Wiener Festwochen – “Credere alle maschere” als Todesstrafe

07.06.2026 • 10:20 Uhr
Wiener Festwochen - "Credere alle maschere" als Todesstrafe

Gruß ans kritische Denkvermögen: In “Credere alle maschere” muss Wahrgeglaubtes im Alleingang hinterfragt werden, während ausdruckslose Masken kollektives Urteilen verhindern und die Grenze zwischen Publikum und Akteuren verwischen. Romeo Castellucci, für Proteste wie Jubelstürme bekannt, liefert im Rahmen der Wiener Festwochen eine nahezu unspektakuläre Performance. Bei der Premiere am Samstag im MuseumsQuartier gab es weder Verbeugung noch Applaus. Lediglich offene Fragen.

Besucht man eine Premiere des italienischen Theatermachers und Universalkünstlers, ist die Gefahr, Teil eines Spektakels zu werden, im Kartenpreis inbegriffen. Man erinnere sich beispielsweise an eine Pariser Vorstellung von “Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn”, bei der das Publikum mit Eiern und Tränengas attackiert wurde. Freilich darf man also misstrauisch sein, wenn einem beim Betreten des Saals eine Maske überreicht wird, die für die Dauer der Vorstellung – vierzig Minuten – zu tragen ist. Rasch zeigen sich Unmut sowie Amüsement unter den Zusehenden, die auf einer U-förmigen Bank Platz nehmen: Wenig atmungsaktiv sind die Masken, klein sind die Augenausschnitte, Brillenträger murren. Doch beeindruckend verfremdet wirken nun die Gestalten: Nicht wiederzuerkennen ist die eigene Begleitung. Hinter einer der Masken versteckt sich am Premieren-Nachmittag Festwochen-Intendant Milo Rau.

Dies ist keine Pfeife

Indes haben im hell erleuchteten Raum zwei Männer in schwarzen Kostümen und mit weißen Handschuhen fast unbemerkt begonnen, eine Vase aus einer Holzbox auszupacken. Sie wird auf einem Podest drapiert, die dahinterliegende Leinwand zeigt den Schriftzug: “Pfeife”. Unweigerlich denkt man an den belgischen Maler und Vertreter des Surrealismus René Magritte.

Die Vase wird wieder verstaut, es folgt das nächste Objekt: diesmal ein Glas Milch oder – glaubt man dem eingeblendeten Text – ein Hammer. Eine Frage der Ansicht? Wie so oft, konfrontiert Castellucci in “Credere alle maschere” (“An Masken glauben”), uraufgeführt im Februar 2026 bei der Triennale Milano, mit einer Reihe von ikonografischen Bezügen, die teils in Rätseln, jedenfalls aber im kritischen Hinterfragen von Wahrheit und Glaubenssätzen münden. Die Klangkulisse ist auf regelmäßige, klinisch anmutende Pieptöne reduziert, die an lebenserhaltende Systeme einer Intensivstation erinnern. Zwar vermag man sie zeitweise auszublenden, doch sind sie einer positiven Grundatmosphäre nicht zuträglich.

Damit nicht genug, öffnen die Männer das Ventil einer Gasflasche. Es drängt sich die Frage auf, ob nun doch ein Angriff auf das Publikum stattfindet. Dass man Skepsis und Sorge in diesem Moment mit anderen teilte, lässt sich erst im Anschluss an die Vorstellung feststellen, denn die ausdruckslosen Mienen der Masken suggerieren Gelassenheit.

Ein an der Leinwand hängendes Kreuz (“Regen”) spannt den Bogen zur von den Wiener Festwochen ausgerufenen “Republic of Gods”. So auch die folgenden Szenen, die sich ereignen, während erstmals ein Objekt mit seinem Begleittext übereinstimmt: “Stuhl” – jedoch nicht irgendeiner. Ein elektrischer Stuhl nimmt dominant den Raum vor der Leinwand ein. Doch niemand kommt, um ihn zu entfernen, ihn durch das Folgeobjekt zu ersetzen. Die Pieptöne verklingen: beklemmende Stille.

Wer darf leben, wer muss sterben?

Im Kreis der Zuschauer erhebt sich eine Person und inspiziert vorsichtig den Stuhl, ehe sie Platz nimmt, sich entspannt zurücklehnt. Plötzlich beginnt sie unkontrolliert zu zucken, ihre Glieder erschlaffen. Doch sie schüttelt den Schmerz ab, nimmt wieder ihren Stammplatz im Publikum ein.

Weitere Akteure, die sich maskiert unter die Zusehenden gemischt haben, folgen ihrem Beispiel. Einer zu Tode Verurteilten entlocken die Elektroschocks Schreie, eine andere kommt unversehrt davon, ein Dritter nimmt nach einer Umrundung des Stuhls gar nicht erst Platz.

Castellucci – bereits zum 13. Mal bei den Wiener Festwochen zu Gast – hinterfragt unser Gott-Spielen über den Tod, macht alle Anwesenden zu Zeugen der Gräueltat. Kein Wegschauen. Keine Unbeteiligtheit. Neugierige Blicke werden ausgetauscht. Das Publikum changiert zwischen der Rolle der Beobachtenden und jener der Beobachteten. Wer muss sich als nächstes seinem Schicksal stellen?

Offenes Ende, unbeantwortete Fragen

Als niemand mehr am elektrischen Stuhl Platz nehmen möchte, wird dieser entfernt. Der Raum ist dezent abgedunkelt, zwei Frauen in Schwarz deuten in Richtung der Ausgänge. Ein abrupteres Ende der installativen Performance ist kaum vorstellbar. Am Premierenabend blieben Beifall und Verbeugung aus.

Der Weg aus dem Saal führt an den randvoll mit Masken gefüllten Kisten vorbei. Zahlreiche unbeantwortete Fragen im Kopf, verlässt man unbefriedigt die Vorstellung. Doch wieder einmal liefert Castellucci statt Antworten lediglich Rätsel. Und ein Andenken: Die eigene Maske darf behalten werden. Vielleicht legt so mancher sie nach dieser Vorstellung gelegentlich doch auch ab.

(Von Selina Teichmann/APA)

(S E R V I C E – “Credere alle maschere” von Romeo Castellucci im Rahmen der Wiener Festwochen im MuseumsQuartier, Halle G. Regie: Romeo Castellucci. Dramaturgische Mitarbeit: Piersandra Di Matteo. Künstlerische Mitarbeit: Sergio Scarlatella. Requisite: Plastikart Studio – Amoroso & Zimmermann. Produktion: Societas. Koproduktion: Wiener Festwochen, Triennale Milano Teatro, Grec Festival Barcelona 2026, Transart – Festival for Contemporary Cultures. Hinweis: Empfohlen ab 14 Jahren. Weitere Vorstellungen am 7., 8., 9. und 10. Juni, täglich mehrere Vorstellungen zwischen 15 und 21.30 Uhr. Publikumsgespräch am 7. Juni im Anschluss an die Vorstellung um 18 Uhr. )