Wer demonstriert in Frankreich – und wer randaliert?

20.10.2026 • 17:31 Uhr
Wer demonstriert in Frankreich - und wer randaliert?

Die Proteste in Frankreich sind von den schweren Verwüstungen vom Wochenende überschattet. Klar ist: Nur ein Teil der Beteiligten war gewalttätig. Und: Die Demonstranten gehören nicht zu einer einheitlichen Bewegung. Der Protestaufruf, dem laut Pariser Innenministeriums mehr als eine halbe Million Menschen folgte, war keiner Organisation klar zuzuordnen. Das Thema Migration spielt laut französischen Experten keine große Rolle. Welche Gruppen sind an den Vorgängen beteiligt?

Schüler, Schülerinnen und Studierende

Frankreichs Schülerinnen und Schüler, unterstützt von Studierenden, gehen bereits seit Wochen auf die Straße. Sie bemängeln etwa marode Schulen und fehlende Lehrkräfte. Die Proteste, bei denen es auch schon Gewaltexzesse gab, öffneten das Tor für breitere Demonstrationen.

Verschiedene Berufsgruppen und Gewerkschaften

Unmut herrscht in Frankreich zudem wegen etlicher anderer Themen, vor allem Löhne, Sozialleistungen und Pensionen, Arbeitsbedingungen und hohe Preisen für Sprit und Lebensmittel. Die Landwirtschaft ächzt unter den Folgen des Dürresommers, es gibt Kritik an der Entwicklung benachteiligter Viertel. Mitglieder verschiedener Berufsgruppen kamen daher bei den Demonstrationen zusammen, etwa Landwirte, Feuerwehrleute und Pflegekräfte. Gewerkschaften unterstützten die Proteste.

Gelbwesten-Bewegung

Vor den Protesten am Wochenende hatte es im Internet einen Aufruf zu einer Neuauflage der sogenannten Gelbwestenbewegung gegeben, die Frankreich 2019 längere Zeit in Atem gehalten hatte. Der Name kommt daher, dass viele der Beteiligten gelbe Warnwesten trugen. Auch damals ging es um hohe Lebenshaltungskosten und soziale Ungerechtigkeit. Nun scheint die Bewegung wieder Anlauf zu nehmen und einige Veteranen erneut zu mobilisieren. Für den 24. Oktober kündigten die Organisatoren einen “2. Akt” der Proteste an.

Linke

An den Versammlungen nahmen auch prominente Vertreter der französischen Linken teil, etwa der Kandidat für das Präsidentenamt Jean-Luc Mélenchon. Die Regierung wirft dem linken Lager und insbesondere der französischen Linkspartei La France Insoumise (LFI) vor, die Proteste zu schüren und vor der Präsidentenwahl Chaos säen zu wollen. Mélenchon (LFI) machte die Einsatzstrategie der Behörden für die Ausschreitungen verantwortlich.

Gewalttätige Gruppen und Plünderer

Einzelne nutzten das Chaos für Plünderungen und Sachbeschädigungen. Berichten zufolge suchten zudem kleine Gruppen gezielt die Konfrontation mit der Polizei. Bei mehr als Hunderttausend friedlich demonstrierenden Menschen seien einige weitere Tausend Randalierer für schwere Gewalt verantwortlich, sagte der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure. Auch aus anderen Städten heißt es, die Gewalttäter hätten mit der Protestbewegung nichts zu tun. Dem Premierminister Sébastien Lecornu zufolge handelt es sich bei den Randalierern fast ausschließlich um Männer, vor allem im Alter von 18 bis 30 Jahren. Sie seien der Polizei oft bereits bekannt, sagte er.

Welche Rolle spielt Migration?

Von manchen Seiten wurden auch Migranten für die gewalttätigen Szenen auf den Straßen Frankreichs verantwortlich gemacht. US-Vizepräsident JD Vance etwa nannte Einwanderung aus ärmeren Ländern als Grund für die Krawalle in Frankreich, auch Präsident Donald Trump stellte Zuwanderung als Problem dar. Auch Ex-ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz argumentierte auf Instagram ähnlich und warnte: “Wenn wir nicht sofort einen Kurswechsel vollziehen, werden wir schon bald dieselben Szenen in Berlin, Wien und München erleben.” Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt von der konservativen bayerischen CSU sagte, es träfen sich hier “Linksextremisten und ein migrantisches Milieu zum gemeinsamen Kampf”.

In der französischen Debatte zu den Krawallen spielt das Thema Migration jedoch keine große Rolle. Viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte haben die französische Staatsbürgerschaft. “Als Wissenschafter kann ich sagen, dass uns keinerlei Belege vorliegen, die einen Zusammenhang zwischen der Migrationspolitik einerseits und den Plünderungen andererseits herstellen würden”, erklärte dazu der Historiker Sylvain Kahn dem Sender Radio France Internationale.