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Der Kopf entscheidet

30.04.2022 • 23:06 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der Kopf entscheidet
Die Altacher um Kapitän Philipp Netzer brauchen im Abstiegskampf starke Nerven und müssen es schaffen, den Druck auszublenden. GEPA

NEUE-Experte und SCRA-Legende Alex Guem über Chancen im Abstiegskampf.

Vier Punkte Rückstand hat der Cashpoint SCR Altach als Tabellenletzter drei Runden vor Saisonende, nachdem es zwischenzeitlich in der Qualifikationsgruppe deutlich besser ausgesehen hatte.

Der Einbruch beim 0:4 gegen Hartberg am Dienstag
Die schwache Altacher Leistung in Hartberg ist fast unerklärbar. Denn in der Qualifikationsgruppe haben mich die Altacher vor allem mit ihrer Mentalität überzeugt. Auch beim 1:2 beim LASK drei Tage davor. Darum habe ich nicht verstanden, warum Trainer Ludovic Magnin auf fünf Positionen gewechselt hat. Solche Umstellungen erzeugen Unsicherheit. Jedes Spiel hat Schlüsselmomente. In Hartberg war sicher der Elfmeter samt der gelb-roten Karte für Felix Strauss entscheidend. Der Elfer war hart, aber vertretbar, Gelb-Rot war aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt, denn nicht jedes Elfmeterfoul ist Gelb. Altach muss sich aber eingestehen, dass schon vor dieser Szene fast nichts zusammenlief.

Der Kopf entscheidet
Felix Strauss verschuldete in Hartberg einen Elfmeter, die Ampelkarte, die er für das Elferfoul kassierte, brachte ihn zur Verzweiflung und sorgt weiter für Diskussionen. GEPA

Die Ansage des Trainers vor der Hartberg-Partie

„Es ist das wichtigste Spiel, seit ich hier Trainer bin.“ Eine solche Aussage im Nachhinein zu bewerten, ist immer einfach, weil man weiß, wie das Spiel ausgegangen ist. Grundsätzlich hat jeder Spieler gewusst, wie wichtig die Partie ist, alleine schon deshalb, weil in Altachs Lage vier Runden vor Saisonende jedes Spiel richtungsweisend ist. Magnin wollte wahrscheinlich mit seiner Aussage die Spannung erhöhen, mein Eindruck war aber, dass die Spieler gehemmt waren. Die Nerven spielen im Abstiegskampf eine große Rolle. Wenn ein Spieler auf fünf Meter einen Pass nicht anbringt, passiert ihm das nicht, weil er das Fußballspielen verlernt hat. Sondern, weil er in diesem Moment dem Druck nicht standhält. Magnin hätte also meiner Meinung nach eher Druck herausnehmen sollen. Das andere Problem bei der Aussage von Magnin ist, dass er diesen Kommentar jetzt nochmals toppen muss, denn das Spiel gegen Ried ist jetzt wirklich das wichtigste Saisonspiel. Und wenn man das gewinnt, ist das Spiel bei der Admira das wichtigste Spiel. Im Optimalfall wartet am letzten Spieltag ein echtes Endspiel gegen Wattens, das ist dann noch mal viel wichtiger als die Partie gegen die Admira.

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SCRA-Trainer Ludovic Magnin stellte gegen Hartberg gleich auf fünf Positionen um und erhöhte den Druck auf seine Mannschaft. APA

Altachs Kritik am VAR
Diese öffentliche Kritik am VAR ist meiner Meinung nach eine Reaktion auf den Druck, der auf den Verantwortlichen lastet. Altach will sich kämpferisch geben, man will zeigen, dass man sich gegen den Abstieg wehrt und nichts unversucht lässt. Ich werte das also vor allem als Signal an die Fans: Seht her, wir lassen uns nicht unterkriegen. Man will dadurch ein Wir-Gefühl erzeugen. Im Sinne von: Wir müssen zusammenhalten, weil die da draußen sind alle gegen uns. Der Elfmeter gegen Hartberg war jedoch ein schlechtes Beispiel, der VAR musste in dieser Szene eingreifen, denn es lag ein Kontakt vor. Und am Ende hat der Schiedsrichter ja selbst auf Elfmeter entschieden und nicht der VAR. Schon richtig ist, dass viele 50:50-Entscheidungen gegen Altach ausfallen. So läuft das eben, wenn man unten steht, da waren aus Sicht vom SCRA ärgerliche Entscheidungen dabei. An der jetzigen Altacher Situation ist dennoch sicher nicht der VAR schuld. Vielleicht tut es trotzdem allen in Altach gut, etwas Dampf abzulassen. Solange es nicht zum Alibi wird, ist das schon okay.

Der Kopf entscheidet
Die Altacher haderten zuletzt offen über die VAR-Entscheidungen. APA

Der schmale Grat zwischen Fehler-Analyse und positiver Stimmung
Man muss das Hartberg-Spiel dringend aufarbeiten, wichtig ist dabei aber eine positive Kommunikation. Ich kenne den Druck in solchen Situationen aus eigener Erfahrung, entscheidend ist, dass man nicht gehemmt ins Spiel geht. Der Abstiegskampf wird im Kopf entschieden, nicht mit den Füßen.
Die eineinhalbwöchige Pause zwischen dem Spiel in Hartberg und dem Heimspiel gegen Ried.

Die Pause spielt Altach in die Karten

Dadurch hat man die Möglichkeit, gewisse Dinge anzustoßen. Es gilt jetzt, jede noch so kleine Chance zu nützen, das Momentum zu verändern. Zu meiner Zeit haben wir in vergleichbaren Situationen Teambuildings gemacht. Es geht um alles oder Nichts, in so einer Phase muss die Mannschaft noch enger zusammenrücken. Da reicht es meiner Meinung nach nicht, die Dinge einfach so laufen zu lassen. Denn so ändert sich meistens nichts. Ich bin mir zum Beispiel unsicher, ob es eine logische Entscheidung war, nach dem LASK-Spiel zurück nach Altach zu fahren und nicht auswärts die Zeit bis zum Spiel in Hartberg zu nützen, etwas als Team zu unternehmen. So ein gemeinsamer Nachmittag abseits vom Platz bewirkt manchmal mehr als das intensivste Training. Man hätte auch mal so richtig alles ausdiskutieren können. Taktisch lässt sich vor solchen Entscheidungsspielen fast nichts mehr verbessern. Was zehn Monate nicht funktioniert hat, klappt auch nicht in den letzten drei Wochen, noch dazu bei dem großen Druck. Ein wichtiger Schritt war, dass gegen Ried freier Eintritt ist. Ich bin überzeugt, dass um die 4000 Zuschauer im Stadion sein werden, und hoffe, das wird die Mannschaft beflügeln.

Über Sinn und Unsinn eines Kurz-Trainingslagers
Ich würde ein Trainingslager abhalten. Zumindest würde ich als Verantwortlicher die Stimmung dazu mit dem Trainer und dem Mannschaftsrat ausloten.

Kein Winter-Neuzugang hat konstant überzeugt

Man hat sich mit Christoph Monschein und Gianluca Gaudino prinzipiell namhaft verstärkt im Winter, beide sind aber wie Mickaël Nanizayamo und Bakary Nimaga mit wenig Spielpraxis nach Altach gekommen. Das war ein Risiko. Von Gaudino hat man in Altach sicherlich mehr erwartet, aber er hat nach wie vor die Chance, der entscheidende Mann für den Klassenerhalt zu werden. Realistischerweise beschäftigen sich Spieler wie er schon mit der Zukunft und denken darüber nach, wohin sie im Sommer wechseln. Normalerweise kann man das als Spieler auf dem Platz abschütteln. Weil man im Spiel den Tunnelblick hat. Im Abstiegskampf gibt es aber nach Gegentoren schon Momente, da holen einen die Ungewissheit und all die Zweifel wieder ein. Und dann spielt man eben einen Fünf-Meter-Pass ins Aus.

Der Kopf entscheidet
Winter-Zugang Gianluca Gaudino konnte bislang zu selten überzeugen, von ihm haben sich die Altacher sicherlich mehr versprochen. Der Deutsche muss nun liefern. GEPA

Das Heimspiel gegen Ried
Gegenüber dem Spiel in Hartberg muss alles besser werden, wobei das genau die negative Formulierung ist, die ich als Trainer nicht verwenden würde. Ich würde zur Mannschaft sagen: Wir müssen wieder so spielen wie in den ersten sechs Spielen in der Qualifikationsgruppe. Gegen Ried ist es wichtig, gleich die Zuschauer abzuholen, es gilt, offensiv zu beginnen, die Rieder sind mental angeschlagen, das heutige Cup-Finale gegen Salzburg ist nicht unbedingt ein Vorteil für sie. Gegen Ried zählt nur ein Sieg und mein Gefühl sagt mir, dass Altach tatsächlich gewinnt.

Altachs Chancen im Abstiegskampf
Als Altacher durch und durch sage ich, die Chancen stehen 50:50, gewinnt man gegen Ried, würde ich die Chancen mit 70:30 bewerten. Bei einer Niederlage kann zwar rechnerisch noch was drin sein, aber aus meiner Sicht wäre Altach dann … nein, ich will das Wort nicht aussprechen. Aber ganz egal, wie die Saison ausgeht: Nach dem letzten Spieltag muss es eine schonungslose Analyse geben. Denn man hat in dieser Saison das eigene Potenzial nicht ausgeschöpft.

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