„Ich konnte meinen Traum leben“

Interview. Rennrodler Jonas Müller (28) hat seine Karriere beendet. Im zweiten Teil seines großen Abschiedsinterviews lässt der Bludenzer Welt- und Europameister sowie zweifache Olympiamedaillengewinner in seine Seele blicken.
Sie haben im ersten Teil unseres Gesprächs ausführlich darüber gesprochen, wie wichtig Ihnen als Athlet der Teamgeist war und wie sehr Sie die familiäre Atmosphäre unter den Teamkollegen geschätzt haben. Aber: Waren Sie auf Reisen lieber in einem Einzelzimmer oder einem Doppelzimmer?
Jonas Müller: In den meisten Jahren meiner Jahre war ich extrem gerne im Doppelzimmer, mein Zimmerpartner war Wolfgang Kindl. Dann hat es sich eher zufällig ergeben, dass ich mal auf einem Einzelzimmer gelandet bin. Das kam daher, weil Wolfi Kindl mit Thomas Steu ein neues Doppelsitzer-Duo gebildet habt und sie dadurch auch Zimmerkollegen wurden.
Steu und Kindl treten seit der Saison 2023/24 gemeinsam bei den Doppelsitzern an, Steu war davor mit Lorenz Koller ein Duo, der dann aber seine Karriere beendet hat.
Müller: Genau. Und weil Wolfi mit Thomas auf einem Zimmer war, habe ich ein Einzelzimmer bekommen. Ich habe es dann sehr schnell sehr zu schätzen gelernt, hinter mir auch mal die Türe zumachen und für mich sein zu können. (lacht)
Ist das vielleicht auch eine Frage des Alters?
Müller: Wahrscheinlich. Du entwickelst mit den Jahren immer mehr deinen eigenen Rhythmus. Gleichzeitig bist du von den Teamkollegen ja nicht abgeschnitten, nur weil du ein Einzelzimmer hast. Die anderen sind in den Zimmern neben dir untergebracht, und natürlich haben wir trotzdem viel Zeit miteinander verbracht. Der Vorteil bei einem Einzelzimmer ist einfach, dass man sich zurückziehen kann, wenn einem nach Ruhe ist.
Wenn wir von Rhythmus sprechen, ist natürlich auch entscheidend, ob Sie eher früher oder später schlafen gehen und ob Sie Frühaufsteher sind oder nicht. Das sind alles Gewohnheiten, die mit denen des Zimmerkollegen zusammenpassen sollten?
Müller: Ich war nie der Frühstückstyp, ich brauche das nicht, gerade auf Reisen habe ich mir gedacht, dass ich lieber zwanzig Minuten länger liegen bleibe, als mich da zwanghaft in der Früh an den Tisch zu setzen. Am Abend bleibe ich gerne etwas länger wach – und wie Sie es richtig sagen: Diese Gewohnheiten sollten zum Zimmerkollegen passen, ansonsten wird’s auf die Dauer stressig.


Wie ist das eigentlich, wenn man sich final dazu entschließt, die Karriere zu beenden: Tauchen dann die ganzen Erinnerungen in einem auf?
Müller: Ja, aber wie wir das im ersten Gesprächsteil besprochen haben, sind es weniger die Erinnerungen an die Erfolge, sondern das Drumherum, Erinnerungen an die vielen Reisen, die vielen Nächte in den Hotelzimmern, den Spaß, den wir hatten. Am meisten fehlen wird mir definitiv, den Alltag mit meinen Freunden zu verbringen. Ich werde es vermissen, mit Thomas Steu, mit meinem Bruder Yannick und all den anderen unterwegs zu sein. Ich bin nämlich jemand, der sehr gerne reist, ich habe es auch immer genossen, am Flughafen die Menschen zu beobachten: Die einen machten einen gestressten Eindruck, die sind wie Getriebene herumgelaufen, den anderen war die Vorfreude auf die Reise ins Gesicht geschrieben, manche wirkten sehr abgeklärt und ruhig. Auch das sind Erinnerungen, die bleiben. Aber die Motivation war einfach nicht mehr groß genug, nochmal eine Saison dranzuhängen. Klar: Die Heim-WM in Igls hätte mich schon irgendwie gereizt. Ich habe mich nur offen und ehrlich gefragt, ob der Reiz so groß ist, dass ich bereit bin, nochmal eine harte Vorbereitung zu absolvieren, nochmal knapp ein Jahr lang alles dem Rodelsport unterzuordnen. Und das musst du, wenn du vorne mitfahren willst.
Was für einen so erfolgreichen Rodler wie Sie natürlich der Anspruch gewesen wäre.
Müller: Nur mitfahren, um dabei zu sein, nein, das wäre für mich nicht infrage gekommen. Zumal ich es ja so erst nicht zur WM nach Igls geschafft hätte. Du muss als Spitzensportler brennen, sonst macht es keinen Sinn mehr. Ich habe mich natürlich auch gefragt, ob die Spiele 2030 in den französischen Alpen noch was für mich wären, der Olympiasieg würde mir ja noch fehlen. Aber vier Jahre? Nein. Das war mir sofort klar, dass mir das zu lang ist, und wenn du die Frage nach einer weiteren Olympiakampagne so klar beantworten kannst, dann ist eigentlich auch offensichtlich, dass du ein Stück weit mit dem Rennsport abgeschlossen hast. Sonst würdest du nämlich sagen: Ich hänge jetzt mal ein Jahr dran, und dann schauen wir weiter.
Welche Hoppalas sind Ihnen denn im Laufe der Jahre so passiert?
Müller: (Überlegt lange) An was für eine Art Hoppala haben Sie gedacht?
Hubert Strolz saß bei den Olympischen Spielen 1988 beim Super-G noch am Sessellift, als das Rennen schon begonnen hatte. Er kam im letzten Augenblick im Starthaus an – wäre er zu spät gewesen, wäre sein Startrecht verwirkt gewesen.
Müller: Wir hatten letztes Jahr mit den Letten zusammen eine Trainingsgruppe in Norwegen. Damals habe ich unter dem Fahren eine Schiene verloren. Der lettische Starttrainer hat mir noch dabei zugesehen, wie ich vor meinem Lauf die Schiene angeschraubt habe, dann bin ich losgefahren und unter der Fahrt dachte ich mir dann: Irgendwas ist ganz komisch, ich bin nur noch am Rutschen. Dann habe ich plötzlich ein Geräusch gehört und gesehen, wie eine Schiene schräg weghängt, bis ich sie dann hinter mir auf dem Eis klimpern gehört habe. Da wusste ich, dass die Schiene abgefallen war. Es ist zum Glück nichts passiert; die Letten an der Bahn haben aber ganz große Augen gemacht. Niemand konnte sich an einen Fall erinnern, bei dem sowas je schon mal passiert ist. Trotzdem habe ich dann nur noch Schrauben verwendet, die sich nicht lösen konnten. (lacht)
Und haben Sie mal was auf dem Zimmer oder sogar zu Hause bei der Abreise vergessen? Anita Wachter hat vor Ihrem Olympiasieg in Calgary die Skischuhe im Hotelzimmer übersehen?
Müller: Wie ist die Geschichte ausgegangen?
Die Sache war nicht ohne. Das Skigebiet war über 50 Kilometer vom Hotel entfernt, aber ein Trainer war noch im Hotel und brachte die Skischuhe nach.
Müller: Ich wollte schon antworten, dass ich mich nicht erinnern könnte, mal was vergessen zu haben, weil ich als Athlet ziemlich strukturiert war. Aber die Geschichte mit den Skischuhen haben mich an was erinnert, das mir eigentlich sofort einfallen hätte müssen, weil mir das beim letzten Rennen passiert ist. (lacht) Und zwar in St. Moritz vor dem allerletzten Lauf meiner Karriere. Als Rodler musst du vor deinem Lauf immer dein Visier einlassen, damit es unter der Fahrt nicht anläuft. Das habe ich bei jedem einzigen Lauf in meiner Karriere gemacht. Ich habe das kein einziges Mal vergessen. Wir hatten für das Einlassen ein spezielles Reinigungsmittel und ein Tuch. Vor dem zweiten Durchgang in St. Moritz war ich mir felsenfest sicher, dass ich mein Visier bereits eingelassen hatte. Ich war auf dem Schlitten, habe mich beim Start zu den Griffen vorgebeugt, um mich abzustoßen, die Ampel schaltet auf grün – und zack: Mein Visier war angelaufen. Das hat mir den letzten Lauf etwas versaut, aber irgendwie war’s auch lustig.
Stand denn zu diesem Zeitpunkt schon fest, dass Sie aufhören?
Müller: Lassen Sie es mich so sagen: Mir war vor Cortina recht klar, dass meine ersten Spiele zugleich die letzten sein würden.
2022 haben Sie die Qualifikation für Peking verpasst.
Müller: Das war sicherlich der Tiefpunkt in meiner Karriere, ich habe schon damals über ein Karriereende nachgedacht. Ich habe dann eigentlich nur weitergemacht, weil in der Folgesaison die WM auf meiner Lieblingsbahn in Oberhof stattfand. Ich dachte mir: Die WM 2023 nehme ich noch mit – und dann lass’ ich es bleiben. So niedergeschlagen war ich. Ich bin dann in Oberhof Weltmeister geworden und habe zwei Silbermedaillen geholt, das hat mich angestachelt. Diese Erfolge haben meine Meinung völlig verändert. Danach war ich felsenfest dazu entschlossen, die drei Winter bis zu Cortina 2026 durchzuziehen. Ich bin sehr froh, dass ich bis Cortina weitergemacht habe, ich glaube, mich hätte das ein Leben lang geärgert, wenn ich 2022 nach der verpassten Olympia-Qualifikation aufgehört hätte. Das wäre das falsche Ende gewesen. Meine beiden Silbermedaillen von Cortina zeigen, dass es die richtige Entscheidung war weiterzumachen.
Wir haben über so viel Positives gesprochen. Auf welche Erinnerungen könnten Sie gerne verzichten?
Müller: Meine Erfahrungen in Altenberg. Mir ist nie was Gröberes passiert auf der Bahn, aber irgendwann ist der Respekt vor der Bahn in Angst umgeschlagen. Die Angst ist von Jahr zu Jahr größer geworden, bis ich 2025 beschlossen habe, das Rennen auszulassen. Ich hatte einfach ein schlechtes Gefühl.
Ich finde, das hat eine Größe zu sagen: Nein, ich weiß nicht genau warum, aber auf dieser Bahn habe ich Angst und ich bin mir selbst so wertvoll, dass ich mir dieses Gefühl der Unsicherheit nicht mehr antue. Aber haben die Konkurrenten ihre Entscheidung als Schwäche ausgelegt und Psychospielchen ausgepackt?
Müller: Die Teamkollegen haben das ein oder andere Späßchen gemacht. Ich konnte da aber mitlachen. Was mir nicht so gefallen hat war, dass mein Verzicht ein immer größeres Medienthema wurde und mir das teilweise echt als Schwäche ausgelegt wurde. Für mich war das unverständlich. Ich meine, ich liege auf dem Rennrodel und fahre mit einem Tempo über die Bahn, mit dem man bei uns in Österreich auf der Autobahn geblitzt wird – und nicht die, die es besser wissen. Nur ich stecke in meiner Haut. Eigentlich ist die Bahn gar nicht so schwierig, aber die Angst war da, jedes Mal, wenn ich am Start stand. Darum ist mir dann die Entscheidung auch nicht schwer gefallen, nicht mehr nach Altenberg zu fahren. Mir war schon klar, dass der ein oder andere über mich lachen wird, aber das war mir egal. Mir war einfach wichtig, nicht mehr in Altenberg fahren zu müssen.

Noch in 100 Jahren wird man in Vorarlberg vor Olympischen Winterspielen an ihre beiden Olympiamedaillen erinnern – und sei es nur bei der Aufzählung aller Vorarlberger Olympiamedaillengewinner. Sie sind, wie es so schön heißt, als Athlet unsterblich geworden. Was bedeutet Ihnen das?
Müller: Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass so was emotionslos an mir vorübergeht. Vom ÖOC ist mir mitgeteilt worden, dass ich als Medaillengewinner bei Olympischen Spielen im Österreich-Haus immer herzlich willkommen bin. Diese Wertschätzung zu erfahren macht mich stolz, auch wenn Sport nicht alles im Leben ist. So viel mir meine Erfolge bedeuten, so sehr mein Feuer immer gebrannt hat: Die Familie, meine Freunde waren mir immer wichtiger als die Frage, ob ich auf der Bahn ein paar Tausendstel schneller oder langsamer bin.
Anders gefragt: Was macht das mit Ihnen, dass Sie ab jetzt ein Vorbild sind?
Müller: Das ist cool, aber gar nicht wegen mir persönlich. Mir gefällt einfach der Gedanke, dass die Kids und Jugendlichen mich und Thomas Steu als Ansporn nehmen und uns die Erfolge nachmachen wollen. Thomas und ich haben sechs Olympiamedaillen gewonnen, aber keine in Gold. Vielleicht kann das ja irgendwann ein Vorarlberger Rodler toppen. Mit der neuen Rodelbahn in Bludenz gibt es die Voraussetzungen dafür. Aktuell sind beim RC Sparkasse Bludenz 30 Kinder aktiv, die Ältesten haben es bereits zum Junioren-Nationalteam geschafft. Wenn meine Erfolge einen kleinen Teil dazu beitragen, dass der Rodelsport in Vorarlberg weitergelebt wird und Bludenz eine Rodelstadt bleibt, dann würde mir das mehr bedeuten, als wenn in 30 Jahren in den Zeitungen bei den Olympiamedaillengewinnern mein Name abgedruckt ist. Wissen Sie, Rodeln hat in Bludenz so eine Tradition, wie oft bin ich auf der Straße von älteren Leuten angesprochen worden, die mir erzählt haben, dass sie vor vielen Jahren Staatsmeister waren. Diese Tradition soll bitte weitergehen!
Wie schwierig ist es eigentlich, in Vorarlberg vom Rennrodelsport zu leben?
Müller: Der österreichische Rodelverband ist ein sehr stark aufgestellter Verband, das Land Vorarlberg hat mich unterstützt, die Stadt Bludenz. Außerdem war das Bundesheer ein sehr treuer und wichtiger Partner für mich, nicht zu vergessen das Olympiazentrum Vorarlberg, auch meine Sponsoren waren loyal zu mir. Als Profisportler hast du immer Herausforderungen, aber die waren sehr gut bewältigbar in diesem Umfeld. Ich bin sehr dankbar, dass ich meinen Traum vom Rennrodelsport leben konnte, auch darum würde es mir viel bedeuten, wenn ich dem heimischen Rodelsport als Vorbild etwas zurückgeben könnte.
Kann es passieren, dass Sie als Zuschauer in Igls mal sagen: Ich würde gerne eine Fahrt machen?
Müller: Das wird sogar ziemlich sicher passieren. Vom alten Damenstart aus müsste das auch noch in ein paar Jahren möglich sein, vom Herrenstart aus schon bald eher nicht mehr. Ich war 21 Jahre Rennrodler, das von heute auf morgen so ganz loszulassen ist schwierig.

Welchen Weg hätten Sie eingeschlagen, wenn Sie nicht Rennrodler geworden wären?
Müller: Das ist ganz schwierig zu beantworten, ich habe mit 7 Jahren angefangen und spätestens mit 13 oder 14 war mir klar, dass ich den Sport professionell machen möchte. Die Schule war nichts für mich. Ich habe dann eine Malerlehre beim Malerbetrieb Liepert in Bludenz angefangen – so ein bisschen aus Kalkül heraus, weil ich wusste, dass Maler im Winter nicht ganz so viel zu tun haben. Mein Chef hat mich wirklich riesig unterstützt.
Wie geht es weiter bei Ihnen?
Müller: Ich habe ein paar Ideen, muss aber erst noch mit dem Bundesheer meine Weiterbildungsmöglichkeiten abklären. Vielleicht fange ich an zu studieren, aber das hängt auch von meinen privaten Plänen ab, womöglich werde ich davor ein, zwei Jahre in den USA bei meiner Freundin leben. Aber ich werde sicher zurückkommen.
Bleibt noch: Was werden Sie als Rennrodel-Pensionist ganz sicher nicht vermissen?
Müller: Vor ein paar Tagen hat mit einem Starttraining in Telfs die Vorbereitung auf die neue Saison so richtig Fahrt aufgenommen. Diese Starttrainings in Telfs auf der flachen Eisebene ohne Startrampe haben immer um 7 Uhr angefangen. Wenn ich um 7 Uhr im Bett liege und daran denke, dass ich als Aktiver jetzt in der Kälte rumstehen müsste und mir einfällt, wie die Kälte immer in den Finger gefahren ist, das hat richtig weh getan, dann bin ich sehr froh, dass ich mir das nicht mehr antun muss. Ich habe es sehr genossen Rennrodler zu sein. Ich war mit ganz viel Herz Leistungssportler. Aber das ist vorbei, das Feuer ist erloschen, jetzt kann was Neues beginnen.