Sport

Die Geburtsstunde neuer Helden

21.02.2026 • 22:19 Uhr
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Segel-Olympiasieger Lukas Mähr kommentiert exklusiv für die NEUE die Winterspiele 2026 und rückt bei seinem Fazit Vorarlbergs Medaillengewinner in den Fokus.

Hinter uns liegen zweieinhalb magische Sportwochen. Die Olympischen Spiele faszinieren, emotionalisieren, die Athletinnen und Athleten sind einem gefühlt so nahe wie nie. Weil mit Händen greifbar ist, wie wichtig olympische Wettkämpfe für ein Sportlerleben sind. Bei Olympia wird Geschichte geschrieben und auch Lebensgeschichten umgeschrieben. Der Olympiasieg von Ariane Rädler verändert die öffentliche Wahrnehmung der 31-Jährigen komplett, Alessandro Hämmerle wiederum ist mit der Wiederholung seines Olympiasiegs in unvorstellbare Sphären aufgestiegen. Die beiden bleiben die gleichen Menschen, sind so wertvoll und wichtig wie davor, aber sie als Athleten umgibt durch ihre olympischen Goldmedaillen eine neue Aura.

Olympia hat seine eigenen Gesetze. Es ist bei keinem anderen Wettbewerb so schwierig für die Top-Favoriten zu performen wie bei den Spielen. Weil der Druck enorm hoch ist, weil alle wissen, was für eine Kraft und was für eine Bedeutung ein Olympiasieg hat – die nächste Chance kommt, wenn überhaupt, erst in vier Jahren. Und weil klar ist, dass ein Olympiasieg eine Athletenkarriere in ein davor und ein danach teilt: Wie schon vor zwei Wochen bei der Einstimmung auf Mailand und Cortina erwähnt, umgibt eine Goldmedaille bei den olympischen Spielen eine starke Mys­tik. Das hat sehr viel mit der langen olympischen Historie, mit den Anfängen in der Antike zu tun, mit dem spirituellen Charakter der olympischen Idee: Dem Schneller, Höher, Weiter – das allerdings nicht trennend, sondern völkerbindend wirken soll und auch tatsächlich so wirkt.
Trotzdem, und das ist kein Widerspruch, war meine Wahrnehmung retrospektiv, dass sich Olympiagold signifikant von Silber oder Bronze unterscheidet. Auch ein zweiter und dritter Platz bei olympischen Spielen sind herausragende Leistungen, doch der Unterschied zwischen Olympiagold und Olympiasilber ist riesengroß.

Dieser Gedanke bringt mich zu Eliot Grondin, der nun zum zweiten Mal bei Spielen in Folge um ein paar Zentimeter gegen Alessandro Hämmerle den Olympiasieg verpasst hat. Ich bin wahrlich kein Snowboardcross-Experte, aber ich habe mit großer Begeisterung das Rennen verfolgt und habe für mich als Olympiafan ein bisschen versucht zu analysieren. Grondin war gefühlt mit einer großen Explosivität am Start, die ihn in dem Finallauf zwar in die Spitzenposition gebracht hat, aber es schwer machte, Raum für Geduld und Taktik zu finden. Grondin ist nach vorne geprescht, vielleicht auch getrieben von einer Wut über den verpassten Olympiasieg vor vier Jahren.

Izzi dagegen hatte ganz offensichtlich schon beim Start eine Idee, wie er den Lauf anlegen will – und dass er, wenn es sein muss, erst auf der Zielgeraden attackiert. Diese Klarheit von Alessandro fasziniert mich am allermeisten. Darum hat er den Zieleinlauf wahrscheinlich für sich entschieden. Das gilt es erst einmal zu schaffen, mental so stark zu sein, um auf den richtigen Moment für eine Attacke warten zu können, noch dazu im Wissen, dass am Ende nur wenige Zentimeter entscheiden. Ich verneige mich vor Alessandro Hämmerle, denn mit dieser Wiederholung seines Olympiasiegs ist ihm etwas gelungen, was nur die Größten der Größten schaffen: An zwei aufeinanderfolgenden Spielen Gold zu gewinnen hebt ihn deutlich von einmaligen Olympiasiegern wie mich ab.
Diese Motivation, dieser Antrieb nach einem zweiten Mal, diesen Sieg in vier Jahren wiederholen zu wollen, ist atemberaubend. Ich hatte diese Energie nach meiner Goldmedaille nicht. Ich habe zwar mit meiner Entscheidung gerungen, weil das Loslassen einer Karriere und damit eines so großen Lebensabschnitts immer schwierig ist – doch bis Los Angeles 2028 weiterzumachen, nein, diese Motivation hatte ich nicht mehr.

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Lukas Mähr zeigt sich von der Klarheit, wie Alessandro Hämmerle seine Rennen angeht, beeindruckt. GEPA

Hämmerle hätte nach seiner Goldmedaille in Peking ebenfalls aufhören können, oder in den Jahren danach, als er seine starken Rückenprobleme bekam. Beweisen musste er schließlich niemanden mehr was. Doch er hat weitergemacht. Weil ihn die Chance, seinen Olympiasieg zu wiederholen, angetrieben hat und in den Momenten der Zweifel stark bleiben hat lassen. Jetzt ist er Doppelolympiasieger. Das ist nicht der Lohn für seine Klasse und seinen Ehrgeiz, es ist auch der Lohn für seinen Fleiß. Er hat bei seinen Bemühungen nicht nachgelassen, er ist seinen Weg konsequent weitergegangen, hat nicht auf die vielen Einflüsterer gehört, die es links und rechts von ihm besser zu wissen glaubten – was ich mich aus eigener Erfahrung heraus zu behaupten traue. Lieber Izzi, ich vergönne dir die von Herzen. Du warst nach meiner Goldmedaille in Marseille einer der herzlichsten Gratulanten. Alessandro Hämmerle ist ein großer Champion. Es ist eine würdige Wahl, dass Izzi heute bei der Schlussfeier die Fahne tragen darf.

Nicht minder fasziniert mich der Olympiasieg von Ariane Rädler. Die Frau hatte vier Kreuzbandrisse, zahlreiche weitere Verletzungen – und hat doch nie aufgegeben. Ihre Goldmedaille ist im Vergleich zum neuerlichen Olympiasieg von Izzi sicherlich am anderen Ende des Spektrums einzuordnen: Während Hämmerle ein großer Goldkandidat war, reiste Ariane Rädler mit hoffentlich weniger Druck an.

Der Sieg von ihr spiegelt für mich genau das wider, für was Olympia steht. Ariane hat über eine ganz lange Zeitspanne hinweg ihr Ziel nicht aus den Augen verloren. Es sagt sich immer so leicht, dass man Tiefschläge überwinden muss. Aber wenn du als noch so junger Mensch zum dritten, vierten Mal nach einem Kreuzbandriss die Reha beginnen und am TV verfolgen musst, wie rasant sich dein Sport weiterentwickelt, dann ist es ganz, ganz schwierig, die Hoffnung zu bewahren.
Rädler ist mit ihrem Olympiasieg zum Vorbild für junge Generationen geworden. Ihre Geschichte zeigt auf, dass eine Karriere auch dann noch mit dem größtmöglichen Triumph, dem Olympiasieg, gipfeln kann, wenn einen Athleten das Verletzungspech verfolgt.

Ariane ist vor allem auch deshalb ein Vorbild, weil ihre Karriere aufzeigt, dass der Weg zum Olympiasieg viel Ausdauer erfordert. Gleichzeitig zeigt ihr Olympiasieg wie eng im Sport alles beisammen liegt: Auf diesem Niveau entscheiden Millimeter, ­Hundertstelsekunden, beim Rodeln sind es sogar Tausendstelsekunden.

Das öffentliche Fazit würde ganz anders ausfallen, wenn zum Beispiel ihre Teamkombi-Partnerin Katharina Huber beim Slalom eingefädelt hätte oder die Zentimeter nicht aufseiten der beiden Österreicherinnen gewesen wären.
Dann würde es wahrscheinlich von vielen hinter vorgehaltener Hand heißen: Es war naiv von Rädler zu glauben, dass sie die Geschichte ihrer Karriere mit einem Erfolg bei Olympischen Spielen umschreiben kann. Was ihr gelungen ist.

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Ariane Rädler jubelt zusammen mit Katharina Huber über Gold in der Teamkombi. GEPA

Arianes Durchhaltevermögen erscheint jetzt für viele in einem ganz anderen Licht wie noch vor ein paar Wochen. Vermutlich haben ihr die wenigsten vor Beginn der Spiele so eine Leis­tung zugetraut. Womit sich der Kreis aber auch wieder schließt: Du musst als Sportler auf dich selbst hören, du musst deinen Weg gehen, denn diejenigen, die immer alles besser wissen, machen ihre Meinung meistens ohnehin nur von den Ergebnislis­ten abhängig. Hinterher haben es dann auch immer alle wieder gewusst. Doch der Blick ins Archiv lügt da wie dort nicht. Die NEUE hat Ariane Rädler fünf Wochen vor ihrem Olympiasieg zur Sportsfrau des Jahres 2025 ernannt und damit Rädler zumindest ein klein bisschen bestärkt. Auch das wird für immer ein kleiner Teil ihrer Geschichte bleiben: Solche Bestärkungen machen Mut, die Schulterklopfer hinterher sind dagegen eine Begleiterscheinung.

Mit großem Interesse habe ich auch die Rodelbewerbe verfolgt, vielleicht auch gerade deshalb, weil dieser Sport in meiner Wahrnehmungswelt außerhalb der Olympischen Spiele kaum einen Platz einnimmt. Bei Olympia packt mich dann immer dieses Tausendstel-Duell. Dass Thomas Steu und Jonas Müller mit je zwei Silbermedaillen heimfahren, zeugt von einer unbeschreiblichen Präzision bei ihren Leistungen. Als Tüftler, der ich als Segler war, berührt mich vor allem die Geschichte von Thomas Steu. Er und sein Doppelsitzer-Partner Wolfgang Kindl haben sich ja im Sommer dafür entschieden, ihr Material-Setup auf die Olympiabahn in Cortina auszurichten – und sind dabei anscheinend auch keine Kompromisse eingegangen. Selbst, als zu vernehmen war, dass um sie herum Zweifel entstehen, blieb das Team stark. Ich kann mich in diese Situation gut hineinfühlen. Daher ziehe ich vor der Konsequenz meinen Hut. Die Zweifel der anderen auszublenden, sich selbst immer wieder davon zu überzeugen, dass man auf das richtige Material setzt – dass ist große Klasse und Fokussierung. Denn jeder von uns hat auch immer die andere Seite im Kopf, was wären die Reaktionen, wenn das schiefgeht.

Auch dieses Beispiel zeigt auf, wie nahe im Sport alles beisammen liegt – und noch viel eindringlicher taugt auch diese Episode dafür, dass man als Athlet bei sich bleiben muss. So wichtig die Trainer, Betreuer, Manager, Ratgeber, das Umfeld auch ist: Am Ende ist man allein mit seinem Team im Boot oder am Schlitten, nur man selbst weiß, wie es sich anfühlt, und nur man selbst trägt am Ende auch die Konsequenzen. Im Sport wie im Leben gibt es fast nichts Schlimmeres, als die Fehler der anderen zu machen, sprich, auf die Ratschläge von Außenstehenden zu hören, statt auf die eigene Intuition.

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Thomas Steu gewann in Cortina zwei Mal Silber. GEPA

Das gilt zum Beispiel auch für Lindsey Vonn. Es wäre leicht, ihr Comeback zu verteufeln, aber wenn ihr Arm bei der Torstange außen vorbei geht, statt innen einzufädeln, hätte diese Fahrt eineinhalb Minuten später in einem epischen Erfolg münden können. Ich verstehe, warum Vonn trotz ihres Kreuzbandrisses an den Start gegangen ist: Wenn es eine Möglichkeit gibt, ziehst du es als Athlet immer durch. Von außen ist es ganz leicht zu sagen: Lass es, es macht keinen Sinn. Sie hat es versucht, ja, sie ist gescheitert, aber sie hat nicht verloren. Das sportliche Comeback von Vonn war inspirierend, die mediale Auseinandersetzung danach ein schönes Beispiel wie sehr Spitzensport polarisieren kann und sich daher auch zur Vermarktung eignet.

Vorarlbergs Olympiateilnehmer kehren mit sechs Medaillen heim. Zwei Mal Gold, vier Mal Silber. Das ist auch eine Auszeichnung für das Olympiazentrum Vorarlberg. Ich wage zu behaupten, dass Rädler ihre vielen Verletzungen ohne die immense fachmännische Unterstützung des Olympiazentrums in Dornbirn nicht in dieser Art überwunden hätte, und auch Hämmerle wäre bei allem Talent nicht einfach zu dem Champion geworden, der er nun ist. Man kann nur hoffen, dass diese großen olympischen Erfolge für die Politik ein Fingerzeig sind, dass es weitere Investitionen in das Olympiazentrum Vorarlberg gibt und braucht. Ich spreche nicht von Kürzungen, auch bereits Stagnation würde ein schleichendes Ende Vorarlberger Spitzensportkultur bedeuten, mit langfristigen Wirkungen: Was heute abgedreht oder versäumt wird, lässt sich in fünf Jahren nicht nachholen. Die Konkurrenz schläft nicht, in den meis­ten Ländern wird Spitzensport konsequent weiterentwickelt.

Auch die Erfolge der aktuellen Athletengenerationen beruhen ja auf den richtigen Entscheidungen aus der Vergangenheit. Die Klarheit und Konsequenz mit der Sebas­tian Manhart das Olympiazentrum Vorarlberg leitet, scheinen absolut der richtige Weg zu sein. Ruhe brauchen nämlich nicht nur Athleten beim Wettkampf, sondern auch die Macher bei ihren strategischen Entscheidungen. Finanzielle Sicherheit ist auf beiden Seiten unumgänglich. Als jemand, der selbst jahrelang von der Unterstützung des Olympiazentrums in Dornbirn im großen Maße profitiert hat, beglückwünsche ich an dieser Stelle darum nicht zuletzt auch das Team von Manhart.

Ohne diese Einrichtung wären Olympiasiege und Olympiamedaillen völlig illusorisch, das Team hat seinen Anteil an den Medaillen. Denn der Konkurrenzkampf auf olympischen Niveau ist gnadenlos, größere Fehler werden sowieso nicht verziehen, oft nicht mal Detailfehler. Deshalb ist eine bestmögliche Unterstützung der Athletinnen und Athleten unerlässlich bei ihrer physischen und psychischen Arbeit. Denn, so ehrlich muss man sein, alleine gewinnt man nicht.

Olympia macht Helden und kreiert auch Geschlagene. Marco Odermatt hat drei Medaillen erobert, gemessen an seinen eigenen Ansprüchen und seiner Klasse ist es vielleicht eine Enttäuschung für ihn, dass keine Goldmedaille dabei ist. Was irgendwo verrückt ist, aber die Leistungen der Vergangenheit erzeugen eben Erwartungen der Gegenwart. Comebackerin Federica Brignone ist das Gegenbeispiel, sie hat ihre eigenen Erwartungen erfüllt, sie schaffte es, den Druck positiv zu kanalisieren. Am Ende darf und soll Olympia eben auch Spaß machen und was gibt es Schöneres für die Mühen eines Gastgeberlands als Siege der heimischen Athletinnen und Athleten.
Die Olympischen Winterspiele von Mailand und Cortina sind in ein paar Stunden Geschichte. Viele Athleten haben dort Geschichte geschrieben. Ariane Rädler und Alessandro Hämmerle sind mit ihren Olympiasiegen unsterblich geworden. Ihre Namen wird man noch lange kennen, ihre Geschichten werden noch viele Jahre andere inspirieren. Das ist vielleicht das Bewegendste an einem Olympia­sieg: Dass man andere ermutigt.

Ich will nicht beurteilen, ob meine Geschichte in anderen ein Feuer weckt, aber ich kann sagen, dass Ariane und Alessandro leuchtende Beispiele dafür sind, wohin der Weg führen kann. Schneller, höher, weiter – bis ganz nach oben auf dem Podest in den Olymp des Sports. Diese Geschichten schreiben immer nur die Größten weiter, auf der mächtigsten Sportbühne der Menschheit: Olympia.