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Scheib: „Nach dem ersten Sieg war ich aufgewühlt“

10.01.2026 • 22:25 Uhr
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Mit dem Sieg beim Auftakt in Sölden setzte bei Julia Scheib eine Dynamik ein. GEPA

Riesentorlauf-Dominatorin Julia Scheib reist als große Favoritin zu den Olympischen Spielen. Die 27-jährige Steierin im NEUE-Exklusivinterview darüber, was Siege verändern – und wie sie mit ihrer neuen Rolle umgeht.

Sie haben in dieser Saison drei von sechs Riesentorläufen gewonnen und wurden zwei Mal Zweite. Was ändert es in den Minuten vor dem Start, wenn man das Rennen zuvor gewonnen hat?
Julia Scheib:
Es ändert schon einiges. Wenn man mit einem Sieg in die Saison reinstartet und dann noch so überlegen wie ich in Sölden gewinnt, ich hatte ja über eine Sekunde Vorsprung, dann weiß man schon fürs nächs­te Rennen: Hey, ich habe es drauf, ich kann und will wieder gewinnen. Und so gut fühlt sich das auch am Start an. Man geht mit einem völlig anderen Selbstvertrauen ins Rennen.

Ändert ein Sieg auch das Gefühl bei der Vorbereitung in den Tagen vor dem Rennen?
Scheib:
Ja natürlich, es macht schon Spaß, wenn du weißt, dass du ein starkes Paket hast: Sei es vom Material her oder vom Team um einen herum, es fühlt sich alles richtig an – das ist wie eine Befreiung. Du gehst auch mit einer ganz anderen Freude ins Training. Denn natürlich merke ich das auch im Training, dass ich sehr gut Ski fahre. Ich will es mal so ausdrücken: Ein Sieg gibt einem eine gewisse Ruhe, und das ist sehr energiesparend. Man kann sich auf sich selbst konzentrieren, dass vermindert der Stress. Hektik bringt nämlich niemandem was. Ich bin selbst ein wenig überrascht, wie viel so ein Sieg verändert.

Hat sich auch verändert, wie Sie im Skiweltcup-Tross wahrgenommen werden?
Scheib:
Das kann ich gar nicht wirklich beurteilen, weil ich mich auf mich und meine Sachen fokussiere, die ich zu tun habe. Erst recht an meinem Renntag. Außerdem sind ja schon einige am Start, die viel mehr erreicht haben als ich. Nein, wenn ich so überleg’, wäre mir nichts Spezielles aufgefallen, außer vielleicht, dass ich momentan schon so ein bisschen als Favoritin gehandelt werde, was das Ergebnis meiner guten Arbeit ist.

Scheib: „Nach dem ersten Sieg war ich aufgewühlt“
Die 27-jährige Steirerin Julia Scheib gestenreich im Interview. APA

Bekommt man intern beim ÖSV als neue Siegläuferin mehr Aufmerksamkeit, zum Beispiel vom Trainerteam?
Scheib:
Also grundsätzlich behandeln die Trainer alle gleich. Da wird keiner bevorzugt, das merkt man auch, dass dieses Gleichheitsgefühl allen Trainern sehr wichtig ist. Da steht niemand über dem anderen. Wenn ich bei der Planung meines Trainings etwas Spezielles brauchen würde, könnte ich vielleicht mir vorstellen, dass Rücksicht auf meine Wünsche genommen würde. Aber das war bis jetzt nicht der Fall, weil die Pläne für alle sehr gut ausgearbeitet sind.

Hand auf’s Herz, es ist ja immer so, hinterher, wenn sich die ganz großen Erfolge einstellen, dann haben es immer alle gewusst. Ohne dass wir Namen nennen, aber war da der eine oder andere dabei, der zu Ihnen gesagt hat, ich habe es immer gewusst und wo Sie sich dann dachten: Naja, so ganz sicher bin ich bin mir nicht, ob derjenige tatsächlich immer an mich geglaubt hat?
Scheib:
Ich weiß natürlich, was Sie meinen. Ich bekomme aktuell schon sehr viel Zuspruch, was ich sehr schön finde. Ich halte mich da auch gar nicht so sehr mit der Frage auf, wer mir diesen Weg zugetraut hat oder nicht. Mittlerweile sind es über 20 Trainer, die mich seit dem Kindesalter trainiert haben. Natürlich will da jetzt jeder ein bisschen ins Gespräch kommen mit mir. Ich weiß aber, wie mein Weg ausgeschaut hat und mit welchen Leuten ich wirklich eng zusammengearbeitet habe, mit denen bin ich natürlich in Kontakt und ich schätze einfach sehr, dass sie mir zur Seite gestanden sind.

Fragt man sich nach so einem Saisonstart eigentlich vielleicht einmal selber im stillen Kämmerlein: Was habe ich eigentlich bei dieser Vorbereitung anders gemacht als in den Jahren davor?
Scheib:
(lacht) Schon irgendwie. Wobei ich aktiv was geändert habe und mir das nicht passiert ist, aber was ich verändert habe, möchte ich nicht ausplaudern. (lacht) Ich genieße es sehr, dass ich momentan alles so gut umsetzen kann, was ich mir vorgenommen habe und hoffe natürlich auch, dass es so weitergeht in der Zukunft.

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Julia Scheib spektakulär auf dem Weg zum Heimsieg am Semmering. GEPA

Sie haben das Wort „Befreiung“ schon ausgesprochen. Viele beschreiben ihren ersten Sieg als Befreiung: Sie haben das also auch so erlebt?
Scheib:
Das kann ich so bestätigen, ja. Wir bei uns im Riesentorlauf-Team haben ja einiges abbekommen in den vergangenen Jahren, weil es einfach so lange gedauert hat seit dem letzten Sieg. Durch meinen Sieg ist schon sehr viel Druck abgefallen, von mir, aber auch vom ganzen Team. Natürlich wusste ich, dass ich bei uns im ÖSV-Riesentorlaufteam derzeit die Schnellste bin und es so ein bisschen an mir liegt und es von mir auch erwartet wird, dass ich diese Negativserie beende. Es hat aber einfach seine Zeit gebraucht, bis ich so weit war, gewinnen zu können. Als es dann in Sölden geklappt hat, war das ein wunderschöner Moment.

Hat Ihnen das eigentlich was bedeutet, dass Sie die knapp zehn Jahre dauernde Wartezeit seit dem letzten ÖSV-Damensieg bei einem Riesentorlauf beendet haben: Der bis dahin letzte Sieg einer österreichischen Riesentorläuferin datierte auf 7. März 2016, der Eva-Maria Brem gelang – oder stand für Sie allein der eigene Erfolg im Mittelpunkt?
Scheib:
Es stand bei mir primär schon der persönliche Erfolg im Mittelpunkt. Ich hatte in den letzten Jahren so viele Verletzungen, musste so viele Rückschläge bewältigen. Hinter mir lag wirklich kein einfacher Weg. Dass ich dann diesen Schritt zur Siegläuferin machen konnte, war ein sehr großer Moment in meiner Karriere. Ich hatte mir ja immer dieses Ziel gesetzt, Rennen zu gewinnen. Gleichzeitig war mir in Sölden schon bewusst, dass sich die ganze Nation nach diesem Sieg gesehnt hat und sich dann auch die ganze Nation für mich mitgefreut hat. Ich will es mal so sagen, das hat den Sieg in Sölden vielleicht sogar noch schöner und historischer gemacht. Schön ist vor allem auch, dass der nächste Sieg im Riesentorlauf nicht lange auf sich warten ließ, weder für mich noch für Österreich.

Ganz banale Frage, ich liebe offen gestanden solche Fragen: Wie schläft es sich nach einem Sieg? Gut oder ist man dafür viel zu aufgewühlt?
Scheib:
Ich weiß gar nicht, ob die Frage so banal ist, sie zeigt nämlich, was ein Sieg mit einem macht. Nach dem ersten Sieg war ich schon sehr aufgewühlt. Nach meinem dritten Sieg war es dann schon besser, aber nach Sölden schwirrten so viele Gedanken in meinem Kopf herum, da kommst du nicht viel zum Schlafen. Generell kommt nach einem Sieg so viel auf einen zu, Nachrichten, Interviews und alles Mögliche, was man so überhaupt noch nicht kennt, wenn man zum ers­ten Mal ein Weltcuprennen gewonnen hat.

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Scheib im Juni 2025 bei der Vorstellung als neue Rauch-Markenbotschafterin, links Alex Hessler von Rauch. GEPA

Man wird also von den Ereignissen so ein bisschen überrollt?
Scheib:
Genau so kann man es sich vorstellen.
Wie ist das eigentlich nach einem Sieg, meldet sich da auch der Kopfsponsor Rauch und gratuliert einem?
Scheib: Es melden sich viele, auch Rauch war dabei, die wichtigsten Personen aus dem Umfeld melden sich sowieso immer nach den Rennen. Mich freut immer jede Nachricht, nur speziell nach Sölden waren es so viele, dass ich leider nicht jedem antworten konnte.

Was macht es mit einem, wenn sich so wie vor Kranjska Gora die Teamkollegin Katharina Liensberger so schwer verletzt, mit der Sie 2015 bei den EYOF in Liechtenstein ja Teamgold gewonnen haben: Ist es dann schwer, bei sich zu bleiben oder sagt man sich, okay, das ist leider Part of the Game, das kann leider passieren – auch wenn es meine Teamkollegin ist, ich muss mein Ding durchziehen?
Scheib:
Es trifft beides zu. Natürlich ist man sich dessen bewusst, dass sowas immer wieder passieren kann. Da sieht man dann wieder, wie schmal der Grat ist. Der Sport bietet so viel Spaß, aber auch so schwierige Momente, ich weiß das aus eigener Erfahrung nur zu gut. Von einem auf den anderen Moment ist dann alles anders. Ich war bei dem Training in St. Michael vor Ort, als sich Kathi verletzt hat. Der restliche Trainingstag war dann schon sehr zach für mich. Wenn du mitkriegst, wie sich eine andere Läuferin so schwer verletzt, noch dazu eine Teamkollegin, dann berührt dich das schon sehr. Ich wünsche Kathi die bestmögliche Reha und dass sie schnell wieder beim Team dabei ist.

Sie sind dann in Kranjska Gora Zweite geworden. Um es mit Günther Neukirchner zu sagen, da kommt jetzt wieder so eine depperte Frage: Ertappt man sich da nach drei Saisonsiegen beim Gedanken, huch, nur Zweite, oder freut man sich dann schon auch sehr über den zweiten Platz?
Scheib:
(lacht) Natürlich war ich in dieser Saison ein bisschen verwöhnt mit den Siegen. Und wenn ich jetzt rein meine Läufe von Kranjska Gora hernehme, dann weiß ich auch, dass ich es besser kann, dass da noch einiges drinnen gewesen wäre. Aber das ist alles kein Wunschkonzert. Kranjska Gora ist kein leichtes Rennen. Leider hat es nicht ganz gereicht für den Sieg – aber so weit ist es noch nicht, dass ich mich über ein Podium nicht freue, ich glaube, über einen Podestplatz werde ich immer sehr happy sein. Weil das eine super Leistung ist. Trotzdem ist das eine völlig berechtigte Frage, denn natürlich nehme ich aus dem Rennen auch etwas mit, was ich beim nächsten Mal besser machen kann. Ich will beim nächsten Rennen vielleicht noch mehr angreifen, dann stehe ich hoffentlich wieder ganz oben.

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Scheib feiert ihren Heimsieg mit einer Sektdusche. GEPA

Allerdings kommt ja jetzt vier Riesentorläufe vor Schluss auch so ein bisschen die RTL-Weltcupwertung ins Spiel. Sie führen die Disziplinenwertung souverän an, kann sich da nicht auch unterbewusst der Gedanke einschleichen, dass Sie etwas weniger angreifen, um keine Ausfälle und damit den Kugelgewinn zu riskieren?
Scheib:
Die Angst habe ich schon alleine deshalb nicht, weil ich bis jetzt eigentlich sehr kontrolliert gefahren bin in dieser Saison, mit Ausnahme vom ersten Rennen in Tremblant, da bin ich das Rennen nicht ganz so g’scheit angegangen und deshalb ausgeschieden. Aber bei den anderen Rennen, auch gleich wieder beim zweiten Rennen in Tremblant, hat es sehr gut funktioniert. So möchte ich das weiterhin Rennen für Rennen angehen.

Sie gehen an diesem Sonntag in Zauchensee zum vierten Mal im Weltcup bei einem Super-G an den Start. Ihre Erwartungen?
Scheib:
Die Erwartungen sind da sicher nicht ganz so hoch wie im Riesenslalom. Ich will einfach gut Ski fahren, ich kenne den Hang, auch wenn es nicht der ganz große Heimvorteil ist, aber ich weiß, dass es ein sehr technisches Rennen wird und mir die Kurven liegen sollten.

Ihr im wahrsten Sinne des Wortes Selbstvertrauen, also das Vertrauen in sich selbst, könnte Ihnen da schon sehr helfen?
Scheib:
Darauf spekuliere ich etwas. (lacht)

Generell gibt es, salopp gesagt, wohl Blöderes als in einem Olympia-Winter in eine so überragende Form zu kommen?
Scheib:
Es fühlt sich super an, wenn man so Ski fährt, wie man sich das vorstellt. Aber Olympische Spiele haben ihre eigenen Gesetze. Olympia ist ganz speziell – und wenn noch so viel auf dem Spiel steht, es ist ein Tagesrennen, bei dem die Tagesverfassung entscheidet. Ich hoffe natürlich auf einen guten Tag. Aber alle werden All-in gehen, jede geht ans absolute Limit. Das macht ein Olympiarennen so einzigartig und anders als ein Weltcuprennen, bei dem ein vierter Platz für die allermeisten ein Erfolg ist. Bei Olympia bist du als Vierter der Erste ohne eine Medaille, und du weißt auch nicht, ob die Chance wieder kommt. Im Weltcup hast du die nächste Chance in ein, zwei Wochen, bis zu den nächsten Spielen dauert es lange vier Jahre, in denen so viel passieren kann.

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Die Steirerin bei der Vorbereitung auf den heutigen Super-G in Zauchensee. GEPA

Außerdem haben Außenseiter bei den Spielen nichts zu verlieren und können daher einfacher alles auf eine Karte setzen als die favorisierten Läuferinnen oder Läufer?
Scheib:
Das sieht man immer wieder, das ist so ein bisschen das Thema bei Olympia, aber von dem möchte ich mich nicht ablenken lassen. Ich weiß, dass ich sehr schnell Ski fahren kann und dass bei Olympia sehr viel drinnen ist für mich, wenn ich in Cortina das auspacke, was ich kann.

Ohne jetzt schon zu weit vorausblicken zu wollen, bis zum olympischen Damen-Riesentorlauf sind es noch fünf Wochen, aber bei Olympia wird es auch darauf ankommen, dass Sie in Ihrem gewohnten Rhythmus bleiben. Nichts wäre schlimmer, als wenn Sie Ihrer Psyche durch einen veränderten Vorbereitungsablauf signalisieren würden, wie einzigartig das Rennen ist?
Scheib:
Da haben Sie völlig recht: Das wäre das Schlechteste, was ich tun könnte. Das weiß ich, auch wenn das meine ersten Spiele werden. lch muss generell bei mir bleiben, den Blick nie zu weit nach vorne richten.

Bleibt noch eine Frage: Sie bestreiten heute (Anm.: vergangenen Montag) einen Medientag mit so vielen Interviews und Terminen, mit welchen Gefühlen sind Sie in diesen Tag gegangen?
Scheib:
Mit einem sehr guten. Natürlich ist das alles noch ein bisschen ungewohnt für mich, aber ich habe ein super Team und werde sehr gut durch den Tag geführt. Es läuft alles sehr entspannt ab. Das Interview mit Ihnen hat mir zum Beispiel richtig Spaß gemacht. Es ist einfach eine schöne Wertschätzung, wenn sich die Leute für einen interessieren.