Wiener Festwochen: Die Religion steht im Theater vor Gericht

30.05.2026 • 18:00 Uhr

Auch in diesem Jahr wollen Medien- und Kunstschaffende bei den Wiener Festwochen gesellschaftspolitische Brennpunkte in die Mangel nehmen. Beim “Glaubenstribunal” ist es nun die Religion, die auf der Anklagebank sitzt – passend zum Festival-Motto “Republic of Gods”. Insbesondere der Missbrauch von Religionen soll bis Sonntag in drei separaten Veranstaltungen im symbolischen Theatertribunal diskutiert werden. Livestreams sind geplant.

Im Odeon-Theater in Wien haben am Freitagabend vier Eröffnungsreden die ersten Weichen gestellt, Triggerwarnung inklusive. Denn man wolle alle Seiten zu Wort kommen lassen. “Einige der Anwesenden haben aufgrund ihrer Meinung Anschläge auf ihr Leben knapp überlebt oder müssen jederzeit damit rechnen”, erklärte dahingehend Intendant Milo Rau mit Verweis auf die Sicherheitsvorkehrungen im Saal.

Am Samstagvormittag sind Vorträge zum Thema “Holy Shitstorm” eingeplant, die den Blick auf Spannungsverhältnisse zwischen Kunstfreiheit und religiösen Befindlichkeiten werfen sollen. Am frühen Abend dreht sich die Diskussion um “Entwendete Göttinnen”, also Kulturgüter aus der Kolonialzeit. Um “Bad Religion” soll es dann am Sonntag gehen beziehungsweise um die vermeintliche Vereinnahmung von Religion durch Regime wie im Iran oder die Tech-Industrie in den USA.

Über Kunst, Demokratie und Religion

Gérard Biard, Chefredakteur des französischen Satiremagazins “Charlie Hebdo”, hielt sich am Eröffnungsabend mit Kritik nicht zurück: “Überall auf der Welt werden Tausende und Abertausende im Namen unzähliger Götter abgeschlachtet, gefoltert, terrorisiert und eingesperrt.” Dem islamistischen Anschlag auf seine Redaktion im Jahr 2015 sei er nur durch Zufall entgangen. Über Gesetze könne man diskutieren, so Biard, nicht aber über religiöse Dogmen, die ihre Legitimität über ein höheres Wesen definieren würden. Das mache “Demokratie und Gleichberechtigung illusorisch”.

Theologe Frater Xaver wehrte sich wiederum gegen “billigste Klischees” über die Kirche “als prinzipiellen Feind von Wissenschaft und Kultur”. Blasphemie sehe der Wiener Dominikaner etwa in Kriegen, nicht in anstößiger Kunst. Auch argumentierte er, dass die Spaltung von Gesellschaften mit dem Verlust Gottes als objektivem Maßstab zusammenhänge. Eine Hinwendung zu Gott, “auf den niemand einen einzigartigen Zugriff beanspruchen kann”, könne dagegen Menschen aus der “Sinnleere des Postfaktischen” holen und wieder mehr Gespräche möglich machen. Das müsse aber auch heißen, die universelle christliche Botschaft “nicht mit einer bestimmten Kultur oder einer bestimmten Nation zu verbinden”.

Der kontroverse Publizist Michel Friedman schlug einen ähnlichen Tenor wie der Franzose Biard an. “Gottesreligionen, Menschenrechte und Demokratie sind nicht vereinbar”, so der deutsche Autor. Denn Religion sei immer politisch und autoritär. Seine Forderung: “Lebe wie du willst, nur missioniere nicht.” In libertären Techeliten wie Peter Thiel orte er neue Religionsvertreter, die “Menschen mit Lügen wieder zum Glauben zwingen und entmündigen” würden. Während des Vortrags stand noch nicht fest, ob Thiel selbst am 7. Juni bei den Festwochen sprechen soll. Dieser habe “hier nichts zu suchen”, polterte Friedman. Die Entscheidung gibt das Festival voraussichtlich am Samstagnachmittag bekannt.

Es sei die Aufgabe der Aufklärung, kritisch zu fragen, “was Religionsgemeinschaften im Namen der Religion an Zerstörung hervorrufen”. Allerdings verwehrte sich Friedman Pauschalisierungen: “Ich bin Jude und Ben-Gvir ist Jude, aber ich bin nicht verantwortlich machbar für Minister Ben-Gvir”. Auch dürfe man die Attentäter des 11. September 2001 nicht dazu nutzen, alle Muslime zu verurteilen. Die Absage eines geplanten Auftritts Friedmans im Ostsee-Ort Klütz sorgte im Vorjahr für deutschlandweite Kritik. Sowohl Antisemitismusvorwürfe als auch die Angst vor rechtsextremen Aktionen wurden zuerst als mutmaßliche Gründe genannt.

Kolonialismus als Thema

Journalistin Alice Hasters sollte wiederum die Frage nach der kulturellen Aneignung und Rückgaben kolonialer Güter einordnen. Ihr Standpunkt war deutlich: “Die Bronzen müssen zurück, auch Nofretete muss zurück und auch die Gebeine der vielen ermordeten Menschen aus den zurückgedrängten Aufständen müssen zurück”. Es handle sich nämlich nicht nur um gestohlenes Gut. Wegen ihrer Geschichte seien diese Objekte außerdem so heilig wie Herrscherbüsten oder Überreste von Pharaonen. Sonntagnachmittag sollen Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Humanist Michael Schmidt-Salomon Statements abgeben, bevor die Jury ein Urteil im Tribunal ausspricht.

(S E R V I C E – “Das Glaubenstribunal”, Wiener Festwochen im Odeon, Samstag 30.5., “Fall 1” um 11.00 Uhr, “Fall 2” um 15.00 Uhr, Sonntag 31.5., “Fall 3” um 11.00 Uhr, “Entscheidung” um 15.00 Uhr, )