht.
Bachmann-Lektüre aufgefrischt
Nach Klagenfurt, wo sie seit rund zwei Jahrzehnten nicht mehr gewesen ist, reist sie mit aufgefrischter Bachmann-Lektüre und einer Karte für die Premiere des neuen Films “Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war” von Regina Schilling am Vorabend der Preisverleihung im Gepäck. Wie sie mit der speziellen Atmosphäre einer Mischung aus Literaturbetriebs-Klassenfahrt, intensivem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, Sommerurlaub und Zirkusauftritt umgehen wird, davon hat sie noch keine Vorstellung. “Ich sage mir: Der Text ist schon abgegeben, damit ist das Eigentliche schon geschafft. Und auf die Lesesituation freue ich mich.”
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)