„Seit ich Theater mache, kämpfe ich dafür, dass die Welt nicht so wird wie sie jetzt ist“

Interview. Die scheidenden Leiter des Theater Kosmos im Gespräch über Arbeit, Haltung und was ihnen Sorgen bereitet.
NEUE: Ihre beginnende, letzte Spielzeit steht im Zeichen von Kontinuität. Warum?
Hubert Dragaschnig: Wir setzen auf Produktionen, von denen wir wissen, dass sie funktionieren.
Es stehen also keine Experimente auf dem Programm?
Augustin Jagg: Wir glauben, dass Experimente am Theater durch neue Texte bedingt sind. Mit fünf geplanten Uraufführungen gehen wir durchaus Experimente ein.

Dragaschnig: Sogar mehr als alle anderen. Schließlich wird das Kosmos in Österreich als Uraufführungs-Theater gehandelt. Wir sind ein klar deklariertes Autoren beziehungsweise Autorinnen-Theater.

Nach dieser Spielzeit übergeben Sie die Leitung an den gebürtigen Salzburger Josef Maria Krasanovsky. Wie steht es um die Finanzen?
Dragaschnig: Unser Ziel ist klar: Wir wollen das Theater schuldenfrei übergeben. Bei einem Haus dieser Größe sind 20.000 Euro viel Geld. Es ist aber absolut machbar. Dass das nach 30 Jahren möglich ist, liegt natürlich auch an den Subventionsgebern, Sponsoren und dem Publikum, das uns unterstützt.
Haben Sie sich für die Zeit danach etwas vorgenommen, das vorher nicht möglich war?
Dragaschnig: Keine Termine haben und abwarten, wo einen die Lust hintreibt. Ich gehe auf die 70 zu und werde keine Lehre mehr anfangen oder Wimbledon gewinnen.
Jagg: Die anstehende Befreiung von Administration und Organisation fühlt sich im Moment sehr gut an.

Gab es in der letzten Spielzeit ein persönliches Highlight?
Jagg: Die ausverkaufte Nick-Hornby-Produktion ist ein Riesenerfolg. Mich persönlich hat die Jenkins-Trilogie sehr berührt, vor allem seine Marcel-Proust-Bearbeitung mit beteiligten Bürgerinnen und Bürgern aus der Region.
Dragaschnig: Für mich war Raoul Schrotts „Atlas des Sternenhimmels“ ein Höhepunkt. Globales Denken, jenseits von Nationalgrenzen, das ist aktueller denn je.
Mit der fortschreitenden Pensionierung Ihrer Generation geht ein großer gesellschaftlicher Wandel einher. Wie sehen Sie das?
Dragaschnig: Man hat das Gefühl, dass sich die jungen Menschen in einem extremen Ausmaß aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Das bereitet Sorgen. Ich glaube es resultiert aus einem Gefühl der Ohnmacht. Man kann nur hoffen, dass das Pendel in eine andere Richtung schlägt. Ich bin aber zuversichtlich, dass es eine Sehnsucht nach nicht-digitalen, sozialen Beziehungen gibt.
Jagg: Seit ich Theater mache, kämpfe ich dafür, dass die Welt nicht so wird, wie sie jetzt ist. Insofern kann man von Versagen sprechen, auch wenn ich dem nicht ganz traue.
Dragaschnig: Ich glaube, abseits von Grundbedürfnissen wie Nahrung und Unterkunft ist Bildung die wirkliche Basis für gesellschaftliche Veränderung. Es gilt, speziell Kindern die Lust am Denken beizubringen. Daher auch unser Motto, „Sapere aude“ – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Ist engagiertes Theater nicht oft wie die sprichwörtliche Predigt vor Getauften?
Dragaschnig: Das mag sein. Vegetarier gehen auch nicht in die Metzgerei. Theater besteht dennoch aus feinen Verrücktheiten. Es ermöglicht, bestehende Bilder und Annahmen zu verrücken, also zu überdenken.

Jagg: Wir machen kein Ja-Sager-Programm und im Gegensatz zu performativem Theater interessiert es uns auch nicht, dem Publikum etwas ins Gesicht zu schleudern. Stattdessen wollen wir zu neuen Blickwinkeln verführen. Schließlich machen wir unsere Arbeit für das Publikum, was nicht bei allen Theatermachern der Fall ist. Stattdessen gilt die feste Überzeugung, dass unsere Besucher keine Konsumenten sind.
Dragaschnig: Vielmehr wirken sie mit uns an der gemeinsamen Erzeugung von Wahrheit.
Das erinnert an die sakralen Wurzeln des Theaters aus dem antiken Griechenland.
Dragaschnig: Ja, es ist ein Fest.