Zehn Jahre Friedensabkommen: Gemischte Bilanz in Kolumbien

26.08.2026 • 06:00 Uhr
Zehn Jahre Friedensabkommen: Gemischte Bilanz in Kolumbien

Vor 14 Jahren, am 26. August 2012, begannen die kolumbianische Regierung und die FARC-Guerilla ihre vierjährigen Friedensverhandlungen in Havanna, die in einem Abkommen endeten – damit löste sich die FARC offiziell als Guerilla auf. Zehn Jahre nach Inkrafttreten des Friedensvertrages fällt die Bilanz gemischt aus: Der Traum vom Frieden ist heute immer noch unerreichbar und viele Kolumbianer glauben nicht mehr daran. Das heißt aber nicht, dass das Abkommen nichts gebracht hat.

Auch wenn es übertrieben scheint, von vollem Frieden in Kolumbien zu sprechen, wurde etwas Grundlegendes in Gang gestoßen: Ein Land, das über 50 Jahre lang nur den bewaffneten Konflikt kannte, hat die Versöhnung zwischen Opfer und Täter, Staat und Gesellschaft begonnen und damit das Fundament für einen künftigen Frieden gelegt.

Die Gespräche zwischen den Delegierten der Nationalen Regierung unter dem Vorsitz von Präsident Juan Manuel Santos und den Delegierten der FARC-EP begannen mit ersten heimlichen Dialogen zwischen dem 23. Februar und dem 26. August 2012 in der kubanischen Hauptstadt. Der erste Entwurf des Friedensvertrag wurde mit den Verhandlungen am 24. August 2016 beschlossen, ab dem 29. August 2016 trat ein offizieller bilateraler Waffenstillstand ein.

Erst am 1. Dezember 2016 trat eine abgeänderte Version des in Kuba ausgehandelten Dokuments in Kraft, nachdem die erste Variante in einem Volksentscheid knapp gescheitert war. Das abgeänderte Dokument wurde schließlich am 24. November 2016 von der Regierung Santos unterzeichnet. Santos erhielt dafür im selben Jahr den Friedensnobelpreis und betonte bei der Übergabe damals: “Für die große Mehrheit von uns schien der Frieden ein unerreichbarer Traum zu sein, und das aus offensichtlichen Gründen, denn nur sehr wenige – fast niemand – konnten sich daran erinnern, wie es war, in einem Land zu leben, in dem Frieden herrschte.”

“Kontinent Amerika Zone des Friedens”

Optimistisch kündigte Santos damals an, der Kontinent Amerika sei nun eine Zone des Friedens – eine Aussage, die damals mit der Beendigung des Konflikts mit den Farc durchaus zutraf, da es nach einer langen Phase von Guerillakriegen kaum noch klassische Konflikte zwischen staatlichen Armeen und Guerillagruppen auf dem Kontinent gab. Bis die Lücken, die die Farc hinterließen, nach und nach von anderen illegal bewaffneten Gruppen gefüllt wurden.

Was zwischenstaatliche Auseinandersetzungen in der Region betrifft, konnte man den amerikanischen Kontinent als eine der friedlichsten Zonen des Erdballs bezeichnen. Dies galt im Grunde bis zu den bewaffneten US-Angriffen unter Donald Trump in der Karibik, die im Herbst vergangenen Jahres begannen, bisher über 200 Menschenleben forderten und mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro am 3. Jänner 2026 als militärische Intervention ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten.

Das Nobelpreiskomitee würdigte den kolumbianischen Weg bei der Preisverleihung 2016 als Vorbild, da das Land unbequeme Taten anerkannte, Tabus brach und das Leid der Opfer veröffentlichte und die Versöhnung einer tief gespaltenen Gesellschaft in die Wege leitete, wozu auch die Eröffnung des Zentrums für Erinnerung, Frieden und Versöhnung beitrug.

Die messbaren Erfolge sind deutlich: Mehr als 13.600 FARC-Kämpferinnen und Kämpfer legten dank des Abkommens die Waffen nieder. In einer zügigen Zeitspanne von sechs Monaten gab die Guerilla über 8.000 Waffen ab, aus denen in Bogotá das Mahnmal “Fragmentos” entstand. Laut einem Bericht der kolumbianischen Wahrheitskommission sind knapp 95 Prozent der ehemaligen Kämpferinnen und Kämpfer – die den Vertrag als “Friedensunterzeichnerinnen und – Unterzeichner” mit trugen – im zivilen Leben geblieben.

Ein Jahr nach dem Friedensvertrag sank die Zahl der Toten auf historische Tiefststände; zwischen 2012 und 2019 gingen die Entführungen um 70 Prozent zurück – ein Niveau, das stabil blieb. Regionen, die zuvor unzugänglich waren, können heute bereist werden. Ganze Familien bauen Kaffee an oder arbeiten im Tourismus, und es entstanden Kooperationsprojekte zwischen Opfern und ehemaligen FARC-Mitgliedern.

Juristische Aufarbeitung macht Fortschritte

Auch die juristische Aufarbeitung macht Fortschritte: Die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) verkündete ihre ersten Grundsatzurteile. Sie entlarven die Entführungen durch die FARC, stuften Morde an Zivilisten offiziell als Staatsverbrechen ein und markieren einen Meilenstein für Wahrheit und Versöhnung – ein Prozess, für den internationale Tribunale oft Jahrzehnte benötigen. Dank des Friedensvertrages wurde die UBPD – eine Sucheinheit für verschwundene Personen – gegründet. Diese sucht unter anderem zusammen mit der JEP nach den sterblichen Überresten von Zivilisten, darunter die sogenannten “falsos positivos”, die in den frühen 2000ern unschuldig vom Militär in Zusammenarbeit mit Paramilitärs getötet wurden und für die Armeemitglieder finanzielle Prämien erhielten. Allein im Jahr 2025 hat die UBPD 1.800 Leichname geborgen und über 250 Verschwundene lebend ausfindig gemacht.

Trotz der zum Teil ausufernden Gewalt erlebt Kolumbien laut örtlichen Friedensforscherinnnen und -forschern keine Rückkehr zu den Zuständen der 1980er und 1990er Jahre: Gefechte zwischen Militär und bewaffneten Gruppen sowie Angriffe auf die Infrastruktur gingen stark zurück. Allerdings hat sich der Konflikt gewandelt: Die Lücken der FARC wurden von anderen illegalen Gruppen gefüllt, die um Drogenschmugglerrouten und Anbaugebiete kämpfen. Neben FARC-Dissidenten sind die Guerillagruppe Ejército de Liberación Nacional (ELN) sowie die paramilitärische Drogenorganisation Autodefensas Gaitanistas de Colombia (Golfclan) die personell stärksten und einflussreichsten Akteure. In Regionen wie Catatumbo an der Grenze zu Venezuela und in Cauca kommt es weiterhin zu Gefechten und Sperrzonen.

“Allumfassender Frieden” wurde nicht erreicht

Einen “allumfassenden Frieden” hat Kolumbien nicht erreicht; selbst dem dialogorientierten linken Präsidenten Gustavo Petro gelang kein Friedensschluss mit der ELN. Nach der Übergabe der Amtsgeschäfte an Abelardo de Espriella setzt die Regierung seit dem 7. August wieder auf eine Politik harter Hand, Bombardierungen und militärische Härte statt auf Friedensdialoge. Das hatte der Rechtsnationale auch im Wahlkampf versprochen.

Auch wenn Kolumbien den vollständigen Frieden bisher nicht erreicht hat, grenzt die bloße Existenz eines solchen Abkommens und der Verhandlungswille zweier verfeindeter Seiten an ein Wunder. Bei aller Kritik darf man nicht vergessen, dass die FARC dem Staat keineswegs ausgeliefert war: Beide Seiten schlossen diesen Frieden nicht aus Unterlegenheit, sondern um des Friedens willen. In einer Welt mit verfahrenen Konflikten wie in der Ukraine, in Gaza oder zwischen den USA und dem Iran setzt das, was Kolumbien damals erreicht hat, ein wichtiges Signal, aus dem auch die internationale Politik lernen kann: Es beweist, dass Frieden am Verhandlungstisch trotz allem möglich ist.

(Von Sara Meyer/APA in Bogotá)