Wilson erschafft für “Tempest” Welten aus dem Nichts

06.06.2026 • 07:00 Uhr
Wilson erschafft für "Tempest" Welten aus dem Nichts

Shakespeares letztes Stück “Der Sturm” ist bekanntlich ein Hochamt der Theaterkunst, eine Reflexion des alternden Bühnenmagiers über seine Kunst, das Entstehen-Lassen von Welten aus dem Nichts und deren Vergehen. Robert Wilson näherte sich 2021 in einer seiner letzten Inszenierungen diesem Kosmos in der ihm eigenen Stilistik. Bei den Wiener Festwochen, wo Wilson regelmäßiger Gast war, erlebte nun zehn Monate nach dessen Tod sein “Tempest” am Freitagabend Österreich-Premiere.

Und wie passend schmiegt sich Wilsons Gestus, aus dem Bühnennichts mittels Licht und Schatten Welten entstehen zu lassen, zum Zauberer Prospero, der selbiges auf seinem magischen Eiland vollbringt?! Wie stimmig fügt sich die Klangwelt des Künstlers, die zwischen Geräuschen, Tom Waits und Philip Glass changiert, in die von Shakespeare erschaffene, von Klängen umtoste Insel ein?

In der Pandemie erschaffen

2021, inmitten der Covid-Pandemie, entstand diese Arbeit am Nationaltheater Sofia, dessen Schauspielerinnen und Schauspieler die Inszenierung nun auch im Burgtheater präsentierten. Und der reife Wilson, der im Vorjahr 83-jährig verstarb, schuf auch in Bulgarien gemeinsam mit seiner langjährigen Co-Regisseurin Ann-Christin Rommen ein Werk in der ihm eigenen, markanten Stilistik.

Obgleich die Shakespeare-Verse vorhanden sind, dominiert eine engmaschig komponierte Bewegungschoreografie das Geschehen, erscheinen die Darstellenden weniger als Personen denn als Figurinen, zirzensische Pierrots und Sprechpuppen. Immer wieder zu Schatten vor der Lichtwand stilisiert, monologisieren sie vor sich hin, anstatt miteinander zu sprechen.

Meister der Repetition

Als Meister der Repetition schafft Wilson auch in seinem “Tempest” ein Meisterwerk des Minimalismus, das in seinem gesamten Gestus ostentativ auf das Theatrale verweist. Es entsteht eine eigene Form des epischen Theaters, die nie die Illusion des Naturalismus sucht. Stattdessen wird das Spiel als solches auf den Altar gehoben, wobei sakralem Pathos mittels Humor vorgebeugt wird.

“Innocent when you dream” von Tom Waits erschallt am Beginn aus den Lautsprechern und wird am Ende vom Ensemble nochmals intoniert. Ein Sinnbild für die in ihrer Imagination lebende Theaterfigur des Prospero. Für das Shakespeare’sche Bühnenadieu “The Tempest”. Und ein berührender Abschied vom großen Theaterträumer Bob Wilson.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – “Der Sturm” von William Shakespeare als Produktion des Iwan Wazow Nationaltheaters Sofia im Rahmen der Wiener Festwochen im Burgtheater. Regie/Bühnenbild/Lichtdesign: Robert Wilson, Co-Regie: Ann-Christin Rommen, Textadaption/Dramaturgie: Jutta Ferbers, Kostüm/Maske: Yashi. Mit Veselin Mezekliev – Prospero, Zhaklin Daskalova – Miranda, Vasilena Vincenzo – Ariel, Yavor Valkanov – Caliban, Stoyan Pepelanov – Alonso, Plamen Dimov – Ferdinand, Valentin Ganev – Gonzalo, Zafir Radjab – Sebastian, Konstantin Elenkov – Antonio, Stefan Kushev – Trinculo, Vasil Draganov – Stephano, Nencho Kostov – Bootsmann/Geist/Hund, Gergana Zmiicharova – Geist/Iris, Vyara Tabakova – Geist/Ceres, Vladislava Nikolova – Geist/Juno. )