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Achtung: Diese Hunde sind unsichtbar

05.03.2026 • 15:49 Uhr
Achtung: Diese Hunde sind unsichtbar
(v. l.) Melanie Mörtl mit Finley, Irina Seybal mit Lucy, Martina Vaschauner mit Sky.

Sie liegen ruhig unter dem Tisch, gehen mit ins Spital oder etwa ins Lebensmittelgeschäft und lösen trotzdem immer wieder Diskussionen aus.

Assistenzhunde sind in Vorarlberg noch selten, aber unverzichtbare Begleiter. Beim Gespräch mit Martina Mörtl, Martina Vaschauner und Irina Seybal vom Vorarlberger Verein für Assistenz- und Therapiebegleithunde wird klar, dass es mehr braucht als bloße Hundefreundlichkeit.

Hunde mit Weste

Folgender Satz klingt im ersten Moment merkwürdig und ist jedoch eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Assistenzhunden. Wer einem gekennzeichneten Hund begegnet, soll ihn nicht locken, nicht streicheln und nicht ansprechen, sondern am besten so behandeln, als wäre er unsichtbar. Hinter der Weste steckt nämlich Arbeit und oft ganz konkret Sicherheit im Alltag.
„Der Assistenzhund ist immer für eine Person“, betont Martina Vaschauner. Ihr Sky, ein Australian Shepherd, ist als Signalhund ausgebildet, also als Assistenzhund, der Veränderungen oder bestimmte Situationen anzeigt und so hilft, rechtzeitig zu reagieren. Die 42-Jährige leidet an einer unsichtbaren Behinderung mit Panikattacken, Schlafstörungen und Krampfanfällen. Sky unterstützt die Nenzingerin zusätzlich im Alltag, indem er körperlichen Abstand zu anderen Menschen schafft, wenn es ihr nicht gut geht oder ihr die Notfalltasche bringt.

Achtung: Diese Hunde sind unsichtbar
Nicht im Bild: Hunde Finley, Lucy und Sky lagen während dem Gespräch mit der NEUE brav unter dem Tisch.

Assistenzhunde öffnen Türen, bedienen Lichtschalter, bringen Gegenstände oder organisieren im Notfall Hilfe. Je nach Ausbildung erkennen sie bei Diabetikern Unterzucker oder bemerken, wenn sich ein epileptischer Anfall ankündigt. Auch bei psychischen Erkrankungen stabilisieren sie, schaffen Abstand oder geben durch sogenanntes „Blocken“ Sicherheit.
Bis ein Hund diese Aufgaben zuverlässig erfüllt, dauert es jedoch. Während Therapiebegleithunde in einem Jahr ausgebildet werden, rechnet man bei Assistenzhunden häufig mit zwei Jahren oder mehr, je nach Hund und Anforderungen. Möglich ist eine Selbst- oder eine Fremdausbildung. Unabhängig vom Ausbildungsweg sind die Kosten hoch. Sie liegen oft zwischen 20.000 und 40.000 Euro.
Wie viel davon staatlich gefördert wird, hängt vom Einzelfall ab. In vielen Fällen tragen die Privatpersonen den Großteil der Kosten selbst, bezeihungsweise werden durch Spenden durch Vereine wie den VVAT unterstützt. (Mehr Information zum Spendenkonto unten in der Infobox)

Zutritt, Hygiene und Diskussion

Wer mit Assistenzhund unterwegs ist, führt laut Vaschauner erstaunlich oft dieselben Debatten. „Haustiere sind nicht erlaubt“, heißt es im Geschäft oder in der Schule beim Elternsprechtag. Viele verstehen laut der Hundehalterin nicht, dass der Assistenzhund, wie etwa ein Rollstuhl, ein Hilfsmittel ist. Ohne ihn wären manche Wege gar nicht möglich.
Zusätzlich ist es in Österreich auch gesetzlich klar geregelt, wo Assistenzhunden Eintritt gewährt werden muss. So gilt laut Wirtschaftskammer grundlegend, dass ein Assistenzhund überall Eintritt gewährt werden muss, wo Menschen mit Straßenschuhe Zutritt haben. Aufgrund dessen müssen sich die Hunde auch regelmäßigen Tests beim Tierarzt unterziehen, um sicherzugehen, dass sie keine Krankheiten, Parasiten oder Erreger übertragen.

Falsche Westen gefährden echte Arbeit

Immer wieder tauchen gefälschte Kenndecken und „Ausweise“ auf. Menschen erklären ihren Hund zum „Assistenzhund“, um Leinen- oder Maulkorbpflicht zu umgehen oder Zutritt zu erzwingen. Das Problem ist nicht nur rechtlicher Natur, sondern auch praktisch: Ein nicht ausgebildeter Hund kann in Menschenmengen überfordert sein, im Spital Unruhe stiften oder im schlimmsten Fall andere gefährden.
Jeder Betrugsfall untergräbt das Vertrauen in echte Teams. „Das verschwimmt dann immer mehr“, sagt Seybal. Am Ende zahlen jene den Preis, die tatsächlich auf ihren Hund angewiesen sind. Woran erkennt man einen echten Assistenzhund? In Österreich gibt es eine offizielle Kennzeichnung an den Westen. Unter anderem ist dort eine eindeutige Prüfnummer angebracht.

Achtung: Diese Hunde sind unsichtbar
Melanie Mörtl kann ihren Therapiebegleithund Finley mit zur Arbeit nehmen.

Der Vorarlberger Verein für Assistenz- und Therapiebegleithunde versteht sich als Anlaufstelle für tiergestützte Intervention, Beratung und die Vermittlung geprüfter Teams in pädagogische, soziale oder therapeutische Settings.
Für Therapiebegleithunde veranstaltet der Verein seit Jahren Lehrgänge, um Teams gezielt auf die staatliche Beurteilung vorzubereiten. Gleichzeitig baut er das Assistenzhundewesen aus. Auf der Vereinsplattform wird betont, dass Ausbildung und Prüfung über die Prüf- und Koordinierungsstelle am Messerli-Forschungsinstitut laufen und die Eintragung im Behindertenpass Teil des Prozesses ist. Martina Vaschauner hat selbst die Prüfung zur Sachverständigen für Assistenzhunde am Messerli-Forschungsinstitut absolviert. Damit stärkt sie Wissen und Prüfungsvorbereitung in der Region.

So verhalten Sie sich richtig: „Neutral“ ist das größte Kompliment

Assistenzhund in Kenndecke/Weste ignorieren, Abstand halten, vorbeilaufen, nicht rufen, kein Selfie „direkt daneben“.


Wenn Sie mit eigenem Hund unterwegs sind: Distanz vergrößern, ruhig passieren.


Fragen sind okay, aber an die Person, nicht an den Hund, und nur, wenn es gerade passt.


Verständnis zeigen, wenn die Person nicht genau erläutern möchte, wofür sie den Assistenzhund braucht. Nicht jeder möchte seine Krankengeschichte fremden Personen mitteilen.

Motivationscoach und Brückenbauer

Anders als Assistenzhunde arbeiten Therapiebegleithunde nicht für eine einzelne Person, sondern gemeinsam mit ihrer Hundeführerin. Sie kommen dort zum Einsatz, wo Menschen Unterstützung brauchen. Dazu gehören Pflegeheime, Kindergärten, Hospizen, Sozialpsychiatrien, in der Physio- und Ergotherapie, in der Logopädie oder auch in der psychotherapeutischen Begleitung.
„Es gibt fast keinen Bereich, in dem man nicht mit Therapiebegleithunden arbeiten kann“, sagt Mörtl, während ihr Therapiebegleithund Finley brav neben ihr sitzt.
Der Hund ist kein Kuscheltier auf Rezept, sondern Teil eines ganzen Konzepts. Er stößt Gespräche an, senkt Hemmschwellen und lässt Nähe zu, wo Worte fehlen. In der Praxis sind es oft kleine Momente, die Großes bewirken. Wie zum Beispiel, wenn Bewohner eines Altersheims, die sonst kaum noch aktiv sind, beugen sich plötzlich hinunter, streicheln, bürsten, geben dem Hund Leckerlis und trainieren dabei Motorik und Beweglichkeit.

Mehr als “Hundeliebe”

Am Ende bleibt der Eindruck, dass Assistenz- und Therapiebegleithunde vor allem eines brauchen: Anerkennung. Nicht als Sonderfall, sondern als selbstverständlichen Teil einer inklusiven Gesellschaft. Wer die Weste am Hund sieht, darf sich gerne freuen, sollte diese Freude aber in etwas übersetzen, das den Teams wirklich hilft: Abstand, Ruhe und Respekt.

VVAT - Über den Verein

Der Vorarlberger Verein für Assistenz- und Therapiebegleithunde versteht sich als Plattform für Austausch, Fortbildung und fachliche Unterstützung.
Zudem werden betroffene Personen nach Möglichkeit durch Spendengelder finanziell bei der Ausbildung von Assistenzhunden unterstützt.
Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden und freut sich über Unterstützung auf folgendes Bankkonto:


Vorarlberger Verein für Assistenzhunde und
Therapiehunde
IBAN: AT47 2060 3000 0108 1124
BIC: SPEGAT21XXX
Sparkasse Egg