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Klang gewordene Stille in Bregenz

13.03.2026 • 15:39 Uhr
Klang gewordene Stille in Bregenz
Hélène Grimaud am Klavier, begleitet von Konzertmeister Radoslaw Szulc. Udo Mittelberger (4)

Hélène Grimaud widmete sich bei den Bregenzer Meisterkonzerten Werken von Valentin Silvestrov, Arvo Pärt und Dmitri Schostakowitsch.

Von Katharina Glasenapp

Es sind feingesponnene Klänge, die der estnische Komponist Arvo Pärt und der Ukrainer Valentin Silvestrov dem lauten Treiben entgegensetzen, die in die Tiefe und in die Stille führen und ungemein guttun – wenn man sich darauf einlässt. Die französische Pianistin Hélène Grimaud und das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks mit Konzertmeister Radoslaw Szulc versenkten sich im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte in diese Musik und auch ein Werk von Schostakowitsch passte gut in dieses besondere Programm. Die ruhige Stimmung wurde sogar durch die Projektion einer Fotografie von Carmen Pfanner „Horizont“ unterstützt, die den nüchternen eisernen Vorhang ersetzte.

Biografien im Hintergrund

Valentin Silvestrov, heute 88 Jahre alt, lebt seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine mit Tochter und Enkelin in Berlin. Arvo Pärt, der im vergangenen Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, ist nach vielen Jahren im Westen wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Beide mussten wie Schostakowitsch um Anerkennung und Verständnis für ihre Werke kämpfen und haben einen persönlichen Ausdruck gefunden, der viele Menschen anspricht, aber durchaus auch irritiert. Das Publikum im Festspielhaus ließ sich begeistern – wobei Applaus und Johlen nach dieser meditativen Versenkung eigentlich fehl am Platz sind, aber natürlich die Leistung der Pianistin und des Orchesters würdigen.

Klang gewordene Stille in Bregenz
Das Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Konzertmeister Radoslaw Szulc begleitete Hélène Grimaud.

Drängende Energie

Valentin Silvestrov und Arvo Pärt sind Meister der Reduktion und der Einfachheit: Ihre Musik ist Zen-Meditation in Tönen, fern aller virtuos solistischen Selbstdarstellung. Silvestrovs „Hymne“ nimmt das Publikum mit zarten und sacht schwingenden Streicherklängen an die Hand, kammermusikalisch und transparent klingt sie unter dem Dirigat des engagierten Ensembleleiters. Schostakowitschs „Präludium und Scherzo“ aus den 1920er Jahren führt Radoslaw Szulc von der Geige aus, gewichtig und filigran beweglich zugleich, verdichtet zur typischen drängenden Motorik im kernigen Zusammenspiel des Ensembles. In „Fratres“ und „Spiegel im Spiegel“, zwei Schlüsselwerken Arvo Pärts, sind Hélène Grimaud und Radoslaw Szulc in großer Liebe zu den „Tintinnabuli“-Klängen, die an zarte Glocken erinnern, verbunden: Über Grimauds wunderbar ebenmäßig gesetzten, fein ausgeleuchteten Klängen kann sich die Geige in großen Bögen und sensibler Dynamik entfalten, Klangstäbe setzen kleine Akzente, wie silbrige Perlenschnüre wirken die Linien, die die Pianistin und der Geiger in den weiten Raum schicken.

Klang gewordene Stille in Bregenz
Applaus im Festspielhaus: Radoslaw Szulc und Hélène Grimaud nach einem Abend der leisen Töne.

Balsam für die Seele

Silvestrovs „Bagatellen“ gestaltet Hélène Grimaud in einem hellen, fast kindlich wirkenden Klang, mit großem Atem und Anschlagskultur erzählt sie Geschichten, die in sich kreisen und die Phantasie wecken. Wenn das Streichorchester dann Silvestrovs „Stille Musik“ in zerbrechlich melancholischem Schweben intoniert, lauscht sie und genießt. Im Zusammenspiel von Klavier und Streichern in „Der Bote“ und „Zwei Dialoge mit Nachwort“ scheint es, als würden die Geister von Mozart und Schubert von ferne herüberwinken, das zarte Gespinst wird von sparsam gesetzten Akzenten, dem Wispern von aneinander geriebenen Styroporstücken oder dem dunklen Grollen der angeschlagenen Basssaiten beleuchtet: Balsam für die Seele!

Klang gewordene Stille in Bregenz