Nachgefragt bei Vorarlberger „Brennpunktschulen“

Der Chancenbonus soll elf Vorarlberger Schulen gezielt stärken. Die NEUE hat bei betroffenen Standorten nachgefragt. Viele Direktoren sehen neben der Unterstützung auch Risiken.
Mit dem sogenannten Chancenbonus will das Bildungsministerium gezielt Schulen unterstützen, die vor besonderen Herausforderungen stehen. Grundlage dafür sind unter anderem soziale Faktoren, Sprachförderbedarf und unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler.
Erstmals wurden in diesem Zusammenhang auch konkrete Schulstandorte benannt, die zusätzliche Ressourcen erhalten sollen. Mehr Personal, neue Unterstützungsangebote und größere Handlungsspielräume für die Schulen sind zentrale Elemente des Programms.
Doch genau diese öffentliche Einordnung sorgt für Diskussionen, auch im Hinblick auf die in der Kommunikation oft verwendete Bezeichnung als „Brennpunktschulen“. Was bedeutet es für eine Schule, Teil dieses Programms zu sein und damit auch als Standort mit erhöhtem Bedarf sichtbar zu werden? Hilft diese Form der Transparenz oder entsteht ein Stempel, der über den Schulalltag hinauswirkt? Die NEUE hat bei betroffenen Schulen in Vorarlberg nachgefragt.
Stigmatisierung
Bereits die Begrifflichkeit wird kritisch gesehen: „Der Begriff selbst kann schon kontrovers gesehen werden, da er schnell stigmatisierend wirkt“, sagt Brigitte Krassnig, Direktorin der Volksschule Rieden in Bregenz. In der öffentlichen Diskussion würden Probleme oft zugespitzt dargestellt. „Der Fokus liegt häufig auf den vorhandenen Problemen wie einkommensschwachen Familien, sprachlichen Defiziten und disziplinären Problemen“, so die Direktorin.
Dabei gehe jedoch Wesentliches verloren. „Wir werden häufig auf genau diese Probleme reduziert und es wird übersehen, dass es an vielfältigen Schulen wie der unseren auch viele positive Aspekte gibt.“ Ihre Schule in Bregenz beschreibt sie als „offene Schule, mit einer lernfreundlichen und abwechslungsreichen Atmosphäre und mit einer gelebten Willkommenskultur“.
Auch Sabine Müller, Direktorin der Lustenauer Mittelschule Kirchdorf, sieht die öffentliche Diskussion kritisch: „Aus unserer Sicht ist die öffentliche Diskussion teilweise einseitig und stigmatisierend. Mit der Bezeichnung ‚Brennpunktschule‘ wird vor allem auf Herausforderungen fokussiert.“ Positive Entwicklungen und das Engagement der Lehrpersonen würden dabei oft zu wenig wahrgenommen. „Viele wertvolle Aspekte unseres Schulalltags geraten in den Hintergrund.“
Eine Frage der Haltung
Helene Amann, Direktorin der Mittelschule Feldkirch Levis, sieht die Bezeichnung „Brennpunktschulen“ kritisch. „Dass die ausgewählten Schulen als auffällige Schulen beziehungsweise Brennpunktschulen bezeichnet werden, greift aus meiner Sicht zu kurz und wird der Situation nicht gerecht.“ Entscheidend sei eine andere Perspektive: „Es ist für mich mehr eine Frage der Haltung. Unsere Schule zeichnet sich durch viele Nationalitäten und Kulturen aus, welche als Schatz und nicht als Hindernis gesehen werden.“
Unumstritten ist hingegen, dass es an vielen Standorten erhöhte Herausforderungen gibt. „Nicht die Schule per se ist das Problem, sondern sich an Standorten in herausfordernden Lagen die gesellschaftlichen Probleme ungefiltert abbilden“, sagt Brigitte Krassnig.
Entwicklungschance
Die Idee hinter der Maßnahme wird grundsätzlich unterstützt. Bruno Jagg, Direktor der Volksschule Schendlingen in Bregenz, spricht von einem „Schritt in die richtige Richtung zu einem gerechteren Einsatz der Ressourcen“. Gleichzeitig sieht er die öffentliche Nennung der Standorte kritisch: „Das wäre aus meiner Sicht nicht unbedingt notwendig gewesen. Diese Maßnahme wird aber sicherlich keine negativen Auswirkungen auf die Schülerzahlen haben“, ist Jagg überzeugt.
Ähnlich argumentiert Beate Graß, Direktorin der Mittelschule Bludenz. „Wir sehen die Einordnung positiv, da unsere Herausforderungen mit der Einstufung der Schulen in SÖL-Kategorien datenbasiert aufgezeigt werden und entsprechend mehr Ressourcen und Personal zugeteilt werden.“ Die Teilnahme am Programm sei daher „durchaus als Entwicklungschance zu sehen“.
Auch Johanna Aschbacher, Direktorin der Volksschule Feldkirch Levis, sieht im Chancenbonus vor allem eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung, ordnet die Diskussion aber differenziert ein. „Die öffentliche Diskussion war absehbar, greift aber teilweise zu kurz. Begriffe wie ‚Brennpunktschule‘ werden der Realität an vielen Standorten nicht gerecht.“
Für sie steht weniger die Bezeichnung im Mittelpunkt als die Frage der Chancengerechtigkeit. „Gleichbehandlung ist nicht automatisch gerecht – manchmal braucht es gezielte Unterstützung, damit echte Fairness entsteht“, sagt Aschbacher. Die Einstufung selbst hält sie für nachvollziehbar. „Es geht dabei nicht ausschließlich um die sprachliche Herkunft, sondern vielmehr um die soziale Ausgangslage der Kinder.“ Viele seien benachteiligt, weil sich soziale Nachteile über Generationen fortsetzen.
Im Chancenbonus sieht Aschbacher daher die Chance, neue Wege zu gehen. Besonders hebt sie die Arbeit in multiprofessionellen Teams hervor. „Es geht aus meiner Sicht nicht darum, mehr vom Gleichen zu bekommen, sondern neue Wege zu gehen und andere Perspektiven einzubringen.“
Umsetzbarkeit
Im Zentrum steht die Frage, ob die Maßnahmen auch tatsächlich greifen. Vorgesehen ist zusätzliches Personal, etwa Lehrpersonen oder Sozialpädagogen, doch die Umsetzung ist offen.
„Unserem Ressourcenantrag entsprechend sollen im kommenden Schuljahr zwei zusätzliche Lehrpersonen mit voller Lehrverpflichtung an der Schule arbeiten. In Vorarlberg ist die Umsetzung sicherlich eine große Herausforderung“, sagt Bruno Jagg mit Blick auf den bestehenden Personalmangel. Auch andere Direktoren verweisen darauf, dass die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte für die Umsetzbarkeit der Maßnahmen entscheidend sein wird.
„Die zusätzlichen Stellen bringen natürlich nur dann Wirkung, wenn sie auch tatsächlich besetzt werden können“, sagt Sabine Müller. Der aktuelle Personalmangel erschwere die Umsetzung, gleichzeitig eröffne das Programm durch unterschiedliche Berufsgruppen auch neue Möglichkeiten.
Ressourcenfrage
An den Schulen selbst wird die konkrete Unterstützung erst im kommenden Schuljahr wirksam. Gleichzeitig gibt es klare Vorstellungen, was helfen würde. Krassnig setzt auf multiprofessionelle Teams: Lehrpersonen, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und therapeutische Angebote. „Meiner Meinung nach kann es nur funktionieren, wenn ausreichend Ressourcen für solche multiprofessionellen Teams zur Verfügung gestellt werden“, erklärt sie. Auch Helene Amann sieht zusätzlichen Bedarf: „Darüber hinaus wären ausreichend qualifizierte Lehrpersonen sowie strukturelle Rahmenbedingungen wie kleinere Klassen für unsere Arbeit besonders hilfreich.“
Aus Sicht von Sabine Müller braucht es vor allem langfristige Lösungen. Kleinere Klassen, stabile personelle Ressourcen und gut vernetzte multiprofessionelle Teams seien entscheidend, um sowohl leistungsstarke Kinder als auch jene mit zusätzlichem Förderbedarf gezielt unterstützen zu können.
Damit zeigt sich ein Spannungsfeld: Die gezielte Förderung wird von den Schulen begrüßt. Gleichzeitig bleibt die öffentliche Einordnung zwischen notwendiger Unterstützung und möglicher Stigmatisierung sensibel.
Zeit zu liefern
Direktor Jagg von der Volksschule Bregenz Schendlingen bringt es schließlich auf den Punkt, wie der Chancenbonus in Vorarlberg gehandhabt werden wird: „Die Verantwortlichen in der Bildungsdirektion Vorarlberg werden sicherlich alles daransetzen, die Vorgaben des Ministeriums genau zu erfüllen. Die Schulstandorte wiederum werden die benötigte Unterstützung klar einfordern, um die großen Herausforderungen im Schulalltag besser bewältigen zu können.“
3 Fragen an…
… Dominik Meusburger, Leitung ifs Schulsozialarbeit

1. Wie erleben Sie die Herausforderungen im Schulalltag?
Meusburger: Wir sind aktuell an 55 Pflichtschulen in Vorarlberg tätig. Die Herausforderungen im schulischen Alltag sind vielfältig und zunehmend komplex. Der Bedarf an psychosozialer Unterstützung bei Kindern und Jugendlichen ist hoch. In der Praxis begegnen uns insbesondere Konflikte, etwa zwischen Schülern, mit Lehrpersonen oder im familiären Umfeld. Auch Ängste, Schulabsentismus, verschiedene Formen von Gewalt sowie psychische Belastungen wie Stress oder Überforderung spielen eine große Rolle.
2. Hilft die öffentliche Einstufung der Schulen?
Meusburger: Durch den Chancenbonus soll die Schule zusätzliches Personal erhalten, das gezielt eingesetzt werden kann. So ergeben sich mehr Möglichkeiten, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen und sowohl Schüler als auch Lehrpersonen im Schulalltag zu entlasten.
3. Erschwert sie Ihre Arbeit durch Stigmatisierung?
Meusburger: Stigmatisierung kann durchaus auftreten. Gleichzeitig kann aber auch das Gegenteil eintreten, indem sichtbar wird, wo zusätzliche Unterstützung vorhanden ist. Solche Schulen können dadurch für Schüler, Eltern und Lehrpersonen attraktiver werden. Grundsätzlich kommen die zusätzlichen Ressourcen an den Schulen an. Offen bleibt jedoch, ob ausreichend qualifiziertes Fachpersonal zur Verfügung steht, um die Stellen tatsächlich zu besetzen.