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„Vielleicht geht’s den Spielern heute zu gut“

30.08.2026 • 08:00 Uhr
„Vielleicht geht’s den Spielern heute zu gut“
Das Interview findet im Mittelkreis der Sporthalle am See statt. Alexander Kathrein und Thomas Huemer packen selbst mit an, um das Setting aufzubauen. Klaus Hartinger

Der Alpla HC Hard feiert im Herbst sein 40-jähriges Bestehen. Der Sportliche Leiter Thomas Huemer, der bei allen Harder Titelgewinnen in verschiedenen Rollen dabei war, und sein Vorstandskollege und Ex-Mitspieler Alexander Kathrein über den Wandel der Zeit.

Was waren denn die größten und wichtigsten Spiele, die ihr für den Alpla HC Hard bestritten habt?
Alexander Kathrein:
Ich durfte in meiner Karriere viele wichtige Spiele mit dem Alpla HC Hard bestreiten. Ganz spontan fällt mir die Finalserie von 2003 ein, als wir den ersten Meistertitel für Hard gewinnen konnten. Tief eingebrannt hat sich bei mir natürlich auch das Europacup-Finale gegen UCM Sport Reșița im Jahr 2008. Sehr wichtig für mich persönlich, aber auch den Verein, war die Halbfinalserie von 2012 gegen die Fivers, als wir nach drei dramatischen Spielen endlich wieder ins Endspiel einzogen. Davor waren wir mehrfach im Halbfinale gescheitert und das fast jedes Mal gegen die Fivers: Auch darum ist mir die Halbfinalserie von 2012 so in Erinnerung geblieben, weil es so ein bisschen einen Wendepunkt darstellte. Wir sind dann nach neun Jahren Wartezeit wieder Meister geworden, was der Beginn von vier Meistertiteln in Serie war, wobei ich dann nur noch bei der Titelverteidigung 2013 dabei war.
Thomas Huemer: Dem kann ich mich nur anschließen, Alex: Das waren die wichtigsten und prägendsten Partien. Ich bin ja kein gebürtiger Harder, sondern erst 2001 mit 25 Jahren von Linz zu den Roten Teufeln gekommen, als Hard noch ein junger, aufstrebender Verein war – und noch kein Titelsammler. Trotzdem hat Hard schon so um die Jahrtausendwende herum mit der Teufelsbar und anderen Innovationen Maßstäbe gesetzt in Österreich. In Hard herrschte eine einzigartige Atmosphäre, es war nicht nur für uns als Linzer immer ein Saisonhighlight, hier zu spielen, weil eine unglaubliche Euphorie und Dynamik spürbar waren. Es war daher dann auch das Größte für mich als junger Goalie, dass der Wechsel nach Hard gelang. Ich wollte den Wechsel unbedingt, obwohl es für mich ein lebensverändernder Schritt war, mein Umfeld zu verlassen. Hard wurde zu einer völlig neuen Lebenserfahrung für mich, weil Vorarlberg nicht mit den anderen Bundesländern vergleichbar ist, und damit meine ich nicht nur die Sprache. Vorarlberg ist anders, spezieller. Ich habe mich sofort in Land und Leute verliebt.
Kathrein: Dort arbeiten, wo andere Urlaub machen – trifft es das?
Huemer: Sogar auf den Punkt. Es fühlte sich sofort stimmig an, Hard hatte Flair. Wir haben damals ja noch unsere Heimspiele in Mittelweiherburg ausgetragen. Wenn wir heute so im Mittelkreis der Sporthalle am See sitzen und über die alten Zeiten sprechen, dann wird einem so richtig klar, was für eine Entwicklung dieser Verein genommen hat. Aber ich schweife ab.

„Vielleicht geht’s den Spielern heute zu gut“
Thomas Huemer blickt auf seine Anfänge in Hard zurück. Klaus Hartinger

Nein, gar nicht, genau so ist dieses Gespräch gedacht, also dass ihr beide quasi autonom ein Gespräch miteinander führt, ich setze dann und wann nur gewisse Leitplanken.
Huemer:
Spannend. Der emotionalste Erfolg meiner Karriere war sicherlich der Meistertitel 2003. Weil es der erste Titel von Hard war.
Kathrein: Noch dazu spielten wir im Finale gegen deinen Stammverein Linz.
Huemer: Du sagst es, das war ein unbeschreibliches Gefühl für mich. Ich habe danach in verschiedenen Rollen noch viele Titel mit dem Alpla HC Hard feiern dürfen, aber der erste Meistertitel, das war ein geschichtsträchtiger Moment, der alles verändert hat. In der darauffolgenden Saison haben wir dann in der Champions League gespielt. Das war ein Meilenstein, auch der hat den Verein für immer verändert. Die Vision war immer da: Von der Verbandsliga in die Champions League. Diese Zielsetzung hat der erste sportliche Leiter Peter Thurnher sogar verschriftlicht, das Dokument gibt es auch noch. Plötzlich spielten wir auf der größten Bühne, die es im Klubhandball auf der Welt gibt – und das sogar gegen den Titelverteidiger Montpellier.
Kathrein: Was hatten die für eine Mannschaft! Andrej Golić war schon Weltmeister, Nikola Karabatić hat später jeden gro­ßen Titel mehrfach gewonnen, Michaël Guigou, und, und, und. Das war ein Starensemble.
Huemer: Mladen Bojinović war auch dabei.
Kathrein: Solche Spiele vergisst du dein ganzes Leben nicht mehr. Unser Heimspiel gegen Montpellier haben wir ja in der Eishalle in Dornbirn gespielt.

Das muss elektrisierend gewesen sein, in so einer großen Halle Handball zu spielen.
Kathrein:
Das war es. Ich war damals noch sehr jung und habe ein Gefühl dafür gekriegt, wohin sich der Verein entwickeln könnte.
Huemer: Plötzlich vor so einer Kulisse gegen solche Mannschaften um Punkte zu kämpfen, das war, als hätten wir eine andere Welt betreten. Ich habe es vorhin schon angedeutet: Bei den anderen österreichischen Handballklubs war bei Heimspielen fast nichts los. Die Spielstätten waren mehr oder weniger alles Turnhallen, regulär haben wir unsere Heimspiele ja eben auch in der Schulturnhalle Mittelweiherburg ausgetragen, unsere Europacup-Spiele oder die großen Ligaspiele haben wir nach Lustenau in die Gymnasiumhalle verlegt, weil dort immerhin etwas mehr Zuschauer Platz hatten. Auch Bregenz spielte noch in der alten Halle in Schendlingen. Und dann füllen wir das Messestadion. Das war bahnbrechend.
Kathrein: Montpellier war uns natürlich überlegen, aber wir haben sie schon gefordert, das war das vielleicht wirklich Erstaunliche. Ich bin mir sehr sicher, dass es der Meistertitel 2003 sowie das volle Messestadion im Heimspiel gegen Montpellier war, das allen in und um Hard die Augen geöffnet hat, was alles möglich ist. In den Jahren danach hat eine Professionalisierung eingesetzt, die Halle hier ist das beste Beispiel. Diese Professionalisierung wünsche ich mir für alle österreichischen HLA-Klubs, denn nur dann kann sich unsere Liga nachhaltig weiterentwickeln. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir uns als Verein durchaus auch ein Beispiel an den alten Zeiten der Roten Teufel nehmen können.

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Alexander Kathrein vermisst die alten Tugenden beim Alpla HC Hard. Hartinger

Inwiefern?
Kathrein:
Wir Spieler haben damals noch die Spielankündigungsplakate aufgehängt, am Freitagabend haben wir in der Halle mitangepackt, um alles für die Zuschauer und die Spielaustragung vorzubereiten – und am nächsten Tag stand das Spiel an. Auch der Vorstand um Peter Thurnher, Klaus Metzler, Günther Lehner und wie sie alle hießen, waren am Freitagabend alle selbst noch in der Halle und haben geholfen. Einer der ganz großen Visionäre war vor allem auch Hans Wolff, der den Verein mit seinen Ideen über viele Jahre geprägt hat. Er hat die Teufelsbar ins Leben gerufen, seine Frau Christine hat zusammen mit Manuela Thurnher den VIP-Klub geleitet. Wir mussten oft improvisieren, aber das war für alle in Ordnung und völlig normal. In der Gerätekammer wurde der VIP-Klub eingerichtet, die Gegner haben damals nach den Spielen gegen uns in Hard übernachtet, weil alle in der Teufelsbar feiern wollten. Korrigier’ mich, Huto, wenn ich das falsch in Erinnerung habe.
Huemer: Genau so war es!
Kathrein: Wir haben natürlich auch gefeiert und am Montag ging die Vorbereitung auf das nächste Spiel los. Das waren schöne Zeiten. Es ist heute auch schön, aber anders. Früher stand das Gemeinsame viel mehr im Mittelpunkt, dieser Gemeinschaftssinn hat etwas gelitten.
Huemer: Ich sehe noch vor mir, wie vor den Heimspielen am Freitagabend Manuela Thurnher die Getränke angeliefert hat und wir Spieler noch vor dem Abschlusstraining die Bier- und Mineralwasserkisten rauf in die Teufelsbar geschleppt haben. Das war zu Zeiten in der Mittelweiherburg quasi unser Aufwärmprogramm.
Kathrein: Wobei das schon eher nur die jungen Spieler getroffen hat. (lacht)
Huemer: So wie das eben in einer Mannschaft ist. Aber wir haben das nicht hinterfragt, das gehörte dazu.

Weil es ja letztendlich auch der Mannschaft zugute gekommen ist: Waren die Zuschauer versorgt, hat das ja auch die Stimmung in der Halle belebt – und die Leute kamen beim nächsten Heimspiel wieder.
Huemer:
So war das. Ein wichtiger Aspekt war dann auch, als Spieler wie Alex und ich dann zum Kreis der arrivierten Spieler aufstiegen, ich wurde dann ja Kapitän, diese Gepflogenheiten und Verhaltensweisen der neuen junge Garde zu vermitteln. Da waren einige dabei, die solch einen gelebten Zusammenhalt nicht gekannt haben. Und da ging es nicht nur um Erledigungen in der Halle, du bist vor Heimspielen auch zum Bäcker und hast als Spieler das Brot für die Verpflegung der Zuschauer abgeholt. Das war natürlich unprofessionell, aber es war sehr familiär, wir waren uns als Mannschaft und als Verein alle sehr, sehr nah. Heutzutage wäre das alles nicht mehr vorstellbar.

„Vielleicht geht’s den Spielern heute zu gut“
Freitag, 17. Oktober 2003: Hard richtet sein Champions-League-Heimspiel gegen Montpellier im Dornbirner Messestadion aus. 4000 Zuschauer strömen in die Eishalle. Das Spiel verändert den Harder Handballklub. NEUE-Archiv

Das ist genau die Frage, die mir bei diesen Erzählungen im Kopf herumspukt: Würde das dem ein oder anderen Spieler heute nicht gut tun, wenn er solche Vereins­aufgaben übernehmen müsste?
Kathrein:
Absolut. Wir diskutieren heute im Vorstand und unter den Verantwortlichen oft darüber, wie wir das Flair von früher mit den damaligen Werten wieder mehr bei uns im Verein etablieren können. Denn das, worüber wir gerade gesprochen haben, das hat den Alpla HC Hard ausgemacht. Das waren die Roten Teufel. Wir sind zusammen durch dick und dünn. Und wenn ich davon spreche, dass wir diese Werte, diesen Gemeinschaftssinn zurückholen wollen, dann meine ich das nicht nur in Bezug auf die Spieler der HLA-Mannschaft, sondern, das muss bei der Jugendarbeit beginnen. Ich finde es wirklich außergewöhnlich, dass wir im Rahmen dieses Interviews darauf zu sprechen kommen, denn das ist in der Tat eines der Themen, das uns intern beschäftigt: Geht es den Spielern bei uns vielleicht ein bisschen zu gut? Sind sie zu sehr in der Komfortzone? Natürlich stellt sich auch die Frage, inwieweit diese alten Verhaltensmuster überhaupt noch in den heutigen Alltag integriert werden können. Vielleicht ist nicht mehr alles so umsetzbar wie es damals war, aber ich verwehre mich dagegen, dass heute nicht mehr akzeptabel sein soll, was früher völlig normal war.

Zumal die Spieler durch solche Helfertätigkeiten einen Einblick in das Vereinsleben bekommen und sie damit eine Ahnung davon kriegen, was es alles braucht, um ein Heimspiel oder generell den Spielbetrieb zu stemmen?
Huemer:
Ich glaube, jetzt sind wir am Punkt. Wir achten schon darauf, dass wir unsere Jugendmannschaften wieder mehr einbinden, dass die Nachwuchsspieler vor dem Alpla-Sommercup oder der Saisonabschlussfeier mithelfen. Und da passieren dann seltsame Dinge, die würde man für völlig unmöglich halten. Du erlebst, wie 14- oder 15-Jährige zum ersten Mal eine Bierbank tragen und völlig überrascht sind, wie schwer solche Bänke sind – und sich dann die Frage stellen, wer sich diese Schlepperei denn antut. Und wie und warum. Du erlebst, wie die Jugendlichen überfordert sind, einen Grill von A nach B zu transportieren. Viele Teenager sind heute so tief in der digitalen Welt verankert, dass sie den Bezug zu manchen Alltagsbereichen komplett verloren haben. Das ist nicht gut, und ich empfinde das schon auch als eine Aufgabe von uns, dieser Entwicklung als Verein entgegenzuwirken.
Kathrein: Wir als Alpla HC Hard führen ja auch abseits des Handballspielbetriebs viele Veranstaltungen durch wie den Stundenlauf oder das Jugend-Rasenturnier, das eine riesengroße Veranstaltung ist. Würden wir als Verein nicht zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen, wäre es völlig unmöglich, solche Events durchzuführen.

Geht es auch darum, den Wert des Ehrenamts aufzuzeigen und generell die Jugend dafür zu sensibilisieren, dass man nicht alles des Geldes, sondern auch der Sache wegen tun sollte? Also dass nicht alles, was einen Wert hat, auch einen Preis hat?
Kathrein:
Richtig, die Jugendspieler, aber auch die Spieler der Kampfmannschaft müssen erleben, wie ein Verein funktioniert und dass ohne Ehrenamt und ohne Idealismus die Basis für die Zukunft fehlt. Es gibt so viele, die aus Liebe zum Verein etwas beitragen, das darf nicht aussterben, dieser Gemeinschaftssinn hat uns als Harder groß gemacht.

„Vielleicht geht’s den Spielern heute zu gut“
Ortswechsel in die Kabine: Kathrein und Huemer lassen alte Zeiten wiederaufleben.
Klaus Hartinger

Aber dann kann Ihnen ja überhaupt nicht gefallen haben, wie Ihre Mannschaft vor ein paar Monaten nach dem Viertelfinalaus gegen die Fivers reagiert hat: Es heißt, schon nach 20 Minuten sei mehr als die halbe Spielerkabine leer gewesen – das ist das Gegenteil dessen, wovon Sie beide gerade gesprochen haben?
Huemer:
Der ganz harte Kern der Mannschaft war schon länger da, aber es stimmt, die Enttäuschung war bei dem ein oder anderen so groß, dass er sich dieser unmittelbaren Aufarbeitung nicht gestellt hat. Was natürlich auch mit den eigenen Ansprüchen zu tun hat, aber gerade nach Niederlagen muss man schon zeigen, dass man als Mannschaft zusammengehört. Wir als Verantwortliche haben natürlich das Gespräch gesucht an diesem Abend, bei einigen war es jedoch vielleicht sogar besser so, dass sie erst mal eine Nacht darüber schlafen konnten. Gefallen hat uns das nicht, da mache ich keinen Hehl daraus. Es ist auch für uns als Verantwortliche eine Gratwanderung. Auf der einen Seite wollen wir so nahe wie möglich an der Mannschaft und den handelnden Personen dran sein, andererseits müssen wir auch Leistung und ein gewisses Verhalten einfordern. Es weiß jeder, dass wir als Alpla HC Hard einen Anspruch haben, und nochmal, damit meine ich nicht nur den Erfolg, sondern auch, dass wir familiär bleiben.

Und das meine ich: Familiär sein bedeutet doch auch, in solchen bitteren Momenten zusammenzustehen? Auch im Wissen, dass nach so einer Enttäuschung dann seitens der Vereinsführung vielleicht auch mal harte Worte fallen – aber das ist dann halt so.
Kathrein:
Ich könnte nicht noch mehr zustimmen. Es geht nicht darum, unmittelbar nach dem Spiel die Partie zu analysieren, aber es wäre in so einer Situation schon wichtig, dass man in der Kabine offen ausspricht, was falsch gelaufen ist. Aus so einer Enttäuschung musst du die Lehren ziehen, dann nimmst du eine Energie in die nächste Saison mit, nennen wir es Trotz, nennen wir es Wut, nennen wir es Antrieb, nennen wir es Ehrgeiz. Denn das darf uns nicht noch mal passieren – und jeder muss dafür vom ersten Tag der Vorbereitung seinen Beitrag dazu leisten. Das ist der Schlüsselsatz: Jeder muss seinen Beitrag leisten.

Dieses Bewusstsein sollte aber doch nicht nur bei den Spielern individuell entstehen, sondern auch im Kollektiv, was nur geht, wenn dieser Funke in der Gemeinschaft entsteht?
Kathrein:
Sehr richtig. Nur dann verankert sich das in der Gruppe. Und es geht auch nicht nur darum, was in der Kabine passiert. Es geht auch darum, dass die Spieler nach so einer Niederlage auch auf die Fans zugehen und sich auf die Gespräche mit den Zuschauern einlassen. Wir waren früher als Spieler sehr nahbar, das hat uns auch geholfen und diese Nahbarkeit leben wir heute, so hoffe ich doch, auch als Verantwortliche.
Huemer: Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass der Abend gegen die Fivers anders ablaufen hätte müssen. Erst auf der Platte, dann im Nachgang mit den Reaktionen einiger Spieler auf das Ergebnis. Trotzdem gibt es Situationen, in denen du eine Schutzwand aufbaust, du kannst nicht immer mit jedem alles besprechen. Das wirkt dann zwar vielleicht arrogant, aber es ist ein Schutzmechanismus. Ich kann zum Beispiel während eines Spiels nicht irgendwo unten auf der Tribüne sitzen, weil du dort Spielereltern über den Weg läufst, die Trainerentscheidungen infrage stellen oder andere emotionale Aussagen tätigen. Ich stehe immer für solche Gespräche zur Verfügung – aber nicht während des Spiels, weil ich da selbst emotional viel zu aufgeladen bin. Da ärgere ich mich über Fehlwürfe, misslungene Pässe, Schiedsrichterentscheidungen. Und eine Minute später kannst du total verzückt über einen gelungenen Block oder einen fabelhaften Tempogegenstoß sein. Wenn du als Verantwortlicher so eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebst, dann bist du nicht in der Lage, ein sachliches Gespräch zu führen, weil deine Emotionslage immer von der nächsten Aktion abhängig ist. Deshalb sondere ich mich während des Spiels ab und bin ganz oben in der Halle. Das mag nicht immer sympathisch wirken, aber es ist notwendig, um mich auf das Spiel konzentrieren zu können. Aber, und da gebe ich dir, Alex, völlig recht, nach dem Spiel solltest du dich auch dann stellen, wenn es unangenehm wird.
Kathrein: Der Meinung bin ich auch. Erinner’ dich doch mal daran, wie das zu unserer Zeit war. Bei uns hat das doch die letzten zwei Prozent rausgekitzelt, wenn wir daran dachten, dass wir uns später in der Teufelsbar was anhören können von den Zuschauern. Oder noch schlimmer, wenn uns unser Trainer nach einer schlechten Leistung verboten hat, in der Teufelsbar zu feiern.
Huemer: Das klingt vielleicht banal, aber das war so.
Kathrein: Es war ein Ritual, dass wir uns alle nach dem Spiel an der Bar getroffen haben, unsere Freundinnen, die bei vielen heute die Ehefrauen sind, waren auch in der Halle und freuten sich wie wir Spieler auf einen schönen Abend. Den hatten wir aber nur nach einem Sieg. Jetzt kann man natürlich sagen, dass diese Zeiten mit heute nicht vergleichbar sind, weil es damals in der Nähe keine attraktiven Ausgehmöglichkeiten gab und sich die Mannschaft auch aus Mangel an Alternativen in der Teufelsbar getroffen hat. Aber das allein war es nicht. Wir wollten nach einer langen intensiven Trainingswoche mit dem Spiel als Höhepunkt der Woche den Abend zusammen verbringen, und nicht nur zusammen als Mannschaft, sondern auch zusammen mit den Fans. Ich finde das wichtig. Die Spieler müssen für die Zuschauer nach dem Spiel greifbar sein, und wenn es nach einer Niederlage mal Kritik setzt, vielleicht sogar so viel, dass einem die Lust auf ein weiteres Bier vergeht, dann stachelt einen das an. Aber wenn du dich nie unmittelbar mit den Meinungen und Reaktionen der Fans auseinandersetzt, dann verlierst du die Verbindung zur Basis. Gleichzeitig verlieren die Fans die Bindung zu den Spielern und nach und nach zu dem Verein. Denn dann sind die Spieler nur noch die da unten und nicht mehr die jungen oder nicht mehr ganz so blutjungen Männer, die man in der Teufelsbar ansprechen kann und mit denen man beim nächsten Mal im Einkaufsladen ins Gespräch kommt, weil man sich kennt.
Huemer: Womit sich der Kreis wieder schließt. Wenn wir davon reden, dass wir die alten Tugenden wieder bei uns einbürgern wollen, dann sind das genau die Details, die vielleicht unscheinbar wirken, aber den Unterschied ausmachen. Wenn die Zuschauer den Draht zur Mannschaft verlieren, dann fehlen vielleicht auch die letzten zwei Prozent bei der Unterstützung. Wir haben früher auch oft durch die Zuschauer die zweite Luft bekommen, das Publikum in Hard hatte immer ein sehr feines Gespür dafür, wenn wir ihre Unterstützung ganz besonders brauchten. Wir waren wie eine große Familie. Ich will nicht behaupten, dass diese Familiarität verloren gegangen ist, aber wir haben als Mannschaft zu wenig dafür getan, die Zuschauer so mitzunehmen, wie wir das früher getan haben.

Felix Gottwald hat zu mir gesagt: Wenn er ein Team zusammenstellen müsste, egal, in welcher Sportart, er würde darauf achten, dass es ein Team wäre, das auch verlieren kann. Weil im Erfolg sei es leicht, eine gute Stimmung zu haben. Hat er recht?
Kathrein:
Auf jeden Fall. Aber dir muss natürlich schon bewusst sein, dass ein Spieler anders denkt als ein Funktionär.
Huemer: Weil er heutzutage eben überhaupt keine Vorstellung mehr davon hat, was alles dahintersteckt, wie viele Menschen freiwillig sehr viel Zeit investieren, damit alles reibungslos abläuft. Das ist also schon auch eine Wertediskussion, und egal, welche Perspektive wir in diesem Interview einnehmen, am Ende kommen wir immer wieder auf diese Werte zurück.
Kathrein: Als Verantwortliche können wir nicht ins Tagesgeschäft eingreifen, weil wir damit den Trainer untergraben. Wir können auch nicht tagtäglich beim Training dabei sein, auch das würde die Position des Trainers schwächen. Als Vorstandsmitglied musst du darauf vertrauen, dass der Trainer als Führungsperson diese Vereinswerte vorlebt. Aber, und damit komme ich auf Ihre Frage zurück: Wie empfänglich die Mannschaft für eine solche Wertevermittlung ist, hängt natürlich schon sehr von den Spielern ab. Da waren wir in Hard früher mit echten Typen wie Dominik Schmid, Luca Raschle, Bernd Friede, Michael Knauth, Frédéric Wüstner und so vielen anderen wirklich gesegnet, zuletzt hatten wir zu wenige von diesen Typen. Deshalb haben wir bei der Kaderzusammenstellung für die Saison 2026/27 ganz besonders darauf geachtet, dass wir Spieler verpflichten, die charakterlich zu uns passen. Mir fällt dazu spontan Dagur Sigurdsson ein, dessen erste Personalentscheidung als österreichischer Nationaltrainer war, auf David Szlezak zu verzichten. Sportlich war das ein Verlust, aber es ging Sigurdsson darum, das Kollektiv zu stärken. Als Sigurdsson später in Deutschland Teamchef wurde, hat er auch sofort eine harte Entscheidung getroffen und Silvio Heinevetter nicht mehr nominiert, auch wieder mit dem Blick auf das Kollektiv. Oftmals reichen ein oder zwei Spieler schon aus, um eine Mannschaft auf zwischenmenschlicher Ebene aus der Balance zu bringen – und diese Entwicklung fängst du nicht mehr ein. Felix Gottwald hat völlig recht: Nur die Mannschaften stehen schwere Momente in einem Spiel oder einer Saison durch, deren Akteure sich auch in der Stunde der Niederlage gegenseitigen Respekt erweisen. Und das ist dann vielleicht auch eine nachgereichte Erklärung zu der Reaktion einiger Spieler nach dem Saisonaus gegen die Fivers im Viertelfinale: Nach Rückschlägen zeigt sich, ob ein Team eine echte Mannschaft ist oder nicht.
Huemer: Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen, mit Einsatz voranzugehen, auch das sind Werte, die wir wieder stärker einfordern. Denn auch das bedeutet Familie: Füreinander einzustehen.
Nächsten Sonntag: Die abenteuerlichen Europacup-Reisen.