Ohne Weltanschauung, mit Kunst die Welt neu anschauen

Die NEUE sprach mit Künstler Alexander Stark über Werke, Werdegang und seine kommende Solo-Ausstellung im Bregenzer Künstlerhaus.
„Wir erschaffen unsere eigene Realität“, bekräftigt Alexander Stark, der kurz zuvor noch an einer neuen Skulptur schweißte. Ursprünglich aus der Graffiti-Szene kommend, ist der multidisziplinäre Künstler ab dem 16. Jänner erstmals mit einer Solo-Show im Bregenzer Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis vertreten. Die NEUE traf ihn zu diesem Anlass in der Produktionshalle der Dornbirner Schlosserei Kalb, wo Stark an seiner Ausstellung „Don´t you see“ arbeitet.

Vertrauen
„Da sie mir vertrauen, kann ich hier vom Einkaufen, über Schleifen, Schweißen bis hin zum Lackieren den ganzen Entstehungsprozess vor Ort bewältigen“, zeigt sich der 1986 geborene Künstler dankbar. Ihm gefällt nicht nur das Hantieren mit modernen Anlagen und Werkzeug, es erinnert den gelernten Kfz-Mechaniker an wertvolle Erfahrungen aus Kindertagen. Sein Vater und Großvater hätten stets gebaut, repariert und ausprobiert. Dieses selbstverständliche Verhältnis zum Machen habe ihn geprägt. Dass immer weniger junge Menschen die Möglichkeit haben, sich spielerisch dem Handwerk zu nähern, registriert er daher mit Wehmut.

Der Künstler ist dennoch kein Kind von Traurigkeit. Das vermittelt auch sein Werdegang. Stets kreativ tätig, kam Stark erst vom Graffiti zur Fotografie, bis er sich die Felder Malerei und Skulptur in Eigenregie erschloss. So besuchte der Künstler keine Kunstakademie und war stattdessen in der Grafik-Branche tätig.

Freiheit
Dann kam das Jahr 2015. „Ich hatte eine wunderbare Freundin und einen Traumberuf. Obwohl alles, was ich mir vorgenommen habe, gelang, fehlte mir etwas.“ In der Reduktion wurde er fündig, genauer gesagt in der Nähe von Basel. „Freunde von mir bauten dort eine Hütte. Dort habe ich mich ohne Geld, Versicherung, Handy oder Strom auf das fokussiert, was in mir war. In dieser Freiheit konnte ich mich von gesellschaftlichen Ängsten und Strukturen loslösen.“
Die erste eigene Schau folgte im selben Jahr. Elf Jahre später bespielt er jetzt das ganze erste Geschoss des Künstlerhaus. „Ich zeige viele Neuinterpretationen älterer Serien, wobei jeder Raum einen anderen Charakter haben soll.“

Der Flügel über dem Eingang ist minimalistischer Objektkunst gewidmet, konkret mit Arbeiten aus der Schlosserei. Wie in früheren Ausstellungen Starks ist auch hier der Moiré-Effekt von zentraler Bedeutung. Dieser entsteht, wenn sich Muster überlagern und dabei neue, scheinbar bewegte Formen erzeugen. Linien beginnen zu flimmern, Flächen scheinen zu vibrieren, obwohl sich objektiv nichts verändert. Entscheidend ist der Standpunkt der Betrachtenden. Schon kleinste Bewegungen lassen andere Strukturen sichtbar werden.

Erfahrung
Diese Beschreibung ist fast deckungsgleich mit der Intention des Künstlers, dessen Arbeiten eine objektvermittelte Selbst- und Welt-Erfahrung erlauben sollen.
Im mittleren Bereich zeigt er eine Stempelserie. Jedes Bild entsteht aus unzähligen einzelnen Abdrücken, die intuitiv, ohne Planung gesetzt werden müssen. „Die Struktur funktioniert sonst nicht“, lacht Stark. Er begreift diesen Raum als Ort des Übergangs, zwischen Interaktivem und Kontemplativen.
Letzteres ist das Leitmotiv des parkseitigen Flügels. Mit Arbeiten aus den Serien „Atomos“ und „Fractal“ beherbergt er Leinwände, deren diffus-organische Motive eine seltsame Sogwirkung ausstrahlen. Die zerknitterten Formen folgen einem Rhythmus und legen durch überlappende Sprühungen Tiefe frei. Während die Arbeiten zum Moré-Effekt sich mit jeder Position verändern, ist hier entscheidend, dass sich die Besucher auf eine Entdeckungsreise einlassen, die zutage bringt, was sie in sich tragen.

Anschauung
„Don´t you see“ verspricht eine Ausstellung zu werden, die die Anschauung der Welt ohne dezidierte Weltanschauung in den Mittelpunkt rückt.
Die Schau wird am 16. Jänner eröffnet und kann bis zum 1. März besichtigt werden. Sie ist eine von drei gleichzeitig eröffnenden Ausstellungen. Währen die neuen Mitglieder der Künstlervereinigung (Veronika Breuer, Clemens Gächter, Valentin Hämmerle, Wolfgang Herburger, Irena Pejčić, Elena Schertler, Christopher Schneeweiß und Wolfang Winder) ihre Arbeiten traditionell im Keller präsentieren, sind die Malereien der Gast-Künstlerin Brigitte Spiegeler unter dem Titel „Dorthin, wo die Wanderlust die Wege vergoldet“ ausgestellt.