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“Am Tag X wird ein Lebenswerk vernichtet”

09.01.2026 • 20:00 Uhr
"Am Tag X wird ein Lebenswerk vernichtet"
Als Obmann des Vorarlberger Braunviehzuchtverbands hat Georg Freuis viele Einblicke in landwirtschaftliche Betriebe. Hartinger, Steurer

Interview. Es geht um weit mehr als Veterinärvorschriften und Seuchengesetze. Wenn ein Hof wegen Tuberkulose (TBC) gesperrt oder gekeult wird, stirbt ein Stück Familiengeschichte. Georg Freuis, Obmann des Vorarlberger Braunviehzuchtverbandes, über die Tage der Angst, den Verlust des Lebenswerks und warum manche Bauern daran zerbrechen.

Sie sind als Obmann sehr nah an den betroffenen Betrieben dran. Was macht so eine Situation mit den Menschen hinter den Kulissen?
Georg Freuis:
Das macht extrem viel mit den Leuten. Das Thema erhitzt die Gemüter sehr, weshalb ich dieses Interview ehrlich gesagt auch nur mit gemischten Gefühlen gebe. Ich finde es aber auch wichtig, dass jemand etwas dazu sagt, der einen unmittelbaren Einblick in die Thematik geben kann. Es ist psychisch ein unvorstellbarer Druck, der oft unterschätzt wird. Allein der Ablauf der Untersuchung ist eine Tortur: Die Bauern warten drei Tage lang – von der ersten Spritze bis zum Ablesen des Hauttests. Diese Ungewissheit ist extrem belastend. Und wenn man dann betroffen ist und der Betrieb gekeult wird, ist das vor allem auch emotional eine sehr schwierige Situation.

Das klingt drastisch.
Freuis:
Es ist so. Wir haben ja zu unseren Kühen einen ganz besonderen Bezug. Man trifft die Kuh morgens und abends, hat sie zwei Mal täglich beim Melken in den Händen, kennt ihren Charakter. Wenn das wegfällt, blendest du das nicht einfach aus. Die psychischen und familiären Auswirkungen sind enorm – geschweige denn die wirtschaftlichen.

Was bedeutet dieser „Tag X“ konkret für einen Züchter?
Freuis:
Wenn man Züchter ist, dann steckt da die Arbeit von Generationen drinnen. Bei uns am eigenen Hof gehen die Stammbäume bis 1953 zurück. Das hat mein Großvater aufgebaut, mein Vater weitergeführt. Das können Sie nicht einfach ersetzen. Das ist wie bei einer Antiquität oder einem Unikat: Wenn es weg ist, ist es weg. Punkt. Am Tag X wird bei einem betroffenen Betrieb das Lebenswerk vernichtet, da wird ein Schlussstrich gezogen und dann steht der Lastwagen da.

Wie geht man damit um, wenn der Stall plötzlich leer ist? Ist das „nur“ ein finanzielles Problem?
Freuis:
Nein, Geld ersetzt nicht die Emotion. Eine Versicherung deckt vielleicht den materiellen Wert, aber den emotionalen Schaden kann niemand bezahlen. Und auch der Wiederaufbau ist alles andere als einfach. Man muss erst einmal neue Kühe kriegen. Wenn man Tiere aus verschiedensten Betrieben zusammenkauft, ist das, als würde man Kinder aus 15 verschiedenen Schulklassen zusammenwürfeln. Da gibt es Rangkämpfe, Stress, das funktioniert oft nicht reibungslos. Bis so eine Herde wieder harmoniert, vergehen Monate.

Sie haben erwähnt, dass manche Bauern daran zerbrechen.
Freuis:
Die Landwirtschaft ist extrem unter Druck. Ich kenne viele Alpen, die unterbesetzt sind, weil die Leute diesen psychischen Druck nicht mehr aushalten. Ich könnte sofort fünf aufzählen, die sagen: „Ich steh das nervlich nicht mehr durch, immer wieder die gleiche Diskussion, die gleiche Angst.“ Wenn man morgens aufsteht, melkt, füttert und weiß, es ist eigentlich für die Katz, weil jederzeit die Sperre kommen kann – das zermürbt einen.

Viele Bauern empfinden die strengen TBC-Regeln hierzulande als ungerecht, wenn sie in die Supermarktregale schauen. Zurecht?
Freuis:
Das ist für viele der größte Aufreger. Wir in Vorarlberg haben weltweit mit die höchsten Standards. Wenn bei uns der Verdacht aufkommt, wird rigoros gesperrt. Gleichzeitig importieren wir Lebensmittel aus Ländern, wo TBC ein viel größeres Thema ist, oder schließen Handelsabkommen wie Mercosur mit Südamerika ab. Dort gibt es Feedlots mit 20.000 Rindern, das ist Massentierhaltung, die man mit unserer Alpwirtschaft gar nicht vergleichen kann.

Aber dieses Fleisch landet trotzdem bei uns auf dem Teller?
Freuis:
Ja, und das tut weh. Dem Konsumenten wird suggeriert, alles sei sicher, was es durch Pasteurisierung und Kochen ja auch ist. Aber dem heimischen Bauer, der seine Kühe liebevoll pflegt, dreht man bei einem Verdachtsfall den Hals um, während das Billigfleisch aus Übersee munter importiert wird. Diese Doppelmoral verstehen viele Bauern nicht mehr.

Fühlen sich die Bauern in diesem Kampf allein gelassen oder ungerecht behandelt?
Freuis:
Oft ja. Man hat das Gefühl, am kürzesten Hebel zu sitzen. Das sieht man an einem bitteren Vergleich: Wir Bauern haben Viehschauen abgesagt oder verschoben, weil die Leute so eingeschüchtert sind und sich kaum noch trauen, ihre Tiere stolz zu präsentieren. Auf der anderen Seite finden Hegeschauen für Jagdtrophäen statt, als wäre nichts gewesen. Das ist für viele die „heilige Kuh“, da wird nicht diskutiert. Da prallen zwei Welten aufeinander: Hier die nackte Existenzangst der bäuerlichen Familien, dort die Jagd, die für viele eben doch primär Hobby, Prestige und Freizeit ist. Das tut weh.

Immer wieder fällt der Name „Schönenbach“ als Hotspot. Trauen sich die Bauern überhaupt noch, dort aufzufahren?
Freuis:
Die Sorge ist extrem, und das betrifft längst nicht mehr nur Schönenbach, sondern es gibt immer wieder Fälle in anderen Landesteilen. Viele Bauern sind in den letzten Jahren schon abgesprungen, weil sie das Risiko nicht mehr eingehen wollen. Wenn man ehrlich ist: Die Alpwirtschaft in diesen Gebieten steht auf der Kippe. Man muss es sich heute gut überlegen, ob man seine wertvollen Zuchttiere im Sommer noch auf die Alpe schickt.

Was steht denn für das Land auf dem Spiel, wenn die Bauern resignieren?
Freuis:
Alles, was wir am Ländle lieben. Wenn die Alpwirtschaft stirbt, weil sich die Bauern das nicht mehr antun wollen, dann stirbt der Tourismus gleich mit. Eine Alpe pflegt sich nicht von selbst. Wenn der Viehbesatz fehlt, wuchert alles innerhalb weniger Jahre zu. Dann haben wir keine offene Kulturlandschaft mehr für die Wanderer und Touristen, sondern einen wilden Wald. Und ironischerweise schadet das auch der Jagd: Denn wenn alles verbuscht, findet auch das Rotwild kein frisches Gras mehr. Es ist ein Teufelskreis, der nur Verlierer kennt.

Spürt man das auch im Rückhalt aus der Bevölkerung?
Freuis:
Leider zu wenig. Die Landwirtschaft hat heute nur noch wenig Anteil an der Bevölkerung, die Distanz ist riesig. Viele haben null Bezug mehr dazu. Während der Corona-Pandemie wurde die Versorgungssicherheit und Regionalität noch beklatscht. Jetzt, wo das Geld knapper wird, interessiert das kaum noch jemanden. Da zählt an der Kasse oft nur noch der billigste Preis, egal woher das Produkt kommt.

Was wünschen Sie sich in dieser Situation konkret?
Freuis:
Dass wir aufhören, Schuldige zu suchen und übereinander zu reden, statt miteinander. Es nützt nichts, wenn Jäger, Bauern, Tourismus und Behörden gegeneinander arbeiten. Wir brauchen ein Gesamtkonzept und eine massive Reduktion beim Wild, denn der Infektionsdruck durch die überhöhten Bestände ist zu hoch und die Lebensräume werden durch den Tourismus immer enger. Aber vor allem brauchen wir wieder ein Miteinander. Wenn wir uns gegenseitig zerfleischen, verliert am Ende jeder: Der Bauer, der Tourismus, die Jäger und unsere Kulturlandschaft, auf die wir im Ländle so stolz sind.

Anfrage

Recherche

Im Zuge der Recherchen versuchte die NEUE am Sonntag, Landesveterinär Norbert Greber für eine Stellungnahme zu erreichen. Es folgte ein Anruf aus dem Büro von Landesrat Gantner, um mitzuteilen, dass – offiziell um den Landesveterinär nicht von seiner Arbeit abzuhalten – sämtliche Kommunikation zum Thema TBC über das Landhaus laufen müsse. Verständnisfragen würden beantwortet, sonst sei alles gesagt.