Politik

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?

02.05.2026 • 17:00 Uhr
Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Lukas Batlogg hat das Zepter in Düns seit vergangenem Jahr in der Hand. Klaus Hartinger (8)

Lukas Batlogg (27) übernahm letztes Jahr das Ruder im 450-Seelen-Dorf Düns. Der aktuell jüngste Bürgermeister des Landes erzählt im NEUE-Interview, warum er diesen Weg eingeschlagen hat, wie angespannt die finanzielle Lage ist und wie er über Gemeindefusionen denkt.

Wie ist das erste Jahr Ihrer Amtszeit als Bürgermeister verlaufen? Was war positiv, was war herausfordernd?
Lukas Batlogg: Es war für mich ein Jahr des Kennenlernens. Ich war zuvor Ersatzmitglied der Gemeindevertretung, hatte aber nie ein Mandat im Gemeindevorstand. Zudem war die halbe Gemeindevertretung zuvor noch nie politisch aktiv. Das Hauptaugenmerk lag darauf, zusammenzufinden und sich einzuleben. Belastend ist die finanzielle Situation. Hier ist mein Motto: Wir müssen versuchen, mit so wenig Geld wie möglich so vieles wie möglich umzusetzen. Das ist uns im ersten Jahr gut gelungen. Mein Vorgänger hat das neue Dorfhaus umgesetzt, da konnte er sich entfalten. Für mich ist es schwierig, ein großes Projekt mit den jetzigen finanziellen Mitteln umzusetzen.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Lukas Batlogg vor dem Dorfhaus, das Restaurant und Lebensmittelgeschäft beherbergt und in der Amtsperiode seines Vorgängers erbaut wurde.

Mit Mitte 20 studieren viele junge Menschen, fassen erstmals Fuß in der Berufswelt oder reisen um die Welt. Sie haben sich für die Kandidatur als Bürgermeister entschieden. Warum?
Batlogg: Mir liegen Düns und die Menschen, die hier wohnen, am Herzen. Ich sehe Düns als große Familie. Man streitet vielleicht einmal, aber unterm Strich hält man immer zusammen. Darum ist es mir ein Anliegen, dass man Düns als Dünser gestaltet und nicht nach außen abgibt, so wie in der Nachbargemeinde Röns, wo man erst keinen Bürgermeister fand und schon überlegte, ob die Bezirkshauptmannschaft die Verwaltung übernimmt. Zudem bin ich gerne für die Leute da. Ich halteregelmäßig Sprechstunden, bei denen ich offen für Anliegen, Fragen und Wünsche der Bevölkerung bin.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Vor dem Gemeindeamt wehen die Flaggen von EU, Österreich, Vorarlberg und Düns.

Gerade in kleinen Gemeinden – das Beispiel Röns haben Sie angesprochen – wird es immer schwieriger, Bürgermeisterkandidaten zu finden. Am Wochenende ist man oft eingespannt, bei Problemen wird man leicht zur Zielscheibe der Bevölkerung und Fehler in der Amtsführung können vor Gericht enden. Wie viel Überredungskunst war bei Ihnen nötig?
Batlogg: Ich musste schon eine Weile überlegen, was ich hier übernehme. Wie Sie gesagt haben, manche junge Menschen gehen lieber Reisen. Das schwang auch in meinen Überlegungen mit. Ich sagte mir: Bin ich alt genug, soll ich es jetzt schon machen? Wenn ich drin bin, kann ich nicht mehr zurück. Ich will durchziehen, was ich anfange. Der vorherige Bürgermeister kandidierte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr und fragte einen Kollegen und mich, ob wir uns das vorstellen könnte. Leider zog der Kollege sich aus beruflichen Gründen ganz aus der Gemeindepolitik zurück. Ich erstellte eine Pro-Contra-Liste, wägte ab und entschied mich schließlich dafür, als Bürgermeister anzutreten. Rückblickend auf mein erstes Jahr mache ich den Job sehr gerne. Dass man bei Fehlern gleich am Pranger steht und im schlimmsten Fall vor Gericht landet, ist für viele abschreckend. Mir ist da wichtig, transparent zu arbeiten. Jeder, der Fragen hat oder etwas überprüfen will, kann immer zu mir kommen. Wenn ich offen und ehrlich arbeite, muss ich mir keine Sorgen machen.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Batlogg im Gespräch mit der NEUE am Sonntag.

Sie sind – wie in kleineren Gemeinden üblich – als Kandidat der Einheitsliste angetreten. Gibt es eine Partei der Sie sich zuordnen würden? Und gibt es parteipolitische Positionen in der Dünser Gemeindevertretung?
Batlogg: Ich stehe weiterhin zur Einheitsliste. Separate Parteien und Listen zu gründen, wäre in einer so kleinen Gemeindevertretung mit neun Mandataren kontraproduktiv. In unserer Liste haben wir eine relativ gute Mischung, da sind alle politischen Meinungen vertreten.

Würden Sie sich selbst einer politischen Farbe zuordnen?
Batlogg: Bisher habe ich immer versucht, neutral zu bleiben. Wenn du beim Land ein Anliegen vorbringst, wirst du nicht abgestempelt, sondern kannst auf jeden Landesrat gleich zukommen. Ich weiß nicht, ob es Vor- oder Nachteile hätte, wenn man als Bürgermeister bei einer Partei ist. Privat kann ich mit den Einen mehr und mit den Anderen weniger.

Sie sind ja Schwager von Landesstatthalter Christof Bitschi.
Batlogg: Das stimmt. Ich bin kein Mitglied der Freiheitlichen, würde mich aber aus diesem Grund auch bei keiner anderen Partei engagieren.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Die historische Holztür am Eingang vom Gemeindeamt stammt vom alten Schulhaus, wie der Bürgermeiser erzählt.

Sie haben eingangs die finanzielle Situation angesprochen. Wie schlecht geht es Düns?
Batlogg: Die Gemeinde Düns gehört wie viele andere zu den Abgangsgemeinden. Wir sind mit dem laufenden Betrieb negativ, was unterstreicht, wie schwierig es ist. Man darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Investitionen darf man nicht auf null zurückfahren, muss sie aber auf das Notwendigste reduzieren. Ende letztes Jahr führten wir Gebührenanpassungen durch, um zumindest in den Bereichen Wasserversorgung, Kanalisation und Fernwärme in Richtung Kostendeckung zu kommen. Mit dem Finanzpaket, das Land und Gemeindeverband beschlossen haben, bekommt Düns knapp 170.000 Euro. Letztes Jahr mussten wir ein Darlehen von 320.000 Euro für den laufenden Betrieb aufnehmen. Auch mit der Unterstützung sind wir im laufenden Betrieb nicht positiv.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Die finanziellen Verhältnisse sind in Batloggs Gemeinde angespannt.

Hätten Sie sich vom besagten Finanzpaket mehr erhofft?
Batlogg: Als Gemeinde Düns ist man froh um jeden Euro, den man kriegt. Soweit ich weiß, hat der Gemeindeverband mehr gefordert, aber es war eben eine Verhandlung. Es ist auch ein Zeichen vom Land, dass sie auch erkennen: Den Gemeinden geht es finanziell nicht gut.

Die Opposition fordert deshalb Gemeindefusionen. Würde man die Dreiklang-Gemeinden Düns, Dünserberg und Schnifis zusammenlegen, käme man auf rund 1400 Einwohner. Aktuell hat man für sie drei Gemeindeämter, drei Gemeindevertretungen und drei Bürgermeister. Wäre eine Fusion da nicht der logische Schritt?
Batlogg: Für mich nicht. Wir arbeiten bereits eng zusammen und bündeln Ressourcen, wo es geht. Als Gemeinde Düns sind wir personell auf ein Minimum reduziert. Wir haben einen Bürgermeister, eine Amtsleiterin, ein Mitarbeiter im Bauhof und eine Reinigungskraft. Kleiner geht es nicht. Die Anliegen der Bevölkerung werden durch eine Fusion auch nicht weniger. Es läuft mehr an einem Punkt zusammen, aber die Arbeit bleibt dieselbe. Nur noch einen Bürgermeister zu haben, sehe ich kritisch, weil in so einer kleinen Gemeinde jeder jeden kennt. Man denkt rückwärts, wenn man diese Anlaufstelle abschafft. Die Gemeindevertreter machen das ehrenamtlich, sie abzuschaffen, bringt finanziell nichts. Ich weiß nicht, ob die Herrschaften, die das auf Landesebene vorschlagen, überhaupt wissen, wie es in einer kleinen Gemeindestube läuft.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Der 27-Jährige stellt sich entschieden gegen eine Fusion seiner Gemeinde mit einem oder mehreren Nachbarorten.

Sie sind selbst Jäger. Wie bewerten Sie, dass in Vorarlberg nun auch präventive Abschüsse von Wölfen erlaubt sind? Ist der Wolf ein Thema in Ihrer Gemeinde?
Batlogg: Von Wolfssichtungen in Düns weiß ich nichts. Am Walserkamm, der über unserer Gemeinde liegt, wurde er schon gesichtet, auch in Übersaxen war er schon. Aber aus unserer Bevölkerung habe ich noch nie Angstbekundungen gehört. Ich verstehe die Naturschützer, die sagen, dass der Wolf geschützt gehört. Auf der anderen Seite verstehe ich auch die Landwirtschaft, für die es der Wolf erschwert oder unmöglich macht, die Alpen zu bewirtschaften. Ich mag mich nicht positionieren, aber glaube, dass man beide Seiten verstehen muss.

Wenn der Wolf schon so nahe war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er auch in Düns auftauchen könnte. Denken Sie nicht, dass sich die Bevölkerung dann eine Positionierung des Bürgermeisters erhofft?
Batlogg: In einem solchen Fall ist nicht die Gemeinde, sondern das Land zuständig.

Wieso wird man mit Mitte 20 Bürgermeister in einer Kleingemeinde?
Batlogg öffnet die legendäre “Gutzeleschublad” für die NEUE.

Abschließend: Was hat es mit der „Gutzleschublad“ auf sich?
Batlogg: In einer Schublade im Gemeindeamt gibt es Süßigkeiten. Wenn die Volksschul- oder Kindergartenkinder kommen, gibt es für sie ein „Gutzle“. So wichtig kann ein Termin gar nicht sein, dass dafür keine Zeit bleibt. Ich bin der dritte Bürgermeister, der diese Tradition fortführt. Ich finde es wichtig, dass die Kinder mit dem Bürgermeister auf Augenhöhe aufwachsen und mit ihm per Du sind. Wie gesagt, bei uns kennt jeder jeden, das gilt auch für die Kinder.

Zur Person

Lukas Batlogg (*19.10.1998) wurde 2025 mit 88 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister von Düns gewählt. Daneben ist er zu 60 Prozent als Bautechniker beim Land Vorarlberg beschäftigt. Privat ist der 27-Jährige bei der Feuerwehr Düns, deren Wettkampfgruppe den 2025 goldenen Helm gewann und im Juli bei der Feuerwehrolympiade in Eisenstadt antreten wird. Außerdem ist er in seiner Freizeit als Jäger tätig.

(NEUE am Sonntag)