Wien Museum zeigt Modegeschichte durch die bunte Brille

30.09.2026 • 14:02 Uhr
Wien Museum zeigt Modegeschichte durch die bunte Brille

Ein Fahrradhelm neben einem Federhut, ein “Life Ball”-Kleid neben einer braven Kinderrobe, ein Faschingsraumfahreranzug neben einem Rüschenkleid aus dem 19. Jahrhundert: In der neuen Sonderausstellung “Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten” verzichtet das Wien Museum auf klassische Chronologie und erkundet seine Modesammlung stattdessen über die Farben. Eine Schau über Mode als Ausdruck von Zugehörigkeiten, Machtverhältnissen und Geschlechterrollen im Wandel.

Unter den aus rund 25.000 Objekten ausgewählten 350 Ausstellungsstücken, die auf einem Laufsteg nachempfundenen Podesten sowie in Vitrinen an den Wänden präsentiert werden, finden sich so außergewöhnliche Stücke wie ein Kleid der Flöge-Schwestern aus dem Jahr 1905, ein aus Fallschirmseide und dem Bezug eines Kirchenhockers gefertigtes Maturakleid aus dem Kriegsjahr 1944 oder eine Schnürbrust aus dem Jahr 1740. Doch statt eine reine Geschichte der Entwicklung der Mode über Stoffe und Schnitte zu erzählen, birgt die Präsentation in farblichen Kapiteln überraschende Paarungen.

Welche kulturgeschichtlichen Hintergründe hinter der Farbwahl der Kleidung stecken, erläutern Wandtexte zu den jeweiligen Kapiteln. Besonders deutlich wird das am Beispiel Gelb: Heute oft mit Optimismus und Sommer assoziiert, trug die Farbe in früheren Zeiten eine ganz andere Bedeutung. “Gelb war im Mittelalter die Farbe der Ausgestoßenen”, erklärt Co-Kuratorin Michaela Lindinger beim APA-Rundgang. Daher empfängt die Ausstellung ihre Besucherinnen und Besucher gleich zu Beginn mit einem gelben Kleid. “Damit die Leute gleich anfangen nachzudenken, was Farbe eigentlich bedeutet.”

Kulturelle Verschiebungen von Rot nach Blau

Auch Rot und Blau erzählen von kulturellen Verschiebungen: Rot gehöre “zu den allerältesten Farben”, so Lindinger, die darauf verweist, dass rote Kleidung jahrhundertelang Männern vorbehalten war. Erst später sei Blau zur Farbe der Wahl in der Männermode geworden. Und heute? “Blau ist heutzutage die Lieblingsfarbe der meisten, egal wo Sie fragen, von Grönland bis Feuerland.” Als eine mögliche Erklärung nennt sie die Allgegenwart der Jeans: Viele Menschen verbänden damit Freizeit, Jugend und positive Erinnerungen.

Einzelne Objekte zeigen wiederum, wie Kleidungsstücke soziale Grenzen herausforderten. Selbst ein rosafarbener Spazierstock für Frauen wurde um 1900 als unangemessen wahrgenommen und mit emanzipierten Frauen in Verbindung gebracht. Passend dazu: Ein von der Opposition verbreitetes rosa Shirt mit dem Aufdruck “Linke Emanze”, das man 2004 als Reaktion auf die Aussage der früheren ÖVP-Außenministerin Benita Ferrero-Waldner drucken ließ, nachdem sie gemeint hatte, dass “die linken Emanzen” in der Bundespräsidentschaftswahl schuld an ihrer Niederlage seien.

Heiraten in Schwarz, Werben mit Glitzer

Dass Nachhaltigkeit in der Mode keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist, zeigt eines der ausgestellten Hochzeitskleider: ein schwarzes Seidenkleid. “Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hat man nicht in einem weißen Kleid geheiratet, das man danach nie mehr tragen konnte, sondern im besten Kleid, das man später wiederverwenden konnte.” Den bis heute geltenden Trend zum weißen Hochzeitskleid habe erst die Hochzeit von Queen Victoria im Jahr 1840 ausgelöst.

Apropos schwarzes Kleid: Wollte eine Witwe andeuten, wieder bereit für eine neue Beziehung zu sein, trug man schwarze Kleider mit glitzernden Elementen. Und so zahlt es sich aus, die jeweiligen Tafeln zu den einzelnen Kleidern zu studieren. Sie erzählen Geschichten, die weit über Modegeschichte hinaus gehen. Sie erzählen von Ausgrenzung und Aufstieg, von Trauer und Emanzipation, von Konsum und Wiederverwertung. Hier wird deutlich: Mode war noch nie bloße ästhetische Entscheidung sind, sondern gesellschaftlicher Code.

(S E R V I C E – “Farbenspiel. Mode aus vier Jahrhunderten” im Wien Museum, 1. Oktober bis 28. März 2027. Kuratorinnen: Michaela Lindinger und Regina Karner. Der gleichnamige Katalog im Hirmer Verlag umfasst 196 Seiten und kostet 38 Euro. )