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Die Goldmedaille hängt bereits an seiner Wand

10.01.2026 • 22:41 Uhr
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Alessandro Hämmerle krönt am 10. Februar 2022 seine Karriere mit dem Olympiasieg. AFP

Am 12. Februar steht in Livigno der olympische Snowboardcross-Bewerb an. Alessandro Hämmerle blickt als Olympiasieger gelöst auf die Spiele.

Entspannt wie nie vor einem Großereignis präsentiert sich dieser Tage Alessandro „Izzi“ Hämmerle. Der 31-Jährige wird in rund drei Wochen freilich mit großen Zielen zu den Olympischen Spielen nach Livigno anreisen, aber beweisen muss der Montafoner nichts und niemandem mehr was. Denn seit 10. Februar 2022 ist Hämmerle im Olymp angekommen: Damals entschied er im Finale des olympischen SBX-Bewerbs im chinesischen Secret Garden das Fotofinish gegen Eliot Grondin für sich. Und weil man, anders als einen Weltmeis­tertitel, einen Olympiasieg nicht verteidigen muss, Olympiasieger bleibt man für immer, kann „Izzi“ ohne Druck bei den Spielen antreten. „Vor vier Jahren“, erinnert sich der Boardercrosser, „war die Ausgangslage völlig anders. Ich war in der Form meines Lebens, hatte drei Mal in Folge den Weltcup gewonnen, es passte einfach alles, auch das Material. Damals war mir bewusst, dass so eine Konstellation womöglich nie mehr wieder kommt und ich es entweder jetzt schaffe oder wohl nie.“
Der Druck war hoch. Auch medial. Die NEUE titelte damals „Der Goldkandidat“ und „Die Chance seines Lebens“. Schlagzeilen, die Hämmerle im fernen China erreichten und ins Grübeln brachten. Ihn letztlich aber sogar bestärkten. Viele im Sportland Vorarlberg und beim ÖSV erwarteten regelrecht den Sieg von Hämmerle. „Am meis­ten habe ich den Sieg von mir selbst erwartet“, lässt der zweit­erfolgreichste SBX-Weltcupboarder der Geschichte wissen. Er lieferte. Als er nach seinem Olympiasieg ein erstes Mal in seiner Heimat anrief, soll er der Legende nach gesagt haben: „So, und jetzt sind hoffentlich alle zufrieden, auch die NEUE.“

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Der Zieleinlauf von 2022: Hämmerle ist einen Hauch vor Grondin. AFP

Alles ist anders
Vier Jahre später ist alles anders. Hinter Hämmerle liegen zwei Gehirnerschütterungen und Phasen, in denen er von hartnäckigen Rückenbeschwerden ausgebremst wurden. Der Raketenstarter reist als Grandseigneur zu den Spielen an, aber nicht als der Top-Favorit, von dem Gold erwartet wird.
Seinen letzten Podestplatz im SBX-Weltcup feierte Hämmerle vor fast auf den Tag genau einem Jahr, sein letzter Sieg datiert auf den 17. März 2024. Doch das liegt nicht nur an „Izzi“ selbst, sondern auch den Veränderungen im Snowboardcross-Sport. Die Geraden werden aus Schneemangel immer kürzer, die Kurven immer enger und die Kurse technisch immer anspruchsloser. Das große fahrerische Können des 18-fachen SBX-Weltcupsiegers bleibt so immer öfter ungefragt auf der Strecke.

Die Goldmedaille hängt bereits an seiner Wand
Hämmerle im Gespräch mit der NEUE. Dietmar Stiplovsek

Kein Paktieren mehr
Und doch geht Hämmerle bei den Spielen in Livigno alles andere als ein Außenseiter an den Start. Ganz im Gegenteil. „Izzi“ ist alles zuzutrauen. Denn bei Großveranstaltungen und ganz speziell bei Olympischen Spielen sind die Kurse viel größer, technisch viel schwieriger und die Geraden viel länger als im Weltcup.
Das spielt Hämmerle nicht nur aufgrund dessen eigenen Qualitäten in die Karten, das ist auch ungewohnt für viele seiner Konkurrenten, die kaum Erfahrung auf solchen Strecken haben. Außerdem hat sich Hämmerle zum Spezialisten für Großereignisse gemausert: Nebst seines Olympiasiegs 2022 wurde der Montafoner 2021 Vizeweltmeister und gewann 2025 WM-Bronze in St. Moritz. Dass er 2023 als Führender im WM-Finale kurz vor dem Ziel von der Piste gedrängt wurde und er 2025 im WM-Finale vom eigenen Teamkollegen Jakob Dusek im Positionskampf entgegen der Absprache blockiert wurde, ist da noch gar nicht miteingerechnet.
Doch Hämmerle hat just aus den Vorfällen in St. Moritz im März 2025 seine Lehren gezogen. „Ich hätte schon vor der letzten Kurve aggressiver fahren müssen, außerdem habe ich kurz gezögert, bevor ich in der Zielkurve zum Überholmanöver angesetzt habe. Das passiert mir kein zweites Mal.“ Und dann sagt Hämmerle öffentlich, was er zuvor schon im kleinen Kreis ausgesprochen hatte: „In einem Finale gibt es für mich kein Paktieren mehr. Wir können im Viertel- und Halbfinale gerne teaminterne Absprachen machen, dass man Überholmanöver mit einem Zuruf ankündigt und der Vordermann dann überholen lässt, aber in einem Finale fahre ich in Zukunft mein eigenes Rennen.“ Unausgesprochen klingt mit: Solche Absprachen funktionieren, wenn’s drauf ankommt, ohnehin nicht. Oder eben nur, wenn zwei Gentlemen aufeinandertreffen, wie 2017 im Montafon, als Markus Schairer mit einer Handbewegung Hämmerle anzeigte, dass er nach links ziehen soll.

Die Goldmedaille hängt bereits an seiner Wand
Freude auf den zweiten Blick: “Izzi” feiert in St. Moritz mit seiner Familie, Freunden und Fans seine WM-Bronzemedaille. Klaus Hartinger

Erfahrung
Für Hämmerle spricht bei den Spielen auch, dass er als Einziger alles riskieren kann. Er ist nämlich der einzige Einzel-Olympiasieger im Starterfeld. „Ich werde alles reinhauen. Wenn ich ausfalle, weil ich über dem Limit war, dann ist das zwar schade und wird mich auch ärgern, aber ich habe mein Olympiagold und fahre nicht nach Livigno, um Fünfter zu werden.“ Deutlich anders sieht die Welt für Eliot Grondin aus. Der Dominator der Vorjahre ist bescheiden in die Saison gestartet, mit dem französischen Chollet-Brüderpaar drängt eine neue Generation Boardercrosser an die Spitze: Für Grondin könnte es die letzte Chance auf den Olympiasieg sein, nachdem ihm vor vier Jahren im Secret Garden wenige Millimeter auf Gold fehlten. Der Kanadier kann also nicht wie Hämmerle befreit auf Medaillenjagd gehen. Ähnliches gilt für Martin Nörl, der noch dazu 2023 WM-Gold auf den Müll warf, weil er zu früh über den vermeintlichen Weltmeistertitel jubelte.
Die junge Garde wiederum geht ohne Olympia-Erfahrung an den Start und kennt eben so große Kurse nicht. Für Hämmerle spricht kurioserweise auch dessen verpatzter Saisonstart in Cervinia. „Da bin ich nach einer starken Qualifikation zu körperlos gefahren, im Training habe ich zuletzt intensiv den Körperkontakt auf der Strecke gesucht.“ Positiv ist auch, dass der Rücken nicht zwickt, Hämmerle ist in einer so guten Verfassung wie lange nicht. Emotional ist der 31-Jährige ohnehin im Höhenflug, hat er doch im Sommer seine Freundin Julia geheiratet.

Die Goldmedaille hängt bereits an seiner Wand
Hämmerle präsentiert acht Tage nach seinem Olympia-Triumph der NEUE die Goldmedaille – im Elternhaus mit Papa Hanno. Klaus Hartinger

Erinnerungen
Heute reist Hämmerle mit dem ÖSV-Snowboardcross-Team zum Weltcuprennen in China – und damit jenem Land, in dem er Olympiasieger wurde. „Es ist immer ein sehr angenehmes Gefühl, wenn ich in Peking lande. Es kommen schöne Erinnerungen zurück, wie aktuell überhaupt viele Erinnerungen an meinen Olympiasieg aufkommen. Das pusht mich extrem. Ich fühle mich wirklich in einer guten Position. Ich werde in Livigno mit einer befreiten Coolness fahren.“ Und dann müssen erst mal drei Boarder besser sein als der Bludenzer.
Kein ganz großes Geheimnis ist, dass es Hämmerles letzte Spiele werden. „Die WM nächstes Jahr im Montafon habe ich noch im Hinterkopf, und ehrlich gesagt habe ich auch schon mal den ein oder anderen Gedanken an 2030 verschwendet, vielleicht sogar als Comeback, die sind ja zurzeit groß in Mode. Aber ge­plant ist, dass das meine letzten Spiele werden.“ Und egal, was Livigno bringt, Hämmerle wird als Olympic-Champion zurückkehren. Denn seine Goldmedaille hängt bereits bei ihm in der Wohnung an der Wand.