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Kunst aus den Farben der Fiktion

21.04.2026 • 18:28 Uhr
Kunst aus den Farben der Fiktion
Künstlerin Lea Kubeneck begann vor acht Jahren mit „colorit“. STIPLOVSEK(6)

Literaturhaus Vorarlberg zeigt mit„colorit“ eine Ausstellung, die literarische Texte grafisch übersetzt.

Mit ihrer Serie „colorit“ übersetzt Lea Kubeneck Farbnennungen literarischer Texte in das Medium der Grafik. Die 1993 geborene Künstlerin ist jetzt mit einer Auswahl ihrer Werke im Literaturhaus Vorarlberg vertreten. Bevor die Ausstellung am 22. April eröffnet wird, sprach Kubeneck mit der NEUE über die Geschichte und innewohnende Logik ihrer Kunst.

Kunst aus den Farben der Fiktion

Christian Kracht und Farbenpracht

Ausgangspunkt der Arbeit war ein Seminar an der Uni Basel vor acht Jahren. Staunend bemerkte die Literaturwissenschaftlerin eine „wahnsinnig hohe Farbdichte“ in Christian Krachts Roman „1979“ und entwickelte daraus die These: „Das Storytelling, auch auf einer anderen Ebene, als sie von Autorinnen gewählt wurden, möglich ist.“

Kunst aus den Farben der Fiktion

So entstand ein striktes Verfahren, das mit „1979“ begann und schon über 100 weitere Anwendungen fand. Kubeneck arbeitet dabei ausschließlich mit analogen Büchern, in denen sie jede erwähnte Farbe markiert, möglichst konkretisiert und schließlich in ein grafisches System überführt. Das Resultat sind streng komponierte, quadratische Farbfelder, die den Text linear abbilden. „Ganz demokratisch bekommt jede Farbnennung die gleiche Aufmerksamkeit“, schildert die Künstlerin.

Programme wie ChatGPT kommen dabei nicht infrage. Nicht zuletzt, da sie die Software mit Copyright-geschützten Texten versorgen müsste, was „eine gewisse kriminelle Energie“ verlangt.

Kunst aus den Farben der Fiktion

Beispiel Frankenstein

„Seine gelbliche Haut genügte kaum, um das Geflecht von Muskeln und Adern zu decken; sein Haar war glänzend schwarz und lang; seine Zähne wie Perlen.“ Diese Passage aus der deutschen Übersetzung von Mary Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) erscheint bei „colorit“ in Form von drei gleich langen Streifen: erst Gelb, dann Schwarz und Perlweiß.

Kunst aus den Farben der Fiktion

Die Grafiken erlauben einen seltenen Blick auf Dramaturgie und Struktur. Weder Orte noch Personen sind im Destillat sichtbar, wobei Kenner der Texte Stellen wiedererkennen können.

Kunst aus den Farben der Fiktion

Besondere Eröffnung

Die Ausstellung „colorit“ wird am 22. April um 19 Uhr, im Literaturhaus Vorarlberg eröffnet. Die anmeldepflichtige Veranstaltung verlangt von den Besuchern ein Eintrittsgeld in selbstgewählter Höhe (pay as you wish), bietet aber weit mehr als eine klassische Eröffnung. So wird der deutsche Autor Heinz Helle (Jahrgang 1978) aus seinem Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“ vorlesen, der auch als „colorit“-Version in Hohenems zu sehen ist. Kubeneck und Helle kennen sich von früheren Veranstaltungen und treffen sich hier unter der Moderation der Literaturhaus-Geschäftsführerin Frauke Kühn zum Gespräch. Die Schau kann während der regulären Öffnungszeit der Institution bei freiem Eintritt besucht werden. Sie ist bis 26. Juni ausgestellt.