Vorarlberg

Bregenzer erlebte Drohnenangriff in Kiew mit: “Die Fensterscheiben im Luftschutzraum haben gewackelt”

16.04.2026 • 17:00 Uhr
Bregenzer erlebte Drohnenangriff in Kiew mit: "Die Fensterscheiben im Luftschutzraum haben gewackelt"
Valentin Fetz ist für die NGO “Building Bridges” regelmäßig in der Ukraine. ZVG (5)

Der Bregenzer Valentin Fetz engagiert sich unermüdlich mit der NGO “Building Bridges” für die Ukraine. Aktuell weilt er in Kiew und berichtet von russischen Drohnenangriffen und der Lebensrealität der Menschen vor Ort.

“Ich bin müde, habe wenig geschlafen”, erklärt Valentin Fetz zu Beginn des Videocalls mit der NEUE. Es ist Donnerstag, 9 Uhr in Vorarlberg und 10 Uhr in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, wo sich der Bregenzer aktuell aufhält. Für seine NGO “Building Bridges” reist der 31-jährige Bregenzer, der aktuell in Prag wohnt, regelmäßig in das Land, das nun schon seit mehr als vier Jahren russischen Angriffen ausgesetzt ist.

Bregenzer erlebte Drohnenangriff in Kiew mit: "Die Fensterscheiben im Luftschutzraum haben gewackelt"
Die NEUE erreichte Valentin Fetz per Videocall in Kiew. screenshot

So auch in der Nacht auf Donnerstag: “Den ersten Alarm gab es am gestern [Mittwoch], etwa um 20 Uhr, dann heute [Donnerstag] um ungefähr 2.30 Uhr und nochmals um 4 Uhr.” Ein Alarm wird zwar nicht zum Spaß ausgerufen, aber er bedeutet nicht immer, dass eine unmittelbare Drohung bevorsteht. In dem Fall war es allerdings so, dass im Raum Kyjiw* und auch in der Stadt mehrere Drohnen und ballistische Raketen eingeschlagen sind. Mittlerweile sind wir bei 45 Schwerverletzten und mehreren Todesopfern, darunter auch ein zwölfjähriges Kind”, schildert er.

Gezielte Angriffe auf Rettungskräfte

Die russische Armee setzte auf sogenannte “Double-Tap-Angriffe”, wie Fetz erklärt. “Sie schießen Drohnen in ein Wohngebiet und warten, bis die Einsatzkräfte eintreffen, um gezielt Sanitäter und Feuerwehrleute zu töten.” Das sei auch in besagter Nacht der Fall gewesen. “Die Explosion war relativ weit weg vom Stadtzentrum, wo ich mich befinde. Trotzdem haben die Fensterscheiben im Luftschutzraum aufgrund der Druckwelle gewackelt. Es war sehr laut und spürbar.”

Bregenzer erlebte Drohnenangriff in Kiew mit: "Die Fensterscheiben im Luftschutzraum haben gewackelt"
Die beschädigten Gebäude nach dem Drohnenangriff in der Nacht auf Donnerstag.

Trotz dieser Erlebnisse in der Ukraine sieht sich Fetz als “sehr privilegiert” an: “Ich habe die Möglichkeit, wieder nach Hause zu fahren. Für eine gewisse Zeit bin ich da und nehme so viele Eindrücke mit, wie ich kann. Aber ich darf wieder gehen. Das können viele Ukrainer nicht.”

Bregenzer erlebte Drohnenangriff in Kiew mit: "Die Fensterscheiben im Luftschutzraum haben gewackelt"
Fetz vor einem zerstörten Bürogebäude in der Stadt Irpin.

Diese Eindrücke sind vielfältig: “Leben und Tod sind in der Ukraine nahe beisammen. Der Tag vor den Angriffen war wunderschön: Strahlend blauer Himmel, tolles Frühlingswetter mit 18 Grad, überall blühen die Kastanienbäume. Es ist regelrecht malerisch. Von einem Moment auf den nächsten wirst du wieder in die Realität des Kriegs zurückgeholt.” Sirenenalarm, schneller Rückzug in den Luftschutzraum, zerstörte Gebäude und zerstörte Familien in unmittelbarer Nähe – das hinterlässt Spuren. “Solche Erlebnisse sind schmerzhaft, aber sie rufen einem in Erinnerung, warum man diese Dinge macht. Es lässt einen stärker spüren und motiviert zusätzlich. Der Grund, warum wir in Bregenz oder in Prag ins Bett gehen und ruhig schlafen können, ist, weil in der Ukraine Menschen mit ihrem Leben dafür bezahlen. Das ist die Realität.” Die Eindrücke aber nicht an Fetz vorbei: “Wenn ich bei mir in Prag ein Motorrad starten höre, zucke ich zusammen. Das Geräusch ist ähnlich wie das einer Drohne.”

Kooperation mit Bregenz rettet Leben in der Ukraine

Mit “diesen Dingen” meint Fetz seinen Einsatz für “Building Bridges”. Die NGO vermittelt Kooperationen zwischen Gemeinden, Städten und Organisationen in der EU und in der Ukraine. So ist beispielsweise die Städtepartnerschaft zwischen Bregenz und Jaremtsche entstanden. “Das jüngste Beispiel dieser Kooperation ist die Krankenhauspartnerschaft zwischen dem LKH Bregenz und dem Stadtspital in Jaremtsche. Letzte Woche hatten wir fünf ukrainische Ärzte vor Ort, die ein Arbeitsprogramm durchlaufen haben. Für sie ist es spannend, Einblicke zu bekommen, wie in einem österreichischen Krankenhaus mit ganz anderen technologischen Möglichkeiten gearbeitet wird. Das Know-how, das sie mitnehmen, wird in der Ukraine Patienten das Leben retten”, erklärt der 31-Jährige und spricht im selben Atemzug einen großen Dank an die Mitwirkenden der Partnerschaft aus: “Von der obersten Leitung der Krankenhausbetriebsgesellschaft bis zum Spitalspersonal in Bregenz war das nie ein großes Thema, alle haben von Anfang an mitgeholfen. Das macht die Arbeit deutlich unkomplizierter und unbürokratischer.”

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Die Vorstellung der Krankenhauspartnerschaft zwischen Bregenz und Jaremtsche vergangene Woche. KHBG/Mathis

Auch das Bundesgymnasium Gallus ist an der Städtepartnerschaft beteiligt und nimmt im Sommer rund ein Dutzend ukrainische Austauschschüler auf. “Wir sind auch mit anderen Vorarlberger Gemeinden im engen Kontakt”, lässt Fetz durchblicken. Namen könne er aktuell noch nicht nennen, aber in naher Zukunft werde es weitere Kooperationen und Partnerschaftsprojekte zu verkünden geben. Die Netzwerkpflege und das Knüpfen neuer Kontakte sind zentrale Gründe, warum der Bregenzer regelmäßig die Ukraine besucht.

Das wahre Gesicht des Kriegs

Die Reisen in die Ukraine helfen Fetz, das “wahre, ungetrübte Gesicht” des Angriffskrieges zu erleben, “damit man als Freiwilliger auch weiß, wovon man redet. Ein Besuch vor Ort hilft auch enorm, um russischer Desinformation entgegenzuwirken. Wenn man es mit eigenen Augen sieht, gibt es nichts mehr, was man verleugnen oder anders darstellen kann”, betont er.

Bregenzer erlebte Drohnenangriff in Kiew mit: "Die Fensterscheiben im Luftschutzraum haben gewackelt"
“Als ich den Damenschuh gesehen habe, hat es mir die Nackenhaare aufgestellt”, schreibt Fetz zu dieser Aufnahme aus einem zerstörten Gebäude.

“Vier Jahre lang kann ein ganzes Land nicht den mentalen Ausnahmezustand aufrechterhalten”, antwortet Fetz auf die Frage, wie die Lebensrealität in der Ukraine aussieht. “Die Menschen versuchen so gut es möglich ist, ihr Leben weiterzuleben, ihrer Arbeit nachzugehen und irgendwie zu schauen, dass man durchkommt. Es gibt wahrscheinlich keine ukrainische Familie, die nicht irgendein Familienmitglied an der Front hat oder jemanden durch den Krieg verloren hat. Im Westen der Ukraine sieht man die Langzeitfolgen, dort kommen Kriegsversehrte und Binnenflüchtlinge hin. Je weiter man ostwärts geht, desto unmittelbarer wird der Krieg auch in dem Sinne spürbar, wie man ihn sich vorstellt”, führt der 31-Jährige aus. Wirklich sicher vor Drohnenangriffen sei man jedoch in keinem Teil des Landes.

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Eine gesprengte Autobahnbrücke in Irpin.

Dennoch lassen sich die Ukrainer nicht brechen: “Sie verteidigen ihr Land, ihre Heimat und die Menschen, die sie lieben. Und sie spüren deutlicher, als wir es vielleicht wahrnehmen, dass es um mehr als ihr Zuhause geht. Ich habe mich gestern Abend mit einer Freundin getroffen, die freiwillig der ukrainischen Armee beigetreten ist und jetzt gerade Fronturlaub hat. Eines der ersten Dinge, die sie mir gesagt hat, war: ‘Ich hoffe, dass dieser Krieg, wenn er denn sein muss, nur in unserem Land bleibt und nicht auf Europa überschwappt.’ Ich weiß nicht, ob ich in ihrer Situation so umfassend denken würde.” Das zeige, was der Krieg für die Ukraine bedeutet: “Viele sind sich dessen bewusst, dass es um mehr geht, als ‘nur’ um die Ukraine – sondern auch um Europa.”

Freude über ungarisches Wahlergebnis

Stichwort Europa: Die Wahl in Ungarn ließ auch Fetz nicht kalt. “Ich habe sie am Sonntag in L’viv* verfolgt. Es war ein großes Aufatmen, nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa. Ich spüre, dass das Wahlergebnis ein ermutigendes Signal ist. Die ‘Polterer’ im Parlament, am Wirtshaus-Stammtisch oder an der Computertastatur, die sich eine autoritärere Richtung wie unter Orbán wünschen, die Brüssel und Kyjiw* an allem die Schuld geben, sind vielleicht laut, aber sie sind nicht die Mehrheit. In Ungarn hat man gut gesehen, dass sich die Mehrheit der Menschen ein stärkeres und geeinteres Europa wünscht. Sie wissen, was die Ukraine für uns leistet und wollen mehr Unterstützung für die Ukraine. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Entwicklung in anderen Ländern Europas und im November in den USA fortsetzen wird.”

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*Ukrainische Städtenamen

Valentin Fetz verwendet konsequent die ukrainische Bezeichnung und Aussprache von Städten (L’viv statt Lwiw oder Kyjiw statt Kiew). “Viele der hierzulande verwendeten Namen basieren auf dem Russischen. Daher habe ich mir angewöhnt, die ukrainische Schreibweise zu verwenden”, erklärt er. Die NEUE benutzt im Fließtext wie gehabt die im deutschsprachigen Raum geläufige Schreibweise, in Direktzitaten von Fetz ist die ukrainische Schreibweise mit * in Verwendung.

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)